Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 4. Februar 1921 (Heidelberg)


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Heidelberg. 4. Februar 1921.
Mein geliebtes Herz,
Du hat ja inzwischen von mir gehört u. ich hoffe, Du hast mir die lange Trödelei verziehen. Ich konnte mich zu der mechanischen Seite des Schreibens garnicht aufraffen, da ich die Energie alle für das Zeichnen u. die eilige Handarbeit zu Aennes Geburtstag verbrauchte. So dachte ich immer: morgen wirds besser gehen u. es verging ein Tag nach dem andern.
Jetzt bin ich wieder "für gesund erklärt", wenn auch so eine leise Mahnung mich noch vor manchen Bewegungen warnt. Leider ist gerade die Schreibstellung besonders ungünstig! Aber ich habe Sehnsucht, das Versäumte nachzuholen u. da heute nur ein Druckbogen 1. Korrektur kam, habe ich gut Zeit. Nicht wahr, Du schickst mir nun bald die Bogen der 2. Korrektur, die ich nicht zurückbehalten habe? Ich möchte gern den ganzen 2. Teil im Zusammenhang lesen; aber auch das erste hätte ich gern vollständig in der korrigierten Fassung. - Ich bin erschreckt, daß Du gerade jetzt an eine Unterbrechung des Druckes denkst, denn bei der Unsicherheit der Lage wäre es doch doppelt wichtig, die Arbeit ganz unter Dach zu bringen. Wie notwendig ihr Erscheinen ist, habe ich gerade gestern beim Lesen einer kleinen Schrift von Drieschüber die "Freiheit" gelesen. Das ist eine zugleich populäre u. doch wissenschaftlich scharfe Auseinandersetzung, aber ohne jedes produktive Resultat. ": Die Psychologie fordert für alles Causalität, die Ethik fordert Willensfreiheit - beides sind Postulate u. eine wissenschaftliche Entscheidung der Frage ist unmöglich." - Es fehlt die Fortsetzung, daß das ganze Weltbild eine Schöpfung des Menschengeistes ist,
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| daß nicht nur der Intellekt, sondern die verschiedenen Formen der Gestaltung ihr Recht haben u. daß keine die Rechte der Andern aufhebt, sondern daß die höheren Formen die niederen auch in sich schließen, daß also Freiheit nicht Willkür, sondern schöpferische Kausalität ist. Das ist natürlich schlecht ausgedrückt, aber Du wirst mich verstehen. Es fehlt eben der Mut, die Kraft des Wertens als das schaffende Prinzip der Seele zu achten, u. die Untersuchung bleibt intellektuell bestimmt. Im Biologischen erkennt er den Vitalismus als notwendig an, im Geistigen versagt er. Da fehlt Deine Rangordnung der Typen. Ich fühle so deutlich, wie das seine ganze Betrachtung umgestalten müßte. Du mußt sorgen, daß Dein Buch sobald es geht, erscheint. Meinst Du nicht? Das ist nicht eine Tagesfrage, das greift tiefer.
Freilich - Tagesfragen sind es auch nicht, was uns jetzt bis ins Tiefste aufregt. Unser armes, mißhandeltes Vaterland! Wären nur die Deutsch-Nationalen nicht so fanatisch - wenn hier ein Redner öffentlich sagt: für uns hat die Monarchie überhaupt nicht aufgehört zu bestehen, das scheidet uns von der Volkspartei, die sich ja auch zum monarchischen Gedanken bekennt. - Dann kann man das doch nur hirnverbrannt nennen. - Müssen sie denn immer um jeden Preis sich isolieren, anstatt mit den andern das Gemeinsame zu suchen u. durchzuführen! - Lieber, Einziger, bitte schreibe mir, wie Du Dir die Sache bei einer eventuellen Besetzung
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| denkst. Die Sparkasse habe ich gekündigt,* [Kopf] * wohin soll es überwiesen werden? aber da gibt es natürlich keine Zinsen. Von meinen Geldern ist das persönliche hier auf der Bank, das Nießbrauchkapital in Cassel. Ich glaube, es hat keinen Sinn, da irgend etwas zu ändern. Eventuell hebe ich das hiesige ab, wenn ich fortgehen sollte. Aber zunächst würde ich doch meine Wohnung nicht verlassen, um nicht alles einzubüßen. Rösel Hecht hat mir schon versprochen, daß dann ihre Mutter u. Schwester hineinziehen würden. Aber - noch ist es ja ganz unwahrscheinlich. Ich möchte nur gern wissen, was Du wünschen möchtest, falls hier eine Besetzung eintreten sollte. Schreibe mirs, bitte, denn eventuell geschieht das rasch u. man kann nicht mehr beraten. Ich glaube, hinaus kommt man immer noch, aber vielleicht wird die briefliche Verbindung unterbrochen. - Vielleicht - vielleicht - - wie soll man Pläne machen so ins Ungewisse!
Wie hatte ich mich gefreut, daß nun die Tage Deines Kommens heranrückten u. nun ist wieder alles unbestimmt. Wie soll es denn auch, für den Fall, daß Ordnung bleibt, mit Susanne Conradwerden? Ich würde sie ja sehr gern hier sehen, aber Deine Anwesenheit darf das nicht stören. Sie könnte dann in Alt-Heidelberg wohnen u. wir verteilten uns tagsüber, wie wir das auch mit Johanna Wezel machen - aber Du mußt mir versprechen, mein Lieb, daß ich deswegen nicht von Dir verkürzt werde. Du hättest doch in den Odenwald
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| gewollt? Doch wohl nur für einen Tag in die Schule bei Heppenheim? Schreibe mir, bitte, auch da genau Deine Ansicht u. zwar nicht mit irgend welchen Rücksichten, sondern so, als ob wirs vertraulich mit einander beraten.
Ich kann mir denken, wie die Sorge dieser Tage auf Dir lastet u. es geht mir gerade so. Wenn ich des Nachts aufwache, muß ich meine Gedanken mit Gewalt auf andre Dinge lenken, denn sonst schlafe ich überhaupt nicht wieder ein. Und was hilfts, daß man sich quält? Man kann ja nichts tun. Das ist anders bei Dir, Du wirst eventuell durch einen Aufsatz wirken können!
Die Übersetzung des Griechen freut mich. Ich habe eben auch auf dem Balkan zu tun: ein Professor der Chirurgie in Sofia, Stanischeff mit Namen, läßt sich von mir Illustrationen für ein Lehrbuch zeichnen.
(abends.) Das Steifsitzen macht mir doch noch rechte Schmerzen u. es wird heute nicht mehr viel mit dem Schreiben werden. Dabei habe ich Dir doch noch so viel zu erzählen. Aennes Geburtstag war sehr schön, viel Briefe u. Liebesbeweise. Nur ein Schatten war da, wenigstens in nächster Nähe u. das ist eine wesentliche Verschlechterung ihrer Sehkraft. Sie sah schon lange auf einem Auge eine Trübung, aber jetzt ist auch das andre stark in Mitleidenschaft gezogen. Morgen früh wird sie zum Augenarzt gehen. - Deine Glückwünsche u. das feine Päckchen haben sie sehr erfreut. Ob Du Dich nun auch noch an der Kaffeekanne ausdrücklich beteiligen willst, ist Dir ganz überlassen. Zwischen uns ists ja im Grunde einerlei, es ist ja doch gemeinsam. - Sehr viel Besuch hatten wir in diesen Tagen. Eine sehr begabte Klavierspielerin aus
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| Stuttgart, Helene Renate Lang, sollte am Sonntag zum Logieren kommen. Aenne räumte ihr Schlafzimmer aus, ich überließ ihr mein Bett u. bezog das Sopha - aber Helene kam den ganzen Tag nicht. Abends nach 6 kam ein Dienstmann u. meldete, sie sei angekommen, wolle aber im Hotel bleiben u. erst morgen erscheinen. Eine halbe Stunde später kommt ein Telegramm: "Komme heute 8 Uhr. Erich." Das ist der Neffe, der jetzt auf dem Hemshof angestellt ist, der mit seiner Frau hier Wohnung sucht. Also kam diese Frau in das bereitstehende Bett u. nun waren all die Tage bald 5-7 Menschen zu den Mahlzeiten da. Das ist eine Leistung in der heutigen Zeit u. ohne die schlesischen Packete wäre es nicht möglich. - Da habe ich dann diese Helene Lang, eine Lieblingsschülerin von Pauer auch kennen gelernt u. ich könnte Dir seitenlang schreiben von den Eindrücken. Eine Künstlernatur voll Glut u. Leben, ihr Spiel ist hinreißend u. wenn Du in Berlin Gelegenheit hast, so höre sie ja. Zwischen dem 9. April u. 10. Mai geht sie auf eine Kunstreise u. wird so ziemlich jeden Abend wo anders spielen. Da kommt sie vermutlich auch nach Berlin. Sie ist auch geistig ein hochbegabtes Mädchen, erst 22 Jahre u. bildschön. Wunderbar ist es, wie sie die Menschen bezaubert, jeden scheinbar ganz persönlich zu nehmen weiß u. doch nie sich selbst gibt. Demnächst wird sie heiraten. Jedoch nur pro forma um mit dem Gelde ihres Gatten ganz selbständig zu sein u. sich frei in der Kunst entfalten zu können. Noch habe sie nicht die Stufe erreicht, die ihr als Ziel vorschwebe,
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| aber in 2 Jahren hoffe sie, so weit zu sein. Von all diesen Dingen spricht sie mit größter Offenheit, in einem wunderbaren Gemisch von Energie, Leidenschaft, Geist u. Feinfühligkeit, Egoismus u. Wärme - daß man völlig fasciniert ist. Die kleine Lieselotte ist ganz hingenommen. Bei mir war sie auch ein Stündchen oben u. wir haben allerlei "Lebensfragen" miteinander beredet. Aber ich bin gefeit davor, mich zu tief mit andern Leuten einzulassen. Und dann wird sie mir auch zum Studium im Sinne Deiner Lebensformen. Sie [über der Zeile] ist ein glänzendes, bezauberndes Beispiel des ästhetischen Typus. So manche Äußerung war geradezu, als wolle sie Deine Charakteristik illustrieren: "ich suche nicht das Leben, ich habe Erlebnisse" - - u. so noch viel. Ich wollte, Du lerntest sie kennen. Sie weiß von Dir [über der Zeile] durch Aenne u. Elisabeth u. ich gab ihr den Beethoven zu lesen. Leider konnten wir nicht mehr über den Eindruck reden; aber sie war sehr damit einverstanden. - Ich fragte sie auch, ob ihr die Musik bestimmte Vorstellungen erwecke, aber sie meinte nein - d. h. keine Bilder, sondern mehr die betreffenden Stimmungen, die die Musik schildert, ihr ist dabei wie beim Waldesrauschen, beim Vogelsang, beim einsamen Wandern u.s.w. - Doch genug für heute. - Denke Dir, Frau Weinkauf ist ohne Kündigung fortgeblieben.* [li. Rand] * u. in der Kurfürstenstr. ist die nette Eva auch gegangen! Zu Juden, wegen des Essens. Sie will für die Stunde 2 M u. das ist mir ihre dürftige Leistung nicht wert. Ich behelfe mich zunächst mal so. - Hoffentlich antwortest Du mir, ob das Album* [s.u.: beigefügter Zettel] für Cäci Dir recht ist, oder ob Du den Ball besser findest. Und dann wie Du das mit Susanne geeignet findest. - Sei mir innig, innig gegrüßt u. laß uns in diesen <Kopf> sorgenvollen Tagen nahe sein - wie immer. Deine Käthe.
[Kopf S. 1] Hatte Carl Ruge Dich um den Nachruf von Schwalbe gebeten? Ich möchte ihn nämlich mal wieder bekommen, da er mir vom Autor dediciert wurde.
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<beigefügter Zettel als Fußnote>
* soll ich mit Zierschrift auf die erste Seite schreiben:
Wie denen, die Dir lieb geworden,
Dein treu Gedenken bleibt durchs Leben,
So wird nach Jahren aus diesem Buch
Erinnern der Jugend Dich umschweben.
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Oder schreibe Du was Bessres! Bitte.