Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 2. November 1921 (Berlin)


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Berlin, den 2. November 1921.
Mein Geliebtes!
Das wird ein endloser Brief werden. Deshalb nehme ich das große in Wasser getunkte Papier. Zunächst muß ich wieder mit dem Dank anfangen, vor allem für Deine lieben Zeilen; nicht minder für das [über der Zeile] vorgestern eingetroffene Packet. Die Post hatte die Verpackung ausgebessert; ich habe dabei 6 m Bindfaden verdient. Innen war alles in Ordnung. 3 Hemden, nicht wahr? Dank für die Stahlfedern u. für alles.
Ich möchte nicht mit den Geldsachen beginnen. Aber es ist doch gut, gleich zu Anfang das Geschäftliche abzutun. Vor allem habe ich eine große Bitte, die Du mir nicht abschlagen kannst, ohne mich zu kränken. Ich hätte gern, daß Du von unsrem Gelde 200 M dazu verwendetest, jetzt einiges anzuschaffen, was Deine Ernährung u. Behaglichkeit verbessern kann: Kaffee, Chokolade, Kakao, Honig oder was es sei. Es wäre ja viel hübscher, wenn ich Dir dies alles in natura schickte. Aber Du kennst meine Ungeschicklichkeit im Einkaufen. - Sodann: Lore ist seit kurzem da u. hat von Wien erzählt. Die Vorgänge sind lehrreich, weil wir ja rapid dahin steuern. Ich fragte, wovon der Mittelstand lebt, der nicht "schiebt". Antwort: Vom Spekulieren u. vom Sachenverkaufen. (cf. Mittelstandsverkauf in Heidelberg.) Soeben war ich bei Frau Nußbaum zum Tee u. berührte dasselbe Thema. Sie setzte mir (auf Grund hochverständiger Berater) auseinander, daß es das Richtige sei, jetzt zu spekulieren, d. h. Staatspapiere zu verkaufen u. Industriepapiere anzuschaffen, um mit ihnen Geld zu machen. Du schreibst, der Vorstand täte es schon. Ich möchte Dir nicht gerade dazu raten - weiß ich doch für mich selbst nicht, wie man es macht - aber ich empfehle, es zu überlegen u. mit Sachverständigen (auch dem Onkel) zu erörtern. Ebenso soll man, was man braucht u. hinlegen kann, ja jetzt noch einkaufen, da die Entwertung des Geldes rapide fortschreite. In dieser Hinsicht bitte ich Dich, für uns zusammen (außer dem oben Erbetenen) von unsrem Gelde dort ganz nach Befinden zu kaufen.
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| Vielleicht besser in Frankfurt, wo Du ja ohnedies hinwolltest.
Daran knüpfe ich gleich die Bitte, dann dort auch mit Johanna Wezel zu sprechen. Ehe mit Dir keine Aussprache gewesen ist, finde ich nichtden rechten Ton, ihr auf ihre 5-6 Briefe zu antworten.
Nun zu meinem Bericht. Ich habe 3 Sprechstunden abgehalten. In der ersten waren 85, in der zweiten 80, in der dritten ca 50. Bis jetzt haben sich 200 Mitglieder zu den Übungen gemeldet. Aber gestern beim Beginn waren 300 da. Viele mußten stehen. Es gibt kein ausreichendes Auditorium. Eine Parodie auf K. d. v. V.! Aber es beweist, daß die Leute durchaus zu mir wollen. Und überhaupt: als ich hier in den ersten 3 Tagen fühlte, wie viele in ihrer geistigen Existenz von mir abhängen, da stieg mein Lebenswille wieder erheblich. Ich bin noch nicht entbehrlich. Deshalb muß ich gesund werden.
Aber ich bin es noch nicht. Die erwartete Verschlimmerung ist Gottlob nicht eingetreten. Jedoch auch keine Besserung. Der rechte Arm ist noch im Gelenk affiziert, der Griff nach der Brieftasche - aus doppeltem Grunde - schmerzhaft. Puls oft für m. Verhältnisse sehr hoch, anscheinend auch Fieber (jedoch keinerlei Erkältung oder Husten.) Schlaf sehr gut u. reichlich. Appetit normal. Ich nehme keine inneren Mittel, wegen Herz u. Magen. Nur Dermasan (Du weißt ja.) Außerdem Stiefmütterchentee, den Susanne bereitet. Sehr gut tat erst das Seidenläppchen. Jetzt die erweiterten dickwollenen Pulswärmer v. M. Hilgenfeld am Oberarm. Dabei fällt mir ein: Du hast im Sommer m. Winterhandschuhe (2 Paar, beide von Dir) in der Zigarrenkiste gefunden. Die Kiste ist jetzt leer. Hast Du sie vielleicht mitgenommen oder anderwärts untergebracht? Sonst vermisse ich hier nichts. Die Pulswärmer (in der 2. Kiste) waren da.
Verschiedene Vorgänge u. Symptome haben mich veranlaßt, die Wohnungssache beschleunigt zu betreiben. Frl. Guttmann erklärte mir, sie sei dem wirtschaftl. Betriebe nicht mehr gewachsen, müsse Pension sehr steigern; ob ich lieber auswärts essen
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| wolle. Dies habe ich abgelehnt, obwohl es natürlich erheblich billiger ist. Für Juni - Juli berechnete sie mir 80 M Gas (von einer Rechnung über 210). Vielleicht wären 60 berechtigt. Du weißt ja, daß ich Petroleum brenne. Mir scheint dies zu beweisen, daß ich gemolken werden soll. Kurz, ich strebe energisch hinaus.
Gestern war ich Heut vormittag also war ich bei Frau Ewert. Eindruck sehr gut. Sie ist zu allem bereit, sprach sehr verständig und scheint ganz der Mensch, der für eine solche Aufgabe paßt. Dieser Knoten also gelöst. Gleich heut Nachm. war ich bei dem Spediteur Knauer, der ein Wohnungstauschbureau hat, und ließ mich einschreiben. Dies wird schwieriger, schon wegen der nötigen Besichtigungen in der Pestalozzistr, ohne daß Frl. Schelck Verdacht schöpft. Die Auswahl ist übrigens sehr groß. Ich hoffe, die ganze Angelegenheit in 2 Monaten zu regulieren. Schon deshalb, weil wir mit den neuen Gehältern momentan noch einen Papierzufluß erhalten. Damit kann ich die Unkosten decken. Wer weiß, wie es im April damit steht. Auch muß ich die in mir lebendige Entschlußkraft ausnützen, die durch die Widerstände schnell erlahmen würde. Ich hoffe dann, nicht in gute, aber in normale Verhältnisse zu kommen. Dann kann ich mir in Heidelberg ein Zimmer mieten!
Was sagst Du dazu, daß Becker seit gestern nicht mehr Minister ist? Er scheint doch nicht sehr geschickt gewesen zu sein. Denn die Sozialdemokraten haben gerade bei ihm erklärt, daß sie das Ministergehalt nicht bewilligen würden. Auch hier also alles im Unbestimmten.
Laß Dir nur vorläufig die Deutsche Lehrerzeitung schicken. Ich brauche sie nicht u. bin froh, wenn ich sie nicht sehe. Bei Gelegenheit werde ich doch mal mit Pretzel (dessen Frau schwer krank) über diese ganze aussichtslose Politik reden. Im Cassirer bitte ich Dich, nur für das 1. u. 3. Kapitel m. <Zeichnung: drei kleine, nach oben geöffnete Halbbögen> mit Seitenzahlen u. Zeile aufzuschreiben, wenn Du Zeit hast, dann das Buch abzugeben.
Ein ungeheuerer Stoß von Manuskripten, z. T. sehr verrückten, liegt bei mir oder ist schon erledigt. Zu einer "Vorlesung" hätte ich weiß Gott neben dem allen
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| keine Zeit. Bisher bin ich nicht einmal zur Ausarbeitung der Jenenser Rede gekommen, die bis 1.X. fertig sein soll. Noch viel weniger zum "Ich".
Mein Vater hat mich am Sonnabend besucht. Es geht ihm gut. Er hat mit Susanne ausgerechnet, daß er z. Z. alle 14 Tage ohne Heizung mindestens 600 M braucht. Täglich gehen 9 M allein für seine "Gewohnheiten", d. h. die beiden Schoppen drauf = 3200 M im Jahr. Du siehst, da muß dann doch an andrer Stelle gespart werden. Viele Kleinigkeiten machen schon etwas aus: z. B. 1 Zeitung statt 2 bedeutet 180 M statt 360 M. Es scheint fast, als ob für 3000 M (statt 6000) eine ganz gute Wohnung zu haben wäre. Meine Sonderbedienung mit 720 M fällt auch fort. Anderes kommt natürlich hinzu und vieles (wie Licht u. Heizung bleibt doppelt.)
Riehls sind, mit Ausnahme von Heyse, alle wieder da. Frau Riehl habe ich am Sonntag nur 1 Minute gesprochen, da sie sehr erkältet war. Mit Troeltsch war es wiederholt ganz nett. Ich sage ihm allerhand Wahrheiten.
Das Mittagessen ist durch den Gasthausstreik erschwert. Doch habe ich Sonntag für 16 M in der Ansbacherstr. glänzend gegessen, u. Dienstag für 8 M im vegetarischen Restaurant gut.
Wahrscheinlich ist das lange noch nicht alles. Was ich in Deinem lieben Brief nicht ausdrücklich erwähne, habe ich doch mit lebhafter Teilnahme in mich aufgenommen. Ich schließe für heut, da ich doch bald weiter zu berichten haben werde, und da das Schreiben auf diesem Papier eine Teufelsqual ist.
Viel innige Grüße und tausend Dank. Dem Vorstand auch ein herzliches Gedenken und der Anna das, was sie verdient.
In täglichem herzlichen Gedenken
Dein
Eduard.