Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 28. Februar 1921 (Heidelberg)


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Heidelberg. 28.II.1921.
Mein geliebter Freund.
Es ist spät u. Du mußt heute keinen Brief mehr von mir erwarten, aber danken muß ich Dir doch wenigstens endlich. Welch ein Verschwender bist Du aber, Du mein liebstes Herz, mir eine so wundervolle Tasche zu schenken! Die ist fürs Tägliche natürlich viel zu schade, aber wenn Du erst hier bist, dann werde ich für Dich damit Staat machen. Alles kam pünktlich: Dein lieber Brief, die Drucksache, das Packet. Hab innigen Dank für alles, was daraus zu mir spricht. Aber daß Du krank warst, bekümmert mich. Ich fühle am Ton Deines Schreibens noch immer die Müdigkeit u. fühle, wie hart die Tage waren, die hinter Dir lagen. Ich denke zwar, die Schmerzen können nervöser Natur sein, denn Du weißt ja, wie rasch sie immer wechseln u. wie Du sie mit besorgter Beobachtung steigerst. Und der Schwindel läßt mich vermuten, daß die Kur, die wir damals nur unvollständig anwandten, wieder nötig ist. Wir wollen diesmal keine Zeit vertrödeln, damit dann doch noch ungetrübte Erholung möglich ist. Wenn Du doch nur erst hier wärst. Du schreibst
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| dann vielleicht hier den Schluß, der Dir noch fehlt. Wann denkst Du denn über Frankfurt zu entscheiden? Wenn Du es aufgibst, so komm statt dessen lieber gleich hierher, wo Du Dich doch besser erholen kannst, als in Berlin. Stuttgart hat sich insofern für mich verändert, als Elisabeth Vetter am 20. zur Abstimmung in Schlesien sein wird u. Liselotte am 10. schon heimreist. Soll ich mal den Leo nach einem nicht zu teuren, guten Unterkommen fragen?
Die Kündigung Deines Sparkassenguthabens hob ich wieder auf. Was soll ich nur mit dem Geld tun, falls eine Besetzung käme - nach Berlin überweisen lassen? Und an welche Adresse? Die großen Banken: Darmstädter u. Dresdener sollen in Straßburg bei der Beschlagnahme sehr wenig im Interesse der Deponenten gehandelt haben, geradezu absichtlich die Rückgabe verhindert haben, sodaß viel verloren ging. Es beunruhigt mich, daß Du mit der Dresdener zu tun hast. - Ein hiesiger Herr, der auf der Auslieferungsliste steht, hat den Rat bekommen, abzureisen.
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| Aber man war hier schon mehrfach so besorgt, vielleicht ist es wieder unnötig.
Zunächst habe ich mal noch ganz zufrieden Geburtstag gefeiert. Am 25. war freilich Vor- u. Nachmittag mit Dienst besetzt, aber morgens empfing mich doch ein recht frühlingsmäßiger Geburtstagstisch, mit Grün u. Blumen geschmückt u. allerlei netten Dingen wie Kuchen, Schokolade, Bücher, Briefe. - Am Sonnabend ging es direkt vom Zeichnen zum Essen u. dann nach Hirschhorn, von wo ich Dir viel, viel liebe Grüße schickte. Wärst Du doch schon dabei gewesen! Ich glaube, daß ich überhaupt so ein dunkles Gefühl Deines Unwohlseins hatte, denn schon länger war mir der Wunsch, nach Berlin zu gehen, plötzlich so sehr stark. - Am Sonnabend war so ein richtig träumerisches, stilles, geheimnisvolles Frühlingswetter. Warme Sonne, sodaß wir am grasigen Feldrain sitzen konnten u. doch solch verschleierte Luft, die die Dinge in ungreifbare Ferne rückt u. sie in lauter zarte Farben auflöst. Auf der Burg holten wir uns Sträuße von altem Epheu mit dicken blauen
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| Beeren u. da ließ Liselotte das Messer, das wir beide wiederfanden, über die Mauer ins Bodenlose fallen! Es war eine steile Wand mehr als haushoch, dick mit Epheu bewachsen u. am Fuß lauter Gestrüpp u. Steine. Die Förstersfrau, die uns den Garten da unten aufschloß, machte uns keine Hoffnung auf Wiedererlangung, aber mir schwebte Dein fester Wille von damals vor u. da wir noch Zeit hatten, so war ich dafür, eben zu suchen. Und plötzlich fand es die Lilo. Es war ein Glück, daß die Wand oben überhing, sodaß das Messer zum Teil frei durch die Luft fiel, sonst wäre es sicher unterwegs hängen geblieben! Wo wird es nun wohl ein Ende nehmen? –
Zum Sonntag endlich war die Kaffeeschlacht vorgesehen, die Du in Deinem Zimmer vermutetest. Von den Geladenen kamen aber nur Frau Ruge mit Bubel, Aenne, Liselotte u. Rösel Hecht mit ihrem Jungen. Es war mäßig unterhaltsam. Aber für mich gab es den ganzen Tag zu tun: Zimmer herrichten, heizen, backen, Tisch decken u.s.w. So ist es also Montag geworden,
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| u. ich konnte erst heute früh meiner Schwester gratulieren, die bereits Geburtstag hat, zum Zeichnen gehen, Mittagessen u. ½ Stunde Ruhe, dann "Fürsorge" bis ½ 6. - Als ich zurückkam gab es ein frisches Brötchen u. dann war Liselotte in Not, die ihren Kofferschlüssel verloren hat (Sie ist übrigens sehr unordentlich u. macht viel entzwei.) - Also: es mußte ein alter Schlüssel zurecht gefeilt werden, um den Koffer zu öffnen. Nach dem Abendbrot Korrekturlesen - u. nun ists eigentlich Schlafenszeit. Du merkst es jedenfalls an diesem Schriftstück, aber Du fühlst auch, daß etwas nicht schläft; u. das ist immer bei Dir!
Wenn Du kommst, kannst Du mir da wohl den grauen Pelzkragen mitbingen? Du trägst ihn wohl doch nicht u. ich könnte ihn manchmal gut gebrauchen. - Und dann verständige Dich doch mal mit Frl. Bahr, ob sie Dir nicht für die Zeit Deines Hierseins den Zucker mitgeben kann. Den entbehrt man immer am meisten; denn ich verbrauche ihn doch zum Backen, nicht
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| für mich! –
Mit dem Joseph ist eben das Verhältnis geradezu herzlich! Er präsentiert sich möglichst vorteilhaft u. ist sehr mit sich zufrieden. Aber seine Versuche, Anschluß zu Spaziergängen bei uns zu finden, glücken nicht. Das wollen wir unter keinen Umständen. - Erich Meyer hat jetzt seinen Hausstand in Freiburg verstaut u. erwartet den Möbelwagen täglich hier. Sie haben in Neuenheim eine Wohnung. Das wird wohl eine neue Mehrbelastung für Aennes Hülfsbereitschaft geben. Sie ist doch im ganzen nicht sehr frisch u. hat viel Augenbeschwerden. Es ist wahrscheinlich zunehmender Stahr.
Daß Susanne am 31.III kommen will, ist sehr gut.
So wird hoffentlich alles klappen. Nun bleibe nur Du mir gesund u. vor allem, laß Dir nicht immer noch wieder etwas Neues an Arbeit aufladen. Schreibe mir lieber: ich komme!
Wann??
In Liebe grüßt Dich
Deine
Käthe.

[li. Rand S. 1] Willst Du einstweilen Deinen Vater danken für seinen freundlichen Glück<Fuß S. 1>wunsch?