Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 11. November 1921 (Berlin)


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Berlin, den 19. November 1921.
Mein Geliebtes!
Du hast lange nichts von mir gehört, weil ich plötzlich sehr fleißig wurde und in einigen Tagen das Ms der Jenaer Rede fertig machte. Es wurde mit Vorrede und Anmerkungen 125 Seiten lang, also sehr erweitert. Eben habe ich es auf die Post gebracht. Nun will ich Dir einen kurzen Gruß senden und das Nötigste berichten, vor allem aber für Deine lieben Zeilen vom 10.XI. danken. In Sachen eines noch so geringen Zuschusses zu Deinem Leben bist Du sehr unfolgsam. Ich werde mir auch nichts mehr gefallen lassen. Es ist schon unrecht, daß Du Dir von Frau Weise "einheizen" läßt und nicht von mir. Ja sogar von dem Hautfritzen nimmst Du ein Landbrot; mir aber willst Du nicht aus der Hand fressen. Du bist sehr vielseitig beschäftigt. Ich träume mich gern in Dein Zimmer, wo ich zu Hause bin. Hier bei mir gefällt es mir garnicht mehr.
Der Rheumatismus plagt mich noch recht sehr. Er hat sich buchstäblich im rechten Schultergelenk festgesetzt. Seit einigen Tagen trage ich ein von Dora Thümmel geliehenes Katzenfell. Abends lege ich erst m. Decke ins Bett u. mich mit den Unterkleidern hinein. So geht es einigermaßen. Aber die Luft ist feucht u. kalt. - In m. Adern zieht irgend etwas umher. Manchmal kann ich an den Schmerzstellen die Verdickung fühlen. (Aber die Nierentätigkeit ist eher zu stark als zu schwach.) Bei Frostwetter geht es besser. Bei feuchtem Wetter muß ich irgend eine Pille nehmen, die dann in der Regel für 1 Tag hilft.
Am Dienstag fiel die Übung aus, wegen einer Oberschlesiendemonstration, die besser verlief, als ich erwartet hatte. Diese zusammenhängende Zeit benutzte ich zum Ausarbeiten. Nun aber ist sehr viel Laufendes liegen geblieben. Außerdem ist jeden Tag Besuch, meist von auswärts, manchmal zwei. Drei Tage hintereinander sammelte ich Jugendbewegungseindrücke. Sie attachieren sich immer mehr an mich. Vorigen Sonntag nach einer "Jungdeutschlandversammlung" (= national-militaristisch) fuhr ich mit Sus. nach Pankow, aß mit ihr glänzend für 15 M bei Linder; dann Park. Und zum Schluß fanden wir den Broseschen Park offen. Wir gingen hinein, und ich feierte Erinnerungen. Abends Riehls.
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In der Wohnungssache bin ich ziemlich mutlos geworden. Alle wollen sich vergrößern, niemand in so ein Dreckloch. Ich habe mich noch mit einer anderen Gesellschaft für 108 M Bezahlung in Verbindung gesetzt. Man sagte mir, ohne "Abstand" werde es kaum glücken. Ich würde auch da bis 3000 M gehen, wenn es sonst paßt. - Heute endlich habe ich auch m. Vater mündlich verständigt. Es ging in Ruhe u. relativ gut ab. Natürlich legte er das Schwergewicht auf Nebenpunkte; trauert um die Schelck. Ich habe vor allem Angst, daß sie mir bei Beginn der Besichtigungen vor der Zeit fortläuft. Das ist der schlimmste Punkt: kein positiver Ersatz, dafür aber Verlust dessen was ich habe.
Hier in Berlin hat man das Gefühl der Rutschbahn. Kein Mensch fragt mehr, was es kostet. Jeder denkt: Wie lange überhaupt noch? Seit ein paar Tagen täglich Plünderungen von Lebensmittelgeschäften in den verschiedensten Stadtgegenden. Andrerseits starke Konsolidation von rechts.
Sehr unrecht war es, daß Du mit Deinen Augen so lange gewartet hast. Auch da natürlich gewartet, bis Frau Weise kam, nicht auf mich. Du bist ein Individualbolschewist.
Herr Dr. Gazert nahm für jeden Besuch 40 M; meist kam er zwischen 9 und ½ 10 abends; zusammen 200 M. Haarschneiden u. Kopfwaschen kostet 10 M. Für ein mündl. Staatsexamen mit Fahrt hin u. her bekomme ich 2,50 M. - Mit Herrn Becker stehe ich in Korrespondenz. - Bei den Deinen war ich noch immer nicht. Ich bin nicht unternehmend, u. jeden Tag ist schon etwas. In 1 Stunde kommt Muthesius, der Notgemeinschaftsquerulant, morgen Otto, Direktor in Reinickendorf, Montag Litt.
Zum Schluß noch êtwas Erfreuliches. Von den Lebensformen sollen ca 1200 Exemplare bereits verkauft sein. Niemeyer meint, wir könnten im Januar an eine neue Aufl. denken. Doch soll davon nicht gesprochen werden. Er kommt nächstens auch her. Vielleicht die neue Aufl. in Manuldruck, falls ich nichts ändere. Heinrich Maier kommt demnächst. Von Herre, Nieschling, Ludwig sehe ich nichts. Für heut genug. Aber dazu viele Grüße und Küsse in treuer Liebe Dein
Eduard.

Viele Grüße an den Vorstand.
[Kopf] Scheler möchte durch m. Vermittlung nach Wien. Die Wiener u. die Danziger wünschen m. Rat in Besetzungssachen
[Kopf S. 1] Mit dem Packet dauert es noch ein bißchen.