Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 21. Dezember 1921 (Berlin)


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Berlin, den 21.XII.21.
Mein innig Geliebtes!
Die große Weihnachtsfreude habe ich schon gehabt: Oesterreichs Sache ist in der Universität angenommen, wird also wohl auch bei der Regierung mit Hilfe v. Troeltsch durchgehen. Daß der so warm dabei mittat, ist auch eine große Freude, weil doch immer schön ist, wenn der nächste Kollege ein warmes Herz hat.
Sonst aber ist mir wenig weihnachtlich. Du wirst den heiligen Abend im Umherziehen erleben, ich wohl in der Einsamkeit. Bei m. Vater kann ich nicht bleiben (das würde mich sentimental machen.) Bei Riehls ist dies Jahr nichts. Denn Lore hatte auch einen Furunkel bekommen, und vor allem: Frau Riehl ist noch krank, jetzt erkältet mit Fieber, bei sehr schlechtem Allgemeinbefinden.
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| Adelheid reibt sich auf. Er ist verstimmt und lenkt immer gleich auf die Philosophie ab, die doch jetzt eigentlich Wurst ist.
Außerdem: Frl. Guttmann hat mir heut erklärt, ich müsse die ganzen Ferien auswärts Mittag essen. Wennschon ich jetzt in der Nähe etwas Gutes weiß, so verstimmt mich die Gesamtlage, für die das ein Symptom ist. Ich hatte mich darauf gefreut, heut Abend zur Weihnachtsfeier der Germanisten zu gehen und dort mal frohe Jugend zu sehen. Nun bin ich auf meine Einsamkeit, die wirklich in der letzten Zeit eine
<senkrechte Schlangenlinie> Saupapier
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| grenzenlose ist, [über der Zeile] zurückgeworfen, bleibe zu Haus und wühle mich in diese trostlosen Gefühle hinein. Es ist eben so: ich soll immer nur andern geben, niemals in einem Kreise Anregung finden und heiter sein.
Auch das bedrückt mich, daß das Muster ohne Wert noch nicht eingetroffen ist. Ich habe reklamiert. Aber ob es noch kommt? Ohnehin habe ich für Dich so wenig. Dein riesengroßes Packet traf heute ein. Dir wollte ich 2 Bilder vom Brosepark unter den Weihnachtsbaum legen, die ich am 30.XI. in Niederschönhausen bestellt habe. Es sollte eine Erinnerung sein an diesen stillen Winkel, der einmal uns beiden gehörte, wie die Reichenau und wie "unser Weg" nach der Felsenhütte: eigentlich alles bloße Symbole für das, was in uns nur uns beiden ungeteilt und immerdar gehört. Das kleine Buch von Kerschensteiner
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| muß eingetroffen sein. Hier ist das Kalenderchen und ein paar Marken, damit Du auch im Januar an mich schreibst, obwohl das dann die Sache der reichen Leute sein wird. Sonst habe ich für Dich diesmal nichts als liebe, liebe Gedanken. Ich kam zuletzt nicht zum Einkaufen. Ja, es ist fabelhaft, was alles zu tun war. Aber auch nicht 1 Nachmittag frei. Ich schäme mich, um in den Boden zu sinken, daß ich das Packet in der Kurfürstenstr. noch nicht abgegeben habe. Ich muß es nun doch vormittags tun.
Folgendes lag in der letzten Zeit vor: außer vielen Besuchen (heut Nachm. war zu m. Freude Borchardt bei mir zum Kaffee!) habe ich mancherlei geschrieben: einen Aufsatz über den Eros für Avenarius, einen Zeitungsartikel für Neujahr, eine Denkschrift über die Päd. Akademie, ein Gutachten,
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| zusammengestoppelt aus denen von Lenz, Meinecke und mir, über die 3 Preisarbeiten. Den 1. Bogen der Jenaer Rede habe ich korrigiert, die letzte immer noch nicht aufgeschrieben. Für die "3 Motive" bekam ich 51 M, worüber ich mich beschwert habe. Gestern war ich auf dem Wohlfahrtsministerium. (Soziale Frauenschule), heut auf dem Handelsministerium (Projekt einer Hochschule für Frauen)
Daß Herre geheiratet hat, schrieb ich wohl schon, ebenso daß Kirchner und Seeliger †. An Felizitas habe ich einen ernsten Brief geschrieben, bin neugierig auf die Reaktion.
Alle m. Weihnachtsbestellungen haben nicht geklappt. Für mich selbst habe ich 3 wollene Jacken für zusammen 340 M gekauft, ein ungeheurer Preis. Aber es ist wohl gut so. Der Arm macht sich; heut aber habe ich starke Neuralgien drin. Um so was handelt es sich wohl.
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Am 23. werde ich an Eure Weihnachstfeier denken. Am 24. werde ich mit Dir allein sein. Am 25. will ich mit Susanne auswärts essen. Am 26. werde ich mittags und abends bei Thümmels sein. Am 27/28. ist 50 Jahrfeier des Deutschen Lehrervereins, ein gemischtes Vergnügen.
Von den Lebensformen sind laut Mitteilung nur noch gebundene Exemplare da. In den Weihnachtstagen will ich I,6 umarbeiten. Borchardt findet an der Sprache manches auszusetzen, vermißt die letzte Feile. <senkrechte Schlangenlinie>
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Man versichert mir, daß ich glänzend aussehe. In der Tat lebe ich sehr bequem. Aber ich fühle mich trotz allem noch unter meinem Normalstande, bin daher weiter vorsichtig. Für den Januar plane ich einen Poststreik, von dem Du allein ausgenommen sein sollst. Solche Tarife muß man nicht unterstützen.
Liebes - Du fühlst, was ich nicht sagen kann. Dies Jahr war für uns beide durch fast 5 Monate gemeinsamen Lebens reicher als manches Frühere. Deine Nähe ist das Weihnachtslicht in meinem Herzen: es strahlt auch als Erinnerung hell und schön. Denke mein, wie meine Gedanken in diesen herrlichen Nächten bei Dir sind. Und habe Dank für Deine unendliche Liebe und Treue. Ich grüße auch unsre Freundin und bin
Dein Eduard.