Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 4. Januar 1921 (Heidelberg)


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Heidelberg. 4. Januar 1921.
Mein liebes Herz,
das ist ja eine Fülle von Nachrichten u. Sendungen seit meinem letzten Brief, die ich alle beantworten, für die ich danken möchte. Vor allem bin ich froh, daß es Dir gut geht u. über alles sonst, was Du von Dir schreibst. Daß die 2 Korrekturbogen, die als Drucksache gingen, noch nicht da waren, als das Papier kam, ist erstaunlich, sie wurden gleichzeitig abgesandt. Die Bogen kosten hier jetzt auch 20 Pf - brauchst Du noch mehr? - Das Schema kommt hiermit zurück, ob liebenswürdiger als Biermanns Auskunft, kann ich freilich nicht wissen!! Wichtiger ist mirs, ob es so richtig ist. Wenn Du es irgendwie anders willst, so zeichne, bitte, hinein u. schicke mirs wieder. Es ist eine Kleinigkeit, es zu ändern.
Daß Du das neue Jahr mit so erfreulichen Einnahmen begonnen hast, ist ja fein. In 10 Minuten eine Tafel Schokolade verdient - das ist großartig. Mit meinem Verdienen scheint es übrigens nichts zu werden, ich habe von dem Major Guthmann keine weitere Nachricht bekommen. So ganz heimlich war mir diese Lotterie-geschichte ja ohnehin nicht, aber es wäre ja auf einen Versuch angekommen.
Wir haben das neue Jahr unter dem brennenden Bäumchen begonnen u. während Glockenläuten u. die sanften Töne eines Chorals über die Stadt hinzogen, klang es in meinem Herzen: "mit Dir!"
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| In dieser Gewißheit ist Ruhe u. Glück, mag auch das Jahr dunkel u. stürmisch heraufziehen. Niemand traut ihm etwas Gutes zu. Und doch ist das Kalenderchen ein so reizendes Gewand der kommenden Tage, daß es mir wie eine freundliche Versicherung erscheint. Redet sein Motto doch auch von der Welt in uns, die kein Sturm zerstören kann. - Es scheint, als ob diese Innerlichkeit allenthalben im Aufblühen wäre, denn ich höre von manchen Seiten ähnliche Gedanken, wie die Menschen dankbar sich auf das besinnen, was ihnen geblieben ist. Und auf diesem Boden wächst die Hoffnung für unser liebes Vaterland. -
Vorige Woche waren wir einmal in Ludwigshafen bei Winters, wo die Kinder sehr weihnachtsselig waren. Vorher besuchten wir in Mannheim die Kunsthalle, wo allerlei Neustes recht interessant war. Besonders an Lembruck rätsle ich noch herum. Auf der Badischen Bank lieferte ich die Stücke der Kriegsanleihe für die erste Rate der Steuer ein, die ich aber zurück zu erhalten hoffe. - Die Fahrt nach Mannheim kostet jetzt 4. Kl. 4,40 M. früher 3. = 80Pf. Ob die Preise nochmals erhöht werden? Nun, doch wohl nicht vor dem März. Aber problematischer ists mit dem Wetter. Bei der unnatürlichen Wärme jetzt, ist ein kaltes Frühjahr zu erwarten. Aber wir wollens nur abwarten. Pläne machen ist auch schön.
- Daß es bei Harnacks hübsch war, freut mich sehr,
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| das ist sicher eine anregende Geselligkeit bei diesen hochbegabten Menschen. –
Wir leben sehr weltabgeschieden, nur Frl. Gaß u. Dr. Herbig waren am 1.I. bei uns, das war auch hübsch. Und vorigen Dienstag waren die Schwestern Wendling bei mir, die habe ich beide sehr gern. Die Tragödie dieser Familie ist noch viel härter, als man es anfangs der Rösel gesagt hatte. Der Vater, der als einziger protestantischer Lehrer immer eine schwere Stellung in Säckingen hatte, wurde von der Geistlichkeit beschuldigt, wegen irgendwelcher Absichten, die einem reinen Menschen fern liegen, weil er die Mädels mal anfaßte oder schüttelte, wenn er sie zankte. Das Disciplinarverfahren verlief ergebnislos, da kam man mit einer gerichtlichen Klage u. ließ den alten Mann ins Gefängnis abführen. Dort machte er den Versuch sich die Pulsadern aufzuschneiden, wurde aber noch lebend gefunden u. ins Krankenhaus gebracht. Von da ist er nachts verschwunden u. wie man vermutet, in das Wasser eines tiefen Waldsees gegangen. Er war ein echter Pädagog mit einem warmen reinen Herzen u. unzählige seiner Schüler boten sich als Entlastungszeugen an, aber damit löscht man die Qual seiner letzten Lebenstage nicht aus,
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| u. die Verleumdung, die selber nur Lügen kennt, ist doch nicht zu überzeugen oder zu widerlegen. Ein ganzes Lügengewebe wird dort in den Zeitungen verbreitet. Ich begreife, wie machtlos er sich gegen diese Angriffe fühlte, die aus dem Hinterhalt, ungreifbar auf ihn einstürmten, aber ich beklage doch, daß er mit dem Selbstmord den Schein des Schuldbewußtseins auf sich lud. - Jetzt ist die Mutter hier bei Hechts, eine Frau, die man auf den ersten Blick lieb gewinnt, ein stilles, gütiges Duldergesicht.
- Ich möchte noch viel schreiben, mein lieber Goldener, von Dir u. mir u. wie ich Dir danke! Aber Du weißt das alles - nicht wahr? Ich bin mit meinem Herzen bei Deinem Werk u. fühle die Größe Deiner Conception, die klare, architektonische Gliederung im Weltbau, die Du heraushebst. Ich freue mich, daß Du Hegel als verwandt empfindest, denn ich hatte tiefe Eindrücke von dem wenigen, was Hermann mir s. Z. von ihm zugänglich machte. - O, wie freue ich mich, daß ich als stiller Teilhaber mit der kleinen Zeichnung in Deinem Buch sein werde! -
Ich grüße Dich vieltausendmal!
Innig u. treu
Deine Käthe.

[Kopf] Wer sind denn die seltsamen Leute, die sich um Dich scharen? <li. Rand> Hoffentlich nicht zu viel Semiten??