Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 27. Oktober 1921 (Berlin)


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Berlin, den 27.X.21. früh 11 Uhr.
Mein Lieb!
Ich eile, Dir von meinen weiteren Schicksalen Nachricht zu geben. Denn in den nächsten Tagen wird zu Privatsachen nicht viel Zeit sein. In P. erhielt ich noch die Genehmigung des Ministeriums zum Ausfall der Vorlesung. Den letzten Morgen genoß ich in strenger, sonniger Kälte beim Abschiedsblick auf das Karwendel, das mich im Lauf der Jahre fast zum Berganbeter gemacht hat. Mit allem Guten versehen u. ohne jeden tragischen Abschied von Felizitas fuhr ich um ½ 1 davon. Frau Witting ist seit vorigem Jahr gealtert, ruhiger, ohne glücklich zu sein; geistig nicht mehr so stark interessiert wie früher. Wir paßten da gut zusammen. Es ist ja auch ein Problem, ob sie diese Seite in sich kultivieren soll. Die
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| Kinder ziehen sich deshalb nur stärker zurück. Sie scheinen zu denken: das ist Muttis und Sprangers Welt, und wir haben eine andere, ja, wir wollen eine andere haben. Ausspruch der Felizitas: ich will nicht gescheit werden. Sie hockt bei den Klosterfrauen u. hat nichts für ihre werdende Seele, scheint allzu viel auch nicht zu brauchen.
In der Bahn konnte ich anfangs Zug nicht vermeiden. Nach kurzer Zeit trat wieder die Pulsbeschleunigung [über der Zeile] 90-100 ein, mit dem abnormen Gesamtbefinden, wie auf der Fahrt Heidelberg - Jena. Da es auf allen 3 Etappen so war, heut aber nicht [über der Zeile] (75), so muß ich annehmen, daß das irgendwie mit der Erschütterung zusammenhängt. Ist nicht die Niere dagegen empfindlich? Befund heut morgen auch etwas befremdlich [unter der Zeile] (genau wie in Stuttgart). Jedenfalls: gesund bin ich noch nicht; die rechte Schulter ist immer noch schmerzhaft und in der Bewegung mehr oder weniger empfindlich. In München empfing mich Kersch. und verschleppte mich in s. Wohnung. Es war in M. sehr rauh. Doch habe ich mich
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| nicht, auch nachher nicht im ungeheizten Zug nach Reg. erkältet. Ks Wohnung sehr schön, Frau nett, Tee. Er selbst jugendlich, auch von der herrschenden*) [Kopf] *) Was er von Vollmer erzählte, erklärt vieles. - Tanzwut ergriffen. Er brachte mich wieder an die Bahn. Im guten Hôtel Maximilian Regensb. ersetzte ich Heizung durch Rotwein, schlief gut. Am nächsten Morgen in frischer, rauher Luft in die Stadt: den herrlichen Dom u. die Donaubrücke konnte ich wenigstens besuchen und Totaleindruck haben. Gute Fahrt 11 Stunden bis Berlin. In Leipzig Kiehmchen am Bhf. In Berlin Susanne - aber auch - Dr. Birkemeier, wenig passend, gut gemeint. Zu Hause nicht Frl. Guttmann: aber 1) Rosen u. 3 Packete Chokolade v. Birkemeier (!?) 2) Nelken v. unbekannt, wahrscheinl. Susanne 3) Kuchen v. Adelheid. 4) Im Auftrage des Kaisers farbiges Bild v. d. Aufbahrung der Kaiserin im Hause Doorn. Was ist Grund dieser - keineswegs allen [über der Zeile] von uns zugehenden - Sendungen?
Heut Nachm. Sprechstunde u. Fakultätssitzung. Kellnerstreik. Auch Mietsautostreik, sehr angenehm.
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Wenn ich jetzt gesundheitlich bald in Ordnung komme, so werde ich das Wohnungsproblem schnell in die Hand nehmen. Das Schlafzimmer ist ein Loch. Ich bezahle zu viel, gemessen an Qualität. Dein Hiersein in den beiden ersten Monaten 1922 wird für mich unter allen Umständen (auch ohne Umzug) schön sein; natürlich haben wir beide unsre Arbeit. Ich würde aber in Deinem Interesse gern sehen, daß Du die Entscheidung, wenn es geht, hinausschiebst. Denn Du kommst ja auch nie zur Ruhe. Deine Einrichtungsprobleme in H. beurteile ich natürlich längst mit Sorge. Aber über diesen Winter kommen wir wohl noch fort, und wenn ich hier in gesünderen Verhältnissen existiere, so kann unsere Gemeinsamkeit sich auch nach der praktischen Seite hin sich besser auswirken, was Dir hoffentlich ebenso selbstverständlich ist, wie mir alles, was ich empfange. Über diese Fragen hoffentlich schon in den nächsten Wochen Konkretes.
Für heut viele herzliche Grüße, auch an unsre Freundin
Dein Eduard.