Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 28. Januar 1921 (Heidelberg)


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Heidelberg. 28. I. 1921.
Du denkst gewiß, mein liebstes Herz, es sei ein Brief verlorengegangen, aber dem ist nicht so. Es ist einfach meine ganz natürliche Faulheit, die mich nicht zum Schreiben kommen läßt. Ich bin wirklich ganz erstaunt, daß morgen schon 2 Wochen seit dem Besuch von Johanna Wezel vergangen sind! Damals dachte ich, die Schmerzen ziemlich los zu sein, aber der Versuch, mich wieder normal zu betätigen, bekam mir schlecht u. die Sorge wurde von Tag zu Tag ärger. Ich schleppte mich durch, bis die Zeichnerei in der Klinik fertig war u. nun, seit gestern liege ich den ganzen Vormittag im Bett u. diese Behandlung mit Ruhe u. Wärme, dazu etwas Bromural, wirkt Wunder. Es ist ja garnicht schlimm, nur lästig u. fortwährende Schmerzen greifen eben auf die Dauer doch an. Du hast sehr wahrscheinlich recht mit der Vermutung, daß wieder eine infektiöse Halsentzündung den Anfang machte; ich hatte schon selbst den Verdacht, da ich erst Halsschmerzen, dann einmal nachts Magenkrämpfe u. später die Rückenschmerzen bekam. Obs ja zusammenhing - wer weiß! –
Leider war es all diese Tage recht dunkel, sodaß ich im Liegen wenig sehen konnte u. anfangs tat auch jede Bewegung weh. Aber jetzt bin ich wieder so gebessert, daß es mir bald wie ein Luxus vorkommt, mich so zu schonen. Ich sticke auch auf Mord u. Brand an einer Kaffeemütze zum 2.II., die ein sehr dringender Wunsch von Aenne ist. Vielleicht
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| schenken wir ihr auch zusammen die Kaffeekanne dazu, die ebenso nötig ist? Oder Du könntest ihr Visitenkarten schenken (d. h. ohne Druck, da ich den Namen schreibe). Ich muß nur mal hören, für was sich Liselotte entschieden hat. –
Für die kleine Cäci besorgte ich ein niedliches Poesie-Album, das paßt doch eigentlich für jedes Kind. Willst Du da etwas einschreiben? - Ich dachte erst an einen Gummiball, der auch ein Wertstück jetzt ist, aber das wäre vielleicht für ihre Gesundheit nicht ratsam, weil das Spiel sie erhitzen könnte. Oder was meinst Du? Es ist noch zu ändern. –
Die Korrekturen kommen jetzt sehr rasch nach einander u. ich schickte Dir heute Mittag die letzte.
Ob die Mischsendung auch ankam? Es waren so gute Küchlein u. da schickte ich Dir die meinigen, denn ich hatte schon zu Mittag davon gehabt. -
Mit Johanna Wezel war es sehr hübsch. Sie machte einen viel froheren, ruhigeren Eindruck u. [über der Zeile] wir erlebten einige recht behagliche Stunden mit einander. Besonders schön war es nach Tisch unter "der Terrasse hochgewölbten Bogen" mit dem Blick auf die dunkle Burg, die wunderbar bläulich verschleierte Stadt u. die lichte Ebene. Dort oben am Schloß las J. dann auch Deinen schönen Aufsatz von der Mystik des Diesseits, von dem wir vorher gesprochen hatten. Es
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| ist Dir doch recht? Ich habe es noch so gern, wenn ich das feinfühlige u. begeisterte Echo bei ihr spüre. - Dagegen empört mich die Unbescheidenheit dieses Wallner immer mehr. Kannst Du ihn nicht einmal deutlich fühlen lassen, was er sich heraus nimmt? Er scheint recht unerzogen. –
Deine Bemerkung über Otto Braun hat mich beschäftigt. Ich habe mich oft beim Lesen gefragt, wie es möglich ist, daß so ein Mensch von dieser Jugend sein konnte? Und ich dachte mir, es ist vielleicht das südliche Blut in ihm wieder lebendig geworden, denn auch sein klassisches Profil mahnt an Korsika. Daher eine angeborene Frühreife, die durch das nahe geistige Zusammenleben mit den Eltern noch gesteigert wurde. Da ist sicher alles getan, das Wachstum zu fördern, jede Regung zu entfalten. Aber erstaunlich bleibt doch dieser völlige Mangel an naiver Lebensäußerung, alles ist reflektiert, bewußt, gezügelt. Und doch bleibt eine echte Unmittelbarkeit der Gefühle, die tief ergreift. Mag er ein Phänomen sein, so doch ein sehr schönes. –
Von den Freuden u. Leiden Deiner Seminare hörte ich gern auch mal Näheres. Giebt es allerlei Leuchten dabei? - Große Freude hatte ich an dem Bericht Deiner beiden erfolgreichen Reden, die Dir offenbar mehr Genuß als Mühe brachten. Das ist schön, denn Plage hast Du ja genug; das gibt Dir Erfrischung u. Freude. - Daß Dir Hoetzsch gefiel, ist mir lieb. Ich hörte sehr eingehende Vorträge über Rußland von
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| ihm, aber vielleicht sprudelt er manchmal etwas heraus, was er besser nicht sagte. Denn noch ist es wohl etwas zu früh, das Kaisertum wieder aufzurichten. Es sollten die rechtsstehenden Parteien zuerst an den Kapp-Erfahrungen genug haben u. die Stimmung reifen lassen. –
Wenn Du auch immer 2 Bogen von der 2. Korrektur bekommst, dann bitte ich Dich sehr, mir doch die ersten 10 Bogen, die ich Dir doppelt sandte, zurück zu schicken. Vom 11. an habe ich einen behalten u. werde dann die Lebensformen im Zusammenhang noch einmal lesen. Auch jetzt schon wirken sie in ihrer vertieften u. durchgebildeten Zeichnung sehr auf mich. Aber das Lesen ist so abgerissen u. mehr nur Augenmerk. Habe ich viel übersehen? Ich lese so langsam wie ein Kind in der Fibel, aber sicher bin ich doch nicht, alles zu finden.
- Schrieb ich Dir schon, daß ich im weitren Verlauf von Carlyle sehr enttäuscht war? 2 dicke Bände Enthusiasmus erträgt man nicht, das ist zu wenig "Sache". In der Schilderung von Stimmungen, der Wirkung von Ereignissen, ist er meisterhaft, dramatisch u. anschaulich, aber große Zusammenhänge konkreter Tatsachen, historische Übersicht gibt er nicht. Da kommt höchstens ein Werturteil, eine philosophische Betrachtung, ein stereotypes Beiwort. So sind wir jetzt zum Häusser übergegangen u. finden darin eine vorzügliche Ergänzung . Eigentlich wollte ich hier noch <Kopf> weiter schreiben, aber da würde der Brief doch garzu alt. <Kopf S. 1> Drum nimm heute vorlieb u. nimm innigste Grüße von Deiner Käthe.