Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 28./29. April 1921 (Heidelberg)


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Heidelberg. 28. April 1921.
Mein geliebtes Herz.
Am Dienstag nachmittag überraschte mich Dein lieber Brief. Ich hatte ja garnicht geglaubt, daß Du Zeit zum Schreiben haben würdest u. in Gedanken begann ich bereits, "die Feder zu ergreifen". Ich fing an: "Du wirst Dir denken, mein Lieb, daß ich rechte Sehnsucht nach einer Nachricht von Dir habe -" - aber da mußte ich hinunter zum Kaffee! Ganz gelegentlich sagte Aenne: "es ist auch etwas in Deinem Briefkasten." Ach - das wird wohl von [über der Zeile] der Banke sein. "Nun ist es von der Bank? Nein, ich sehe es in Deinen Augen, es ist vom Spranger!" Ich legte das blaue Couvert neben meine Tasse u. sie sagte ganz enttäuscht: "Also doch von der Bank." Du siehst, mein Goldener, wie interessant schon der Anfang der Sache war! Und dann ging ich in "unser Heim" u. las Deinen Brief still für mich. Ach, es bedrückt mich, daß Du Dich so schwer wieder eingewöhntest, u. ich würde so gern das Entbehren allein auf mich nehmen! Ich denke, jetzt hat die stramme Arbeit wieder begonnen u. Du hast keine Zeit mehr, "unser Heidelberg" zu vermissen. - Bei mir ists auch ganz lebhaft zugegangen. Am Sonnabend habe ich die "große Wäsche" gebügelt, u. nun kommt noch das diverse Flicken an die Reihe, das ja auch immer nicht unbedeutend ist. Die 4 P. Strümpfe, die noch hier sind, sind fertig. Wann mußt Du denn das Übrige haben? Aber denke nur nicht, mein Herz, ich brauchte den Frühling zum Gedenken! Es ist mir beinah lieber, irgend eine noch so prosaische Arbeit für Dich zu tun, als draußen die blühende Natur zu sehen. Diese ewig heitere Pracht steht nicht nur zu meinem Gefühl in stillem Gegensatz, ich sehe auch beständig das Drohende dieser sonnenklaren Trockenheit, das uns eine unvermeidliche Dürre verheißt, wenn nicht bald der erlösende Regen kommt. Wir haben noch keine 10 Minuten lang ein leichtes Tröpfeln gehabt - nichts als Sonne, Wind u. Staub.
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Am Sonntag habe ich endlich meinen schwarzen Sonnenhut, der aus dem Jahre 16 stammt, frisch aufgebügelt, lakiert u. garniert mit lila Band u. lila Blumen. Jetzt denkt jeder auf der Straße: welch neuer Hut!! - Am Montag nach der Tuberkulose-Sprechstunde war ich bei der guten Frau Gunzert, wo es immer recht gemütlich ist. Die alte Frau beklagt es sehr, daß ihre 18jährige Enkelin sich sehr überstürzt mit einem Mannheimer Juden, namens Darmstädter, verlobt hat, in dessen Familie noch dazu Irrsinn ist. - Am Dienstag holte ich mit Annas Hülfe 5 Ztr. Brikett, was einen recht guten Fond für den nächsten Winter gibt. Auch Coks habe ich noch etwas besorgt u. Du kannst nun also unbedenklich wieder kommen. Du brauchst nicht zu frieren - nicht äußerlich u. nicht innerlich, gelt mein Lieb? - Wegen des Geldes wollte ich Dir nun noch sagen, nach meiner Berechnung wäre es wohl richtig, wenn Du gelegentlich noch 400 M überweisen ließest. 360 hatten wir bei Deiner Abreise ausgerechnet, mit 400 ist dann alles seit dem vorigen Oktober Ausgelegte, Heizung, Beleuchtung, Bedienung, Wäsche, Bier, Ausgaben für Susanne Conrad, u.s.w. usw. mit dabei u. Du brauchst nicht zu denken, daß ich zu Schaden käme!
Die Überschreibung von Deinem Sparkassenbuch auf das meine habe ich gestern machen lassen u. ich kann nun jederzeit 2000 M abheben, da man pro Buch ohne Kündigung 1000 bekommt.
Soeben ½ 5 Uhr beginnst Du nun also das Semester u. mein liebendes Gedenken ist mit Dir. Laß uns hoffen, daß Dein heimliches Bangen ohne Grund sein möge. In mir ist so viel starke Zuversicht. Möge verständnisvolles Echo aus Deinem Hörerkreis Dir ein frohes Gefühl Deines Wirkens geben. - Laß Dich doch solche kleinen Ungeschicklichkeiten wie die von Nieschling nicht anfechten, mein überempfindlicher Liebster. Das müssen doch recht törichte Leute sein, die meinen, Spengler werde über sich selbst reden. Und wer weiß, ob sein großer Tages
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|erfolg nicht vielleicht ein Tageserfolg bleibt. Daß Du hast, was andre unsrer Zeit suchen, das empfand auch ich aus dem Bericht über Klages deutlich. Deswegen ist mirs noch nicht gesagt, daß sie in Dir die Lösung ihrer Fragen finden, denn vielleicht sind sie in bestimmter Richtung einseitig eingestellt u. darum unfähig, Dich zu verstehen. Wie oft sind gerade die Zeitgenossen mit Blindheit geschlagen gegenüber dem Großen, das unter ihnen erstanden ist. Aber Deine Wirkung wird von Dauer sein, dessen bin ich ganz gewiß. Die Welt wird hinein wachsen u. - wills der Himmel - daran sich formen.
Unendlich froh bin ich, daß Du dem eigentlich politischen Treiben unsrer Tage ferner stehst. Denn es scheint mir garzu sinnlos u. wüst. Ich kann mir nicht helfen, bei mir bricht immer wieder eine gefühlsmäßige Zustimmung für die konsequente Politik der Verständigung durch, die von unsern Deutsch-Nationalen so heruntergemacht wird. Als die Verhandlung mit Amerika bekannt wurde, durchfuhr es mich erst mit jähem Schrecken, so wie damals im Oktober u. November 18. Aber dann sagte ich mir, es muß für solchen Schritt schon eine Grundlage vorhanden sein, u. als Harding das Schiedsrichteramt ablehnte, gab mir das neue Zuversicht in seine politische Anständigkeit. Es ist damit doch nun wieder eine Verhandlungsmöglichkeit gegeben u. wir haben bei Amerika eine Art Vorsprung gewonnen. Verloren haben wir den Krieg nun einmal u. es ist vielleicht sehr klug gewesen, gerade die Macht zur Entscheidung anzurufen, die auch militärisch den Ausschlag gab. Du weißt, mein Herz, wie oft ich gefühlsmäßig das Richtige traf, wenn es sich um üble Prophezeiungen handelte, so hoffe ich doch, solls auch stimmen, wenn etwas mir mit guter Prognose erscheint.
Gestern, am Mittwoch waren Aenne u. ich zum Kaffee bei den jungen Meyers, wozu ich ja nicht gerade besondere Lust hatte. Die Häuslichkeit ist sehr fein u. kostbar, was man aber nicht restlos bewundern kann, wenn man weiß, wie die anspruchsvolle Gattin den armen Mann in Sorgen stürzt. Sie
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| hat eben die Vorstellung, in eine reiche Familie geheiratet zu haben, u. das ist nach den neuesten Familienerfahrungen doch zweifelhaft. Der Vater Carlo, der an Verarmungswahn leidet u. jetzt in einer Anstalt ist, wurde bestimmt von dem Mann seiner jüngsten Tochter in diesen Ideen gesteigert u. hat den Schwiegersohn vielleicht völlig frei mit seinem Vermögen, das mehrere Millionen betrug, schalten lassen. Dieser Schwiegersohn ist nun tatsächlich ein Hochstapler, wie man durch eingehende Erkundungen erfahren hat, lebt unter einem falschen Vornamen u. hat die bodenlos dumme Schwiegermutter ganz in der Gewalt. Ob da also noch viel zu retten sein wird, ist doch fraglich. Das ist nun das Ende eines arbeitsreichen Lebens, dessen höchstes Ziel im Erwerben bestand. Das geistige Niveau im Hause Meyer stand auf 0 u. der Zusammenhalt in der Familie ist völlig zerrissen, da die Mutter nicht nur dumm, sondern auch herzlos ist. Nur in die Schwiegersöhne ist sie immer verliebt gewesen. - Es sind doch recht ungewöhnliche Abenteuer im Hause Knaps.!

Freitag. Forts. - Denke Dir, vorgestern hatte ich schon in der Nacht einmal wieder so heftige Blinddarmschmerzen, daß ich auf alles gefaßt war. Gegen Mittag kochte ich mir Graupen zu heißen Umschlägen u. noch ehe ich dazu kam, sie zu gebrauchen, waren die Schmerzen plötzlich fort. Es sind also offenbar immer Narbenzerrungen, die durch irgend eine ungeschickte Bewegung entstehen u. sich von selbst wieder zurechtlagern. - Ich hatte mich mit den Kohlen ziemlich angestrengt u. nachher noch für Aenne einen Vorhang aufgemacht, Haken eingegipst u.s.w. Du weißt ja, ich bin die "Axt im Hause". Meine Wasserleitung war übrigens von mir nicht zu kurieren, da mußte der Blechner ein Stück neues Rohr einsetzen. - Der Vorhang war unten im "Gartenzimmer, in dem seit einigen Tagen eine Studentin haust. Unsre Freunde: Herbig u. Gaß hatten an 2 junge Mädels vermietet, aber die vorherige Mieterin Schick-Abels, die vorher mit der Weitervermietung einverstanden war,
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| geht einfach nicht heraus u. das Mietsamt gibt ihr Recht. Das ist überhaupt eine unglaubliche Einrichtung. - (Was hast Du denn am Dienstag dort erlebt?) Nun war aber für das junge Mädel durchaus kein Zimmer zu finden u. da hat Aenne das Ihrige hergegeben. Es ist eine Medicinerin im 2. Semester, sieht sehr zart aus u. scheint sparen zu müssen. Welche Torheit ist da das Studium. - - Über "Schulfragen" hier in Baden findest Du ein der Zeit würdiges Beispiel in der beifolgenden Drucksache. Ob Euer Minister Becker wohl ebenso entscheidet? Das ist die freie Bahn dem Tüchtigen!
- Die Bücher aus der Bibliothek habe ich abgeliefert bis auf den Dahn, von dem ich den ersten Band las, u. den zweiten durchblättern will. Es ist viel Jugendfrohsinn darin u. manch hübsche Episode. Mich freuten besonders die Münchener Hintergründe [über der Zeile] u. Deine Häkchen! - Die rasch fließende Isar im Englischen Garten, an der ich sehr wehmütig in den ersten Tagen meines dortigen Aufenthaltes saß, u. dergl. Von der geistigen Atmosphäre Münchens wird man wohl im 2. Band mehr hören. Seltsam ist dies 7jährige Toggenbürgertum! Ein starker Kontrast zur heutigen freideutschen Jugend! - = Auf Deinen Aufsatz vom vorigen Freitag bin ich sehr gespannt. - Ob Du jetzt wieder Sonnabends mit Susanne Conrad spazierengehst? Sie wird denken, daß ich ihr auf ihren hübschen Brief auch nun mal antworten könnte. Aber noch ging es nicht, soll aber demnächst geschehen. Soeben komme ich wieder aus der Fürsorgesprechstunde; es sind leichte Gewitterregen, endlich mal ein wenig Nässe. Ich habe wenigstens meinen Holzvorrat noch heute morgen trocken auf den Speicher bekommen. Jetzt habe ich vermutlich für den nächsten Winter genug. - Das Packet war mit 500 M versichert. - Wenn ich nun das nächste schicke, möchte ich das Porto möglichst ausnützen u. da habe ich eine große Bitte an Dich. Ich möchte ein kleines Päckchen für Frau Labes einlegen, das ich Dich bitten würde, abzugeben, wenn Du ohnehin zu Riehls gehst. Es ist kein großer Umweg, Geisbergstraße 38, gerade gegenüber von der Gasanstalt an der Bayreutherstraße.
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| Ich würde Dich nicht ankündigen, damit Du nicht weiter behelligt wirst, nur an der Tür von mir Gruß u. Päckchen abgeben könntest, eventuell ohne Deinen Namen zu nennen.*[Kopf] * Willst Du das tun? - - Von Walther bekam ich einen Brief, in dem er auch Dich grüßen läßt. - Johanna Wezel schrieb, noch ziemlich verstimmt, aber doch mit der Hoffnung, es mit der neuen Klasse aufnehmen zu können. Sie schickte ohne ein Wort der Erläuterung den neuen Stundenplan mit. Schrieb sie Dir auch? - Vorhin steckte ich eine umadressierte Drucksache aus Partenkirchen in den Kasten. War Frau Witting so in Gedanken, daß sie sie noch hierher schickte?
Aenne u. ich lesen eben die eigentlichen Lebensformen gemeinsam. Jeden Abend einen Typus. - Mir erscheint das Ganze in seiner Plastik u. Geschlossenheit nun einmal architektonisch gegliedert, die verschiedenen Typen sind die Säulen, in rhythmischer Wiederholung der Gliederung gleichförmig, u. der religiöse Lebenssinn überwölbt das Ganze zum geschlossenen Heiligtum. Laß gut sein, mein Herz, es ist doch ein heiliges Buch. - Du nennst Deine Entdeckung: gleichsam die Organe des Organischen am Geiste, u. ich verstehe gut, was Du damit meinst u. von welch entscheidender Neuheit das ist. Es ist eine Umwandlung des wissenschaftlichen Denkens, wie sie z. B der Begriff der Elemente erfahren hat, von den 4 Elementen Feuer, Wasser, Luft u. Erde zu den Stoffen der heutigen Chemie. Alle Vergleiche sind ungenügend, aber ich möchte Deine Typenbildung ein Zurückgehen auf die Stoffe des Lebens nennen im Gegensatz zu den Kräften, die in Temperamenten u. Gefühlen gegeben sind.
- So, nun wirst Du es aber "reichlich über" haben u. ich will das Geschreibsel noch zur Post bringen, damit es Dir Sonntag früh meine innigen, innigen Morgengrüße bringt.
Möchtest Du Gutes erleben u. - mein gedenken!
Deine Käthe.