Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 10. Dezember 1921 (Berlin)


[1]
|
Berlin, den 10. Dezember 21.
Mein Liebes!
Heut nur ein kurzer geschäftlicher Brief. Meinen letzten im Packet wirst Du erhalten haben. Ich erfreue mich an Deinem vom 3.XII. Hoffentlich bist Du durch den Liebesdienst der Rheinischen Kreditbank an der Pfälzer Bank nicht in Mitleidenschaft gezogen. M. W. hattest Du keine Aktien von der Rh. Kr.!
Also meine eiligen Fragen, die ich auf einer Karte zu beantworten bitte. Ich erwäge, ob ich Adelheid für Ihre jetzige Tätigkeit im Mikroskopier- und Zeichenkurs irgend etwas Praktisches zu Weihnachten schenken kann. Ein Mikroskop freilich ist unter 660 M nicht zu haben, geht also über m. Verhältnisse. Vielleicht weißt Du etwas. Ebenso nehme ich an, daß Du etwas für den Vorstand weißt und in meinem Namen aufbauen wirst. Endlich: wie ist es dies Jahr
[2]
| mit Caecilie? Vielleicht fällt Dir eher etwas ein als mir. Und eine Freude möchte ich ihr bestimmt machen. Es muß so traurig sein in diesem Hause. In seinem letzten bitteren Brief an mich macht er schreckliche Andeutungen. Troeltsch und ich arbeiten mit allen Mitteln für ihn - vergebens.
Um Frau Riehl bin ich seit heut in großer Sorge. Furunkel im Gesicht - durch ihn angesteckt. Fieber, schlaflose Nächte, 2 Ärzte, eine Schwester - Adelheid schrieb mir sehr besorgt. Möge es doch gut vorübergehn!
Mein Vortrag am Sonnabend war sehr wirkungsvoll; ich war bei Laune, ausgehungert durch langes Schweigen. Fühlbare Sympathie des Auditoriums. Schlußwort des Vorsitzenden Scholz persönlich - herzlich. Unter den Zuhörern viele Notable - auch Borchardt, meine Potsdamer etc. Erscheint im Druck (leider)
Die Sache mit der Italienerin will mir nicht
[3]
| besonders gefallen. Es scheint mir gut, wenn Du die kalten Monate in Deiner gut geheizten Gemütlichkeit bleibst, allenfalls vor der neuen Tariferhöhung (1.III?) kommst. Andernfalls erkältest Du Dich wieder. Und Italienerin bleibt Italienerin; wir müssen den Stolz aufbringen, den andere von uns nicht haben. Diese fremden Nationen treten uns täglich mit Füßen. Unsre Wohnungen sind für sie keine offenes Heim. Aber wie Du willst. [zwischen den Absätzen] Dem Vorstand kann u. will ich natürlich noch weniger in etwaige Pläne dreinreden.
Nur kommt hinzu, daß während des Semesters für uns kaum ein Zusammensein herauskäme. Denn ich bin jeden Nachm. besetzt. Deshalb - verzeih mir - bin ich auch noch immer nicht zu den Deinen gekommen. Denn ich wollte doch nicht bloß an der Tür abgeben. - In der Wohnungsfrage nichts Neues u. sehr wenig Aussicht.
Mit Becker habe ich mich sachlich neulich gut verständigt. Die Zentralinstitutssache soll zu Ostern begonnen werden. Dazu ist natürlich noch viel zu <gestrichener unleserlicher Buchstabe> tun.
[4]
|
Nächste Woche sollen nun auch die Verhandlungen wegen der Pestalozziausgabe beginnen. - Ich lese eben Üxküll und finde darin viel für meine Zwecke, besonders auch für die Jugendpsychologie, zunächst aber für das Kap. I,6, das trotz des Manuldruckes für die "Lebensformen" umgearbeitet werden soll. Schröder in Königsberg hat einen Panegyrikus darauf in der Ostpreuß. Zeitung geschrieben, der zugehörige Ordinarius Ach (der Psychophysiker) aber, mit dem ich nie privatim korrespondiert habe, hat mir den Mann in schäbigster Weise verdächtigt.
Morgen muß ich m. Vetter zum Geburtstag gratulieren (Westend), nachm. zu <Wort unleserlich> Nelly Pelargus. Eine ungemein besetzte Woche folgt. Zumal ich an Weihnachten denken muß. Von Dir habe ich einen Wunschzettel noch nicht erhalten. Wenn in diesen Tagen ein "Muster ohne Wert" eingeschrieben kommt, so geht es Dich vor dem 24.XII. nichts an. Ist es aber bis zum 17.XII nicht da, bitte ich um Nachricht.
Von Frau Witting, deren Schwester schwer erkrankt, seit 1 Monat keine Nachricht. - Ich habe heut für 237 M 2 wollene Unterjacken gekauft. Wir haben eine Gehaltserhöhung bekommen, die für mich im Quartal beinahe 9000 M mehr ausmacht. Dafür bevorstehende Mietsteigerung <Kopf> um 25%. - Arm andauernd besser. Hoffentlich geht es auch Dir gut, mein Lieb. Innigste Grüße Dein E.