Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 20./23. Februar 1921 (Heidelberg)


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Heidelberg. 20. Febr. 1921.
Mein Liebling,
die schmerzlose Zeit war kurz, nun habe ich schon wieder 3 Tage mit einem ziemlich großen Furunkel im Gesicht zugebracht, der abgesehen von der Verschönerung recht arge Schmerzen verursachte. Mit den üblichen Kamilleumschlägen habe ich das Ding endlich zum Aufgehen gebracht u. nun bin ich wieder ganz erleichtert. Die frohe Stimmung muß ich doch gleich zu einem Briefe an Dich benutzen, da noch dazu Sonntag u. das herrlichste Wetter ist! Ob Du noch gestern mit Susanne zusammen warst u. ob Ihr Euch über den Zeitpunkt ihres Herkommens einig wurdet? Bloß mit dem Einladen ists eben doch nicht getan, wir müssen auch hier sein u. wenn wir wirklich, wie Du plantest, von Stuttgart für ein paar Tage weiter reisen sollten, dann würden wir vermutlich erst am 23. hierher zurückkommen, an welchem Tage sie scheinbar schon in Saarbrücken eintreffen wollte. Also - vielleicht kommt sie besser erst
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| auf der Rückreise? Über die Verbindung mit Köln hole ich Dir noch Auskunft. Und daß ich um Neujahr herum an Frau Rohn schrieb, teilte ich Dir auf dem Correkturbogen mit, falls Du mal anfragen willst, ob sie es nicht bekommen hat. Zurück kam der Brief nicht u. ich glaube, der Abs. stand außen drauf.
Nach Frankfurt war ich ja für die Zeit Deiner Vorträge eingeladen u. ich denke, es soll Dich nicht in Deinen dortigen Verpflichtungen stören, da ich gern auch möglichst viel mit Anna Weise zusammen bin. Das Wezelchen soll sich nicht verkürzt fühlen. - Aber wie lange ist der Aufenthalt in Stuttgart vorgesehen u. fahren wir da über hier? Ich hatte gedacht, dort von Elisabeth Vetter eingeladen zu werden, nun plant aber die Aenne mitsamt dem Quack auch hinzukommen, also überlege mal, ob wir da nicht besser im Hotel bleiben? Oder wie oder was? Wir sind ja nachher noch hier zusammen, wenn es Dir also nicht um der Gemütlichkeit willen erwünscht ist, kann ich sehr wohl in
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| Hedelfingen logieren. Eventuell kämst Du auch mit dorthin, wenn Elisabeth es vorschlägt? –
Das Album für Cäci Oesterreich ist am Tage nach Empfang Deiner Zustimmung abgegangen. Ich hatte gehofft das "alte Requisit", das ich zusammen gestoppelt hatte, sollte Dich zur Conkurrenz begeistern, da Du doch bei solchen Unternehmungen so schlagende Erfolge hast; aber ich war auch dankbar für die Korrektur, mit der Du den hinkenden Versfüßen richtig auf die Beine halfest. - Daß Oesterreich sich so im Okkultismus verliert, tut mir sehr leid; er hat ja wohl von je einen Hang zu pathologischen Geistesphänomenen gehabt. - Dieser Tage bekam ich einen Gruß von Georg Weisedurch eine Frau Schick-Abeles, die mich besuchte, u. die sich hier niederlassen will, um Kurse für "vertiefte Frauenbildung" zu eröffnen, u. zwar mit Internat. Sie ist der Typus der studierten Frau, nicht "unser" Geschmack, weißt Du.
Die Dinge scheinen sich zunächst noch nicht so zu zuspitzen, daß unsere Frühjahrs
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|pläne gefährdet würden. So werde ich doch wohl die Kündigung des Sparkassenbuches wieder aufheben? Ich hatte mich von Deiner Anordnung erschrecken lassen u. wollte nichts versäumen, falls die Franzosen so wie damals in Frankfurt u. Darmstadt über Nacht einrückten. Aber wegen der Zinsen frug ich ausdrücklich, die laufen nur bis zum Tage der Kündigung.
Der Nachruf für Ernst Schwalbe war für ein Fachblatt der Pathol. Anatomen bestimmt u. sollte hauptsächlich seine wissenschaftliche Bedeutung würdigen. Ich fand gerade das sehr geschickt, wie seine Wirksamkeit, die mehr in die Breite, als in die Tiefe u. Weite ging geschildert wurde. Es gefiel mir, daß er nicht auf Kosten der Wahrhaftigkeit gelobt wurde, sondern daß sein biederes, tüchtiges, gründliches, gemütvolles Wesen klar u. echt hervortrat.
- Wenn Du durch den mißglückten Concertbesuch neulich auch für Helene Lang abgeschreckt bist, so stehst Du Dir damit nur selbst im Lichte. -

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Fortsetzung am Mittwoch - Ob das Packet mit dem Apfelkuchen diesmal unverschimmelt u. ungestohlen bei Dir ankam? Einen Geburtstagskuchen vom lieben Tantchen, den wir teilen könnten, bekommen wir ja nicht mehr, aber ein paar kleine Kekse schicke ich Dir doch, damit Du doch mit mir "feierst". Ich werde zwar nicht viel Zeit haben, mitzutun, denn vormittags muß ich in die Klinik u. nachmittags in die Fürsorgesprechstunde. Aber mich an einem Briefe von Dir zu freuen u. Dein zu gedenken, dazu habe ich immer Zeit. Wie unheimlich ist die Welt gerade jetzt wieder. Aber wir wollen doch unsre Pläne nur im äußersten Notfall aufgeben; wir werden hier nicht gefährdeter sein, wie anders wo. Du stehst ja Gott sei Dank nicht auf der Auslieferungsliste u. ich hoffe, Du läßt Dich auch in Berlin nicht zu vertrauend auf die Beziehung mit Troeltsch ein, der es ja ehrlich meinen mag, aber doch garzu ungeschickt u. wie ich glaube, unpolitisch ist. Laut Zeitungsnotiz hat er einen hörbaren Ruck nach rechts
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| getan, aber ich fürchte, seine flotte Zunge ist ein gefährlicher Bundesgenosse. –
Mit dem Häusser sind wir jetzt fertig. Die Art, wie er das Kaiserreich über die Unfähigkeit der Gironde herauswachsen läßt, gibt mir sehr zu denken. Ist ein solches Chaos immer nur durch gewaltsame Herrschaft eines Einzelnen zu bannen? Woher sollte sie bei uns kommen, da eine Militärdiktatur unmöglich geworden ist? Und doch kann ich mir auch nicht denken, daß auf einem Wege ruhiger Entwicklung sich wieder dauerhafte Zustände herausbilden können. Es ist zu viel Übergewicht u. Macht auf die niederen Volksklassen gehäuft, die damit nicht produktiv zu wirtschaften wissen u. die sich doch nichts gutwillig nehmen lassen werden. - Im Augenblick freilich ist die Londener Konferenz der einzige Gedanke. –
Zu ruhigem Lesen für mich komme ich furchtbar schwer, da ich ein bißchen angegriffen u. abends immer schon zu müde bin, wenn ich herauf komme.
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| Aber ich habe doch begonnen, erst die erste Fassung der Lebensformen u. dann die neue nacheinander zu lesen u. bin förmlich überrascht, mit welchem Reichtum Du die neue ausgestaltet hast. Auch der klare, durchsichtige Aufbau, die rhythmische Anordnung der Gedanken in der Wiederholung bei den einzelnen Gebieten ist künstlerisch u. sachlich wundervoll durchgeführt, ohne alle Gewaltsamkeit. Stellenweise ist es schwer, sodaß ich gern fragen möchte, wenn ich Dich nur gleich da hätte. Die erste Fassung ist dagegen wie ein erstes Andeuten von Gedankenzusammenhängen, die nun zu organischer Einheit, zu einem kunstvollen Gewebe in einander greifen, sich bewegen u. berühren, sich herausheben u. einander stützen. Ganz besonders fesselt mich immer, wie Du das ganz eigne Wesen jeder Lebensform in ihrer Eigenart zu schildern weißt, dies nur Theoretische, nur Wirtschaftliche noch vor aller Vermischung mit konkreten Erscheinungen.
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- Auch ich war in einem Conzert, das keines war, sondern eine Fingerübung. Ich bekam das Billet geschenkt. Aber dafür hoffe ich, wirst Du nicht auch Helene Langs Kunst gering achten, wenn sie auch menschlich sehr problematisch, eine kühle Machtnatur ist. Mich hat sie aber nicht hypnotisiert, ich blieb Kritik, nur ihr Spiel ist ganz großartig.
- Ich freue mich, daß sich immer wieder ein wenig Verdienst findet. Und die Monatsfrau ersetze ich auch durchaus, u. so drückt man sich bis auf Weiteres durch. Du wirst begreifen, mein Lieb, daß ich nicht gerade den Wunsch habe, als mittelloser Flüchtling hier auszuwandern. Lieber komme Du hierher, ich bereite schon in der Stille alles darauf vor u. freue mich - freue mich. = Ob das Pinseln im Hals hilft, warte erst mal ab. So etwas macht man Laien zur Beruhigung. - Doch ich muß jetzt schlafen. Sei innig gegrüßt u. sei mir gut!
Deine Käthe.