Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 4. Mai 1921 (Heidelberg)


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Heidelberg. 4. Mai 1921.
Mein Goldener, hast Du am Sonntag meinen langen Brief bekommen? Ich würde nicht Dir schon wieder schreiben, wenn ich nicht eine Mitteiling zu machen hätte. Denke nur, ich habe von meiner Schwester ein dringendes Ersuchen, nächste Woche wieder zur Hülfe hinzu kommen. Es geht nicht anders, wenns mir ja auch eigentlich garnicht paßt. Ich habe gerade wieder die Vertretung in der Fürsorgesprechstunde, hatte mich verpflichtet, beim Mittelstandsverkauf am 11. u. 12. Mai zu helfen, hatte mit dem Vorstand den schönen Plan, für die Pfingsttage nach Hedelfingen zu reisen, um es vor der endgültigen Aufgabe – es ist nun wirklich verkauft – doch noch kennen zu lernen. Außerdem sollte die Wohnung gründlich geputzt, meine Garderobe einigermaßen zusammen geflickt werden – nun ist alles umgestoßen. Für uns beide ist auch der Zeitpunkt noch extra ungünstig, u. wir werden überhaupt nicht viel davon haben. Wenn aber, dann wäre es mir so wie im vorigen Jahr, als ich Dir bei der Abreise helfen konnte, doch bei weitem lieber gewesen. - Nun ist aber dem seit Februar mädchenlosen Haushalt auch noch die Aufwartung krank geworden u. Mutter, die recht erholungsbedürftig sei, soll nach Stolp. Aenne aber allein mit den 3 Kindern, nur nur ein 14jähriges Kind zur Hülfe, das wäre unmöglich. Mutter reist am 9. Gestern kam ein Brief meiner Schwester, heute eine Eilkarte hinterher, die mir die Pistole auf die Brust setzt, u. sofortige, telegraphische Antwort erbittet. Auch die äußerst kritische politische Lage macht es mir garnicht wünschenswert, gerade jetzt von Hause fort zu gehen. Für uns scheint ja im Augenblick noch keine Besetzung zu drohen, aber innen kriselt es ebenfalls. Es ist Streik der Hotelangestellten, man hat sich über die Löhne geeinigt, aber die Hotels wollen nicht alle wieder anstellen. Darum ist heute große Straßen
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|demonstration der Gewerkschaftler. - - Die Luft ist schwül – man weiß nicht, was kommen wird. - Auch die Witterung bringt uns beinah täglich ein kleines Gewitter, immerhin ist doch die große Dürre jetzt behoben.
Bist Du entsetzt, mein Lieb? Ich habe mich schwer entschlossen, war heute morgen erst einmal im Pathol. Institut, zu sehen, ob nicht etwas zu zeichnen wäre. Dann hätte ich das als Wink des Himmels betrachtet, u. hätte abgesagt. Aber so kann ich meine Schwester doch nicht in der Bedrängnis lassen. Ich dachte nun also in der nächsten Woche Dienstag oder Mittwoch mit demselben Zuge zu reisen, mit dem Du fuhrst. Da ich brennend gern von Dir abgeholt wäre, so laß mich doch wissen, ob Dir das abends nicht zu anstrengend wäre?? Ich habe telegraphiert, ich käme am 11. das ist ist Mittwoch, weil Du sonst gerade am nächsten Morgen so sehr früh Colleg hättest. Wenn Du die harte Pflicht, mich zu holen, übernehmen willst, laß es mich doch bitte gleich wissen. Ich schreibe dann in die Kurfürstenstraße, daß sie Dir den Hausschlüssel zustellen. Kann man noch mit der Elektrischen fahren nach der Ankunft des Abendzuges – wegen des Koffers? [unter der Zeile] den ich keinesfalls an der Bahn lassen kann. Oder geht die Untergrundbahn noch so spät? Sonst fahre ich womöglich besser nachts. Ich kann ja gut schlafen.
Für heute habe ich garkeine andern Gedanken – es ist zu überwältigend u. ich habe noch so viel zu ordnen. Heißt es wirklich schon so bald: auf Wiedersehen!?
Viele innige Grüße, mein Einziger.
Deine
Käthe.