Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 29. November 1921 (Berlin)


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Berlin, den 29. November 1921.
Mein Liebes! Herr Dr. v. Zastrow, den ich seit ½ Stunde erwarte, wird gewiß sogleich kommen, wenn ich anfange, an Dich zu schreiben. Es ist eine ganze Menge Stoff, und ich fürchte, es wird ein bißchen durcheinander gehn. Also vor allem: ich freue mich Deiner Frische und Unternehmungslust. Frostwetter war immer Dein Fall. Aber bitte davon auch ein wenig Kraft zu kapitalisieren und nicht alles gleich auszugeben. Es ist mit der Gesundheit anders als mit dem Gelde, jetzt! Daß Du den Posten der Schriftführerin niedergelegt hast, ist mir aus diesem Grunde schon recht. Denn das ist der arbeitsreichste Posten. Gelegentliche Aushilfe wird dadurch ja wohl nicht ausgeschlossen. Im übrigen hast Du an mir so viele soziale Tätigkeit zu üben, daß das wohl Deine Zeit neben dem Zeichnen ganz ausfüllen wird. Das Virchow-Archiv werde ich wahrscheinlich erst zu sehen bekommen, wenn ich mal (für die neuen Fahrpreise) nach Heidelberg fahre. Deine Finanzoperationen verstehe ich garnicht. Entweder hast Du da eine Zahl falsch aufgeschrieben, oder ich bin zu dumm für das Geschäft. In jedem Fall: Glückauf! - Die Vermietung kommt als Reisegrund für Dich nicht mehr in Frage. Ich nehme bestimmt an, daß ich Deine Hilfe hier im Winter sehr brauchen werde. Eben deshalb wollen wir nichts vor der Zeit beschließen. Meine Wohnungssache kommt keinen Schritt voran. Ich denke jetzt noch an eine direkte Annonce für schweres Geld im Lokalanzeiger; dann ist die letzte Beschleunigung versucht und es heißt dann abwarten und versuchen. Die Leute antworten z. T. nicht einmal auf Einsendung des Rückportos.
Du beschäftigst Dich in Deiner liebevollen Fürsorge viel mit meiner Gesundheit. Es ist in der letzten Zeit besser, wenn ich nicht zu viel schreiben muß. Das Katzenfell, das ich Tag u. Nacht trage, hilft; außerdem meine neue Methode des Schlafengehens. Ganz wegzubekommen ist die Sache im Winter nicht. Ich danke Dir für das schöne (symbolische) Katzenfell. Das von D. Th. habe ich unbedenklich genommen. Sie hat es gewaschen. Offene Tuberkulose hat sie nie gehabt. Offene Stellen an der Haut habe ich nicht. Es ist so gut hergerichtet, daß es sich vorzüglich an die Schulter anschließt. Das neue ist viel zu groß,
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| müßte erste zerschnitten und dann mit Bindern u. Schnallen versehen werden. Ich hebe es auf für etwaige neue Fälle, glaube aber, daß ich das geliehene ohne Furcht tragen kann.
Für die Einzelheiten Deines Packets habe ich mich noch garnicht bedankt, um so mehr davon gegessen. Ich danke auch für die viele Mühe mit dem Stopfen. Besonders willkommen sind mir die allmählich gewohnten Couverts. Das Flaschenartige wird aufgehoben. Zur Kurfürstenstr. habe ich mich immer noch nicht entschließen können (scheint gegenseitig zu sein, s. Hermann.) In der nächsten Woche habe ich wohl mal einen Nachm. frei. Diese Woche muß ich Mittwoch zu Becker u. Sonnabend ist der Vortrag. - Einige Strümpfe (alle sind entzwei) lasse ich hier von Susanne herrichten. Es bleiben für Dich noch genug übrig.
Mit Joh. Wezel habe ich, nachdem sie das Wort Heidelberg wieder gebraucht hat, m. Korrespondenz wieder eröffnet. Wir hatten auch Geschäftliches zu erörtern. Im Fröbelverband kriselt es. Denke Dir, die Esels haben "aus Versehen" geschehen lassen, daß Prüfer (Leipzig) in den Vorstand gewählt wurde. Nun ist die Sache für m. Austritt reif.
Das Papier, von dem Du eine Probe sandest, schreibt sich gut. Dies hier ist eine Nebensache m. Rheumatismus. Die Federn sind etwas spitz, aber ganz gut. Kaufe doch am Donnerstag 1.XII. die Frankfurter Zeitung (nicht Nachrichten). Du findest da etwas.
Herr Dr. Gazert hat für jeden Besuch 40 M gerechnet. [unter der zeile] = 200 M.Niedenthal leistete für 20 M mehr. Ich nehme jetzt nichts ein. Das Herz ist wieder normaler. Aber Sonnabend ist wieder ein kritischer Tag. Im Notfall habe ich noch allerhand Salicylpräparate. Auch die Niere ist mir nicht mehr so verdächtig, wie nach m. Ankunft hier.
Lore ist jetzt bei der Notgemeinschaft der deutschen Wissenschaft, die ich die 14 Nothelfer nenne. Es gefällt ihr sehr - bis auf weiteres. Alle sind gesund und besserer Stimmung. Übermorgen beginnt die Habilitationssache von Heyse die Fakultät zu beschäftigen. Gleichzeitig aber liegen noch 2 Meldungen vor!
In Leipzig sind Seeliger u. Kirchner gestorben. Der erstere stand mir nahe. Diese
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| beeilen sich erstaunlich, aus der Welt zu kommen. (62 Jahre)
Große Freude machte mir der Besuch von Niemeyer. Er erzählte, daß täglich 20-30 Exemplare verkauft würden. Gleich nach Weihnachten soll die neue Aufl. gedruckt werden (vielleicht Manuldruck) und zwar = 5000 Exemplare, davon 1000 wie bisher holzfrei, 4000 holzhaltig. Er will dafür zahlen 150 M pro Bogen und 1000, also ca 19000 M. Ich habe jedoch nur zugestimmt, falls keine weitere geldentwertung einträte. Er will daher die eine Hälfte gleich, die andere später zahlen. Auch menschlich war die Begegnung angenehm. Aber an dem Tage hatte ich 7 Stunden Sprechstunde! Teubner ist beim Drucken. Das werden ca 3 ½ Bogen = ca 1400 M. - Die Grundlagen der Geschichtswissenschaft haben noch 178 M abgeworfen u. sind nun ausverkauft. Reuther ist von Reichardt auf unschöne Art herausgesetzt worden.
Die Übungen gehen gut vorwärts. Es ist ein starker Arbeitseifer. Was denkst Du eigentlich mit dem "Semester abbrechen"??
Butter kaufe ich 1 Pf. für 41 M bisher. Auch Schinken u. Wurst schaffe ich reichlich an. Auf diesem Gebiet zu sparen, scheint mir nicht mehr sinnvoll.
Die Familie Ruge belehrt nicht gerade zum Deutschnationalen. Ob denn die Leute alle so sind? Ich war in Potsdam wieder ganz deutschnational. Aber das Schlimme ist: sie haben kein Programm, allenfalls neue Energie. Und Wirth- als der Entente angenehm - kann entschieden nicht auf die Dauer unser Mann sein.
In diesem Packet, mein Liebes, ist eigentlich garnichts Schönes für Dich. Es ist sehr schlimm, aber es ist so, daß ich immer nur empfange und Du immer nur gibst. Diese letzten Tage konnte ich aber nicht einkaufen. Ich mußte mich ums Seminar kümmern, habe 150 Bände signiert. Und jeden Tag kommt mindestens ein Hilfesuchender. Auf dem Prov. Schul-Koll. war ich auch. Da ist der Idealismus nicht zu Hause. - Sage bitte unsrer Freundin herzlichen Dank. Dein Kuchen ist diesmal wieder meisterhaft. Noch immer nicht Herr v. Zastrow. Habe ich falsch geschrieben oder hat er falsch gelesen? Oder wird heut schon gestreikt?
Viel innige Grüße u. Wünsche Dein Eduard.