Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 14. Januar 1921 (Heidelberg)


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Heidelberg. 14. Januar 1921.
Mein liebes Herz,
bist Du nun wohl heute ganz in Gedanken für die Rede morgen in der Kant-Gesellschaft vorbereitet? Muß nun die schöne Muße eigner Arbeit wieder aufhören? Ich höre aus Deinen Worten mit solch tiefem Glücksgefühl, wie das Werk Dein Bild vom Weltgefüge sich in Dir vollendet, wie der Ring des Weltlaufes sich vor Dir schließt. Von neuem steigt eine geformte Welt in wenigen klaren Linien vor den Augen der Menschen auf u. zeigt sich menschlich nah u. gottbestimmt zugleich. Dein Buch wird gelesen werden, das glaube ich ganz gewiß, trotz der Ungunst der Zeit. - Wenn ich mich nur nicht jedesmal bei der Korrektur so über die Unsauberkeit des Druckes ärgern müßte! Werden denn die Zeilen zuletzt noch grade gerichtet?, Es geht ja fast wie auf hoher See mit den Buchstaben auf u. ab. Das Schema wäre besser etwas verkleinert worden, meinst Du nicht?
Heute sind Aenne u. Liselotte im Concert bei Dorle Braus. Ich wollte mir das steife Sitzen nicht gern zumuten, denn ich habe heute schon genug Strapazen gehabt: vormittags 2 Stunden am Mikroskop für einen Chirurgen, Dr. Hitzler, u. nachmittags 2 Stunden Schreibarbeit in der Tuberkulose-Sprechstunde. Das spüre ich ganz genug, denn es wird wohl in der Tat Ischias sein, was mich plagt. Es ist nicht schlimm, mein
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| Liebling, aber unangenehm. Nachdem ich mich schon etwa 14 Tage damit hingezogen hatte, setzte Fieber u. allgemeines Übelbefinden ein, sodaß ich ein paar Tage im Bett blieb. Das half sehr gut, aber nicht völlig, die typischen Ischiasschmerzen sind bei vielen Bewegungen noch da. Man muß schon Geduld haben.
Sehr froh bin ich, daß das Wetter heller zu werden scheint, das Zeichnen war bei der Dunkelheit geradezu eine Tortur für die Augen.
Heute abend ist auch eine Versammlung im großen Saal der Stadthalle von Arnold Ruge angekündigt: Rede zu seiner Rechtfertigung. Ich fürchte, der endet noch in einer Anstalt. Die arme Frau u. der reizende Junge! Aus dem könnte gewiß etwas Schönes werden, wenn er nicht vom Vater verbildet wird. - Geradezu mit Ehrfurcht u. Staunen lesen wir eben in den Aufzeichnungen von Otto Braun. Welch wunderbare Blüte des Geistes! Voll Kraft u. Feuer, u. doch fest u. gemäßigt. Was würde er nur sagen zu dem Sozialismus von heute? Schon seine Beobachtungen an den Menschen im Felde enttäuschten ihn durch die negative Färbung der Parteigesinnung. Ein Fanatiker wäre er gewiß nicht geworden, vielleicht hat ihn der frühe Tod vor bitteren Enttäuschungen bewahrt. Denn ich meine, er wäre zu fein, zu ideal in seinen Forderungen gewesen, um Compromisse mit der Welt zu schließen.
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| Und doch woher sollten die Zustände sich bessern, wenn nicht wieder u. immer wieder die Bilder des Guten, die Gesetzestafeln des Seinsollenden vor der Welt aufgerichtet werden? Ach, wie froh bin ich, daß Du berufen bist, aufzubauen u. nicht zu zerstören wie, Arnold R. - Was hast Du vor, womit willst Du in der Öffentlichkeit eingreifen? Sind von neuem Beratungen in Bildungsfragen der Lehrer? -
Die Auflösung der Böhmschen Schule ist ja empörend. Kann denn niemand die Anstalt übernehmen u. weiterführen - etwa als ein kommunistisches Unternehmen??
Übrigens "kommunistisch" - der Bericht über die Käthe Wulff scheint mir doch etwas stark aufgetragen. Jetzt heißt es, daß beide Schwestern, (die andre war Direktorin einer Mädchenschule in Hamburg) in Italien in einer kommunistischen Siedlung lebten. Also: man glaube nie, wenn man etwas erzählt bekommt, es ist immer anders.
Was aber Du immer für Erlebnisse mit liebebedürftigen Unbekannten hast, ist wirklich zum Lachen! Du bist so klug u. doch immer wieder so harmlos. –
Das Notizbüchlein habe ich selbst gemacht, schrieb ich Dir das? Ich denke, es soll sich mit dem grünen Bleistift sehr stilvoll machen, u. Du sollst es täglich benutzen, es kann jederzeit erneuert werden.
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In der Stadt war ich die ganze Woche über noch nicht. Ich gehe nur "beruflich" aus. Aber von Montag ab denke ich, wirds anders. - Von Hermann u. der Kurfürstenstr. weiß ich nichts Neueres. Hat man Dir Deine Kartons geschickt? Es sollte geschehen.
- Die Notgemeinschaft Deutscher Wissenschaft hat sich auch hier versammelt. Das wäre ja schön, wenn sie dich bald mal herführte. Und ich denke mir, daß Du in den pädagogischen Verein der hiesigen Lehrer auch im Frühjahr geworben wirst. Aber Du darfst hier nicht zu offiziell werden - das geht nicht, denn Du kommst doch zu mir!
Was der Herre wußte, würde mich sehr interessieren. Großkaufleute wollen wissen, daß das Ausland bald mit uns die Beziehung aufnehmen müsse, denn sie ertrinken in Rohstoffen u. wir hätten Aufträge. - Was heißt:" Verlegung der franz. Front nach d. Osten" - nach Schlesien?
Wie geht es Deinem Vater? Und wie bei Riehls? Das Schreiben ist noch etwas beschwerlich, drum wird nicht viel daraus. Aber es muß doch bald dazu kommen. - Am Sonnabend kommts Wezelchen u. bleibt bis Sonntag abend. Darauf freue ich mich. - Wirst Du morgen mit Susanne auswärts sein? Grüße sie.
Dir aber, mein Lieb, ist nahe in treuem Gedenken
Deine Käthe.

[Kopf] Vielen Dank für die schönen Marken.
[li. Rand S. 1] Hilus nennt man den Eintritt der Luftröhre in die Lunge, wo sich die Bronchien verzweigen. Es ist ein Fachausdruck bei der Röntgenphotographie.