Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 19./20. April 1921 (Heidelberg)


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Heidelberg.19. April 1921.
abends.
Mein geliebtes Herz.
Die Augen brennen mir vor Müdigkeit, aber die Sehnsucht, Dir zu schreiben ist doch zu groß. Nun sind die beiden Vortragstage vorüber u. ich hoffte sehr, daß Du mehr Freude dabei hattest als in Stuttgart. Warum muß nur ich gerade solch enttäuschende Momente miterleben?! Aber - eigentlich ist das ja nun vergessen u. in mir ist nur der Nachklang einer ungetrübt schönen Zeit. Wie schön, daß "unser Buch" gerade in letzter Stunde noch fertig vor uns lag! Am Sonntag war ich damit allein - Aenne u. Elisabeth fuhren nach Ludwigshafen - u. da habe ich still für mich das Vorwort, Abschnitt I,6 u. das Schlußkapitel gelesen. Ich kann Dir nicht sagen, wie ergreifend das auf mich wirkte. Es war so herrlich, sich ganz ungestört dem Sinn hingeben zu können, u. es ist ein erhabener Sinn, der daraus redet. Diese Klarheit u. Tiefe, diese Feinheit der Durchführung u. diese wuchtige Kraft werterfüllter Überzeugung. Ich weiß, ich werde mit diesem Buche leben, wie die ersten "Lebensformen" mir ein Andachtsbuch waren. - Und dann bin ich auch überzeugt, daß Du gerade auf die suchende Jugend, auf das edlere junge Deutschland tiefen Einfluß damit gewinnen wirst.Wo solche Blüten
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| des Geistes wachsen, da ist kein Niedergang! Der Rhytmus der Gedanken u. die Musik der Sprache klingen zusammen, die gebändigte Fülle des Lebens tönt im Ohr wie Wellenschlag des ewigen Meeres. Wie tief fühle ich die ernste Wahrhaftigkeit u. heilige Scheu, die nichts erkünstelt u. nichts verzerrt, u. den edlen Sinn, der bei aller Freiheit doch Maß u. Form zu geben weiß. Es ist eine Vollendung des Menschentums in Deinem Buch, ein höchster Ausdruck der Selbstbesinnung unsrer Tage, die mich weihevoll ergreifen. –
Ob Du das gebundene Exemplar schon erhieltest? Mit der Post ist außer der Drucksache nun nichts mehr gekommen, da wird umso mehr bei Dir eingetroffen sein. Hoffentlich entstehen Dir mit dem Packet keine Schwierigkeiten. Es wurde am Sonnabend sofort verladen, als ich es aufgab. Heute bin ich mit der noch übrigen Wäsche nach Ziegelhausen, damit sie doch möglichst bald fertig wird. Es war eine Luft von wundervoller Klarheit, u. unser Weg zeichnete sich so deutlich am Bergeshang ab, weiter u. weiter zog er mein Herz mit sich fort - Äußerlich aber ging ich mit Aenne den Hügel zwischen Ziegelhausen u. der Stiftsmühle bergan, immer auf der Höhe bis wir schließlich in den Philosophenweg einmündeten. Es war sonnig aber kühl u. überall erfrorne Blüten u. junge
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| Triebe. Die Eichen sind alle kaput u. müssen nun die zweite Garnitur aufstecken; aber auch Kirschen u. Birnen haben sichtlich gelitten. Dabei weiter Ostwind u. Trockenheit, u. kalt steht der Mond am absolut klaren Himmel. Einen Strauß rotspitzige Gänseblümchen, so wie wir sie zu Ostern hatten, habe ich zu Deinem lieben Bild gestellt. Es bezieht sich ja alles immer nur auf Dich! Und Dein Schreibtisch steht noch unverändert, u. die Rauchatmosphäre empfängt mich beim Heimkommen, gerade als wärst Du noch da! Nur eine größere Ordnung ist wieder bei mir eingezogen u. die Sachen sind wieder an ihrem gewohnten Platz! Auch die Schlüssel fanden sich, u. zwar im Wäscheschrank, wo ich im Moment Deines Fortgehens noch ein Taschentuch geholt hatte. Ich konnte mirs auch garnicht denken, daß Du sie habest. Es hätte Dir nicht ähnlich gesehen! - Ob die Nachricht über Thema u. Zeit Deiner Vorträge Dich noch rechtzeitig erreichte? Den Prospekt schickte ich mit dem Packet, denn für den Brief wäre er zu schwer geworden. –
Ganz erfüllt von Deinem Werk, hatte ich das Bedürfnis, mich andern mitzuteilen u. da lud ich mir gestern - Montag - abend Aenne u. Elisabeth ein, denen ich daraus vorlas. Elisabeth war ganz dabei, mit wirklichem Verständnis, Aenne [über der zeile] reagierte leider nur mit den stereotypen Redensarten. - Dazwischen gabs Schokoladenpudding - da hättest Du sicher auch mitgehalten.
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Die Diotimabriefe habe ich nun auch gelesen. Es ist ja oft so, wenn man viel Kritik vorher hört, ist man selbst nicht so kritisch. Es ist ja in der Tat kaum ein geistiger Inhalt - aber der ratlose Schmerz dieser unglücklichen Liebe hat mich doch tief bewegt. Es ist ja eigen, wie niemals auch nur ein Anklang von Gewissensbedenken zu spüren ist, u. ich erkläre mir das nur so, daß eben eine geistige Beziehung zwischen Susette u. ihrem Mann nie bestand, sie also nicht glaubte, ihm etwas zu nehmen. Und dann kam die Liebe zu dem idealen Schwärmer über sie, wie ein höheres Leben, dem sie ein unbedingtes Vorrecht vor allem Früheren zuerkannte; u. dies reine, edle Gefühl konnte sie nicht für ein Unrecht halten. Es ist eine tragische Verworrenheit.

Mittwoch abend. Heute nachmittag kam Dein Brief, mein Lieb, u. machte mich sehr glücklich. Es geht mir ja geradeso wie Dir: wohl ist der Schmerz des Abschieds tief u. ich entbehre Dich stündlich - aber die gemeinsamen Wochen haben einen solchen Reichtum in mein Herz geschüttet, daß es darin singt u. klingt von Seligkeit. - Und dann habe ich es ja auch so gut: ich habe Dein Buch hier behalten! Und da trittst Du mir entgegen aus jeder Zeile. Das fühlen scheinbar auch andere, wenigstens sagte Elisabeth neulich man fühle so deutlich, was dahinterstände. Ich
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| glaube, ich hatte wirklich auch in meiner Begeisterung recht gut gelesen!
Die arme Elisabeth. Sie ist so hoffnungslos unglücklich in ihrer Ehe u. es wurde ihr entsetzlich schwer, nach Haus zu gehen. Die beiden Menschen ziehen sich herab durch ihr Zusammensein u. doch läßt sich eine Trennung nicht erreichen. - Hast Du denn nun geholfen, das Ehepaar Krueger zu scheiden? Was aber soll das Evangelium Johannis u. die weißen Rosen damit zu tun haben? Zu dumm, diese anonymen Angebinde, die so viel Kopfzerbrechen machen! Übrigens ist der "Sohn des Verderbens" wie mir scheint die katholische Lesart. In meiner Lutherübersetzung steht vom verlornen Kind. –
Was weiß denn der kleine Saupe von I,6? Oder besser von verminderter Spannung zwischen Unterrichts- u. Erziehungslehre? Ich meine, er wird wohl im ganzen mehr nur von der ersteren d wissen! Die Betonung Deiner "Menschenfreundlichkeit" ist vielleicht ein unwillkürlicher Anklang an Schäfers Pestalozzi. Denn Deine pädagogische Liebe fühlt sich doch unbedingt durch. –
Worin liegt denn die "Spannung", die zu mildern wäre? Ist nicht im ganzen Unterrichtswesen der letzten Zeit ein ausdrückliches Bestreben, das bloße mechanische Tatsachenlernen [über der Zeile] ab zuschaffen, u. auch das Lernen zu einem organischen Entwickeln zu machen, wie die Erziehung es mit dem ganzen Menschen tut? Es ist doch schließlich nur ein Erziehungsmittel.
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Heute war ein lebhafter Tag. Ich war Waschfrau u. trieb mich größtenteils im Keller herum. Dazwischen kam der Installateur für die elektrische Glocke, die in allen Stockwerken versagte. Dann trat der Klempner an wegen meiner Wasserleitung u. gegen Abend ging ich noch nach Rohrbach zu den Wirtsleuten. - Es war ein gehöriger Kessel voll Wäsche diesmal u. meine Finger sind auch etwas durchgerieben. O, diese Prosa des Lebens! Aber ich fresse mich mit einer gewissen Leidenschaft hindurch u. bilde mir ein, ich müßte doch einmal darüber hinauskommen.
Schlafen tue ich prachtvoll in "Deiner Wohnung" u. bin schon wieder völlig ausgeruht. Aenne dagegen ist recht abgespannt u. erschöpft. Während Elisabeth da war, hat sie bis in die Nacht hinein mit ihr geplaudert u. den Schlaf kann sie nun einmal nicht entbehren. - Denke Dir, heut kam das Judenmädchen, das gegenüber immer im Fenster lag u. wollte durchaus für einen Studenten das Parterrezimmer von Aenne mieten. Sie war unglaublich zudringlich. -
An Johanna Wezel legte ich ein Briefchen bei Anna Weise ein. Ich suchte sie darauf hinzuweisen, daß sie als Deine Schülerin nicht abtrünnig werden dürfe. - Zinsen für 1920 sind 67,29 M. –
Nun aber gute Nacht, mein Einziger. Laß das Glück unsrer Liebe auch Dein ernstes Pflichtleben sonnig warm durchfluten, so wie Du in mir bist immerdar. Ich bin ja so namenlos stolz u. glücklich in Dir.
Deine Käthe.

[li. Rand] Die Briefe, die Du mitnahmst, kannst Du beliebig lange behalten. Ae. hat sich getröstet. Es war ja ohnehin <Kopf> ein völlig vergessener Besitz. - - Nun also doch Becker! -