Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 28. Dezember 1921 (Berlin)


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28.12.21.
Mein Geliebtes!
Wo soll ich anfangen, Dir zu danken, Dir zu erzählen und zu fragen? Vor allem laß mich wünschen, daß Du von der Grippe, die auch in H. sehr stark sein soll, verschon bliebst. Und dann: in mir ist Unruhe, daß Du die an sich so geringen Zeichen des Gedenkens nicht rechtzeitig erhalten haben könntest. Das aber wäre eine Schicksalstücke. Denn von mir ist alles rechtzeitig eingeleitet worden.
Ich war am Heiligen Abend um ½ 5 bis 6 bei m. Vater, wo sich auch Susanne auf ½ Stde einfand. Von ½ 7–7 war ich bei Riehls und sah unter dem brennenden heißen Baum Frau Riehl wenigstens
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| einen Augenblick. Sie ist sehr schwach. Um ¼ 8 kam ich nach Haus und packte aus. Zuletzt mit besonderer Feierlichkeit Deine große Kiste. Sie wollte sich nimmer erschöpfen und leeren. Übrigens war sie seitwärts völlig demoliert, aber das Papier hatte alles zusammengehalten. Was für ein Reichtum und wie viel liebevolle Mühe ist da zusammengedrängt! Ich kann Dir in Worten nicht danken. Die Vielseitigkeit Deiner Gaben (= Begabung, um nicht zu sagen Kunstfertigkeit!) malt sich da wieder in glänzendsten Farben. Was ich aus all dem heraus las, mein Lieb, war aber nichts Einzelnes, sondern Erinnerung an schöne reiche Jahre, vor allem auch an das weihnachtliche Cassel. Mit dem Pelzkragen – symbolisch genug – kehrt nun ein liebes Vermächtnis zur mir zurück.
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| Du hast Dein Kürschnermeisterstück gemacht. Die glänzend passenden Handschuhe habe ich heut zum Jubiläum (50) des Deutschen Lehrervereins zuerst angezogen, um ihn "sanft" anzufassen. Die Lebensformen mit dem Exlibris sehen wunderhübsch aus. Der Kalender bietet Raum für viele Aufgaben des neuen Jahres. Von dem Briefpapier habe ich bis heut schon ¼ verschrieben. Auch das andre wird bei meiner gesteigerten Produktion bald an die Reihe kommen. Die Federn sind excellent und beispiellos haltbar. Das Gebäck verkündet Deinen Ruhm trotz Deiner nachträglichen Erfahrungen. – Die Lebensmittelvorräte habe ich zurückgelegt; sie werden bis Ende der Saison bestimmt reichen. Die Seife noch länger. – Nur eines habe ich am Heiligenabend noch nicht gekonnt – vielleicht zu Silvester, nämlich die Kerzen an dem Weihnachtskranz anzünden. Und daran
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| war m. Weihnachtslektüre schuld: Schüßler, Bismarcks Sturz, das mir in den 3 Mitternächten der Festtage tief in die Seele griff. Aber mein Herz war flammend in Dank und in Liebe – das weißt Du!
Hier eine Liste meiner sonstigen Geschenke:
{ v. Assistentin
{ v. Fr. Steidl
4 Napfkuchen
{ v. Frl. Hilgenfeld
{ v. Frau Witting;
1 Körbchen mit Gebäck, Mandarinen u. Marienliedern von Frau Dutzi Klebs-Schrader
1 Fl. Schnaps v. Nußbaums
1 Eierlikör v. Susanne.
1 Berliner Heimat "  "
Gebäck u. 1 Tagore v. Johanna Kiehm
1 kl. Landschaft v. Käthe Kiehm.
1 Roman von Frau Ilse v. Stach.
1 Illustriertes Menzelwerk von Marg. Frieseke viel zu kostbar, ärgerlich.
1 kl. Büchelchen Logau v. Wallners.
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1 Hellingrath, Hölderlin, von Hans Heyse
1 Bäumchen mit Konfekt u. Dürers Erasmus von Tante Vally.
1 Chrysanthemumtopf u. eine Evangelienhandschrift mit Goldminiaturen, sehr schön, von völlig unbekannter Seite.
1 Paar selbstgestrickte Handschuhe u. Gebäck von Thümmels
1 silberne Salzschale v. Frl. Friedberg
1 Krümelgemengsel mit kindischem Lesezeichen von Felizitas
1 Pfd Butter von Frau Witting
etc.
5 Bücher v. Quelle u. Meyer.
Aber nun genug. Nachdem ich schon am 23.XII vorm. bei Deiner Schwester gewesen war, brachte ich am 25.XII früh Deiner Mutter die Packete an die Tür. Karl war krank. Die Kinder sahen zu m. Betrübnis so furchtbar kümmerlich aus. Hilde sah ich nicht. Pädagogisch war ich auch nicht
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| ganz einverstanden. Sonntag war ich von ½ 11 bis 6 mit Susanne in Hermsdorf, Frohnau, Bergfelde-Treue; abends bei ihr. Sie ist eine sehr liebe Seele. Aber der Registrator war tausendmal interessanter. Eigentlich ist es etwas stumpfsinnig. Am Montag begann ich zu schreiben – ich habe bis Neujahr gegen 40 Briefe zu erledigen, um dann energisch damit zu pausieren. Von 2–10 war ich bei beiden Thümmels. Sie waren erkältet u. anscheinend nicht bei Stimmung. Aber sie taten alles, um mir den Tag gemütlich zu machen. Gestern habe ich Bogen 2–4 der Jenaer Rede korrigiert u. viel Briefe geschrieben. Kein Fortschritt in der Wohnungssache. Elisabeth Lüpke traf ich nicht zu Hause. Elisabeth Borries kündet heut ihre Verlobung an. Heut vorm beim Deutschen Lehrerverein zur Festsitzung. Wetter scheußlich. Angenehm war die Sache nicht.
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| Aber denke Dir – obwohl ich nicht sprach, war m. Anwesenheit die einzige, die die B.Z. außer der des Ministers (Herr Null) und des Staatssekretärs (Herrn Schulz) notierte. Um 4 Uhr Festkonzert in der Philharmonie, schön, Loge, mit Minister Seyfert (Fax) und Herrn Tews. Beethoven Nr. 5, Meistersingervorspiel u. schöne Chöre.
Nun aber bin ich so in der Arbeitsnot, wie Du es bei m. Halbpensionierung garnicht begreifen wirst. Außer der Korrespondenz muß ich die 2. Rede aufschreiben. Dann Lebensformen I,6 umarbeiten. Dann die Päd. Akademie organisieren (Denkschrift ist verschickt.) 7.I. Fröbelverband. 11.I. Schleiermacher-Hochschule: Religiosität der Jugendlichen. 14.I. Wohlfahrtsministerium. Außerdem Jugendamtssachen u.s.w.
Bei dem Wetter tut der Arm oft recht weh.
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Der Influenza wirke ich durch Suff entgegen. Ich will nur beichten, daß ich den Portwein am 24. u. 25. glatt ausgetrunken habe, auf Dein Wohl und mit der Frage im Herzen, wie Du in Heidelberg u. Ludwigshafen die Festtage verlebt haben magst. Ich vergaß zu erwähnen, daß Oesterreichs Pfefferkuchen sandten u. Ceci einen sehr hübschen kl. Kalender gemalt hat.
Vielleicht höre ich morgen schon von Dir. Dies ist mein letzter Brief an Dich im alten Jahr. Ich nehme Deine Hand und geleite Dich im Geist über die Schwelle der Zukunft, gewiß, daß sie schön sein wird, wenn Du bei mir bist und bleibst. Silvester bin ich nach alter Gewohnheit still zu Hause: da werden wir uns im Gedanken wieder treffen. Und wie ich Dir für Deine Liebe innig danke, so nehme ich sie mit hinüber in das kommende Jahr als den edelsten Schatz meiner Seele.
Sei gesund! Viele Grüße allerseits Dein Eduard.

[Kopf] Die alten Handschuhe in braun sind hoffnungslos, die anderen sind z. Z. ganz.