Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 20. Mai 1921 (Berlin/Kurfürstenstr.)


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Kurfürstenstenstr. 84. am 20. Mai 1921.
Das ist wohl eigentlich schade ums Papier, mein Lieb, aber da ich nun einmal nicht zu Dir kann, möchte ich doch wenigstens schriftlich ein wenig mit Dir plaudern. Ob der junge Mann sich heute nachmittag rasch u. gründlich ausgesprochen hat? Wenigstens tröstete es mich, daß Du auf diese Weise durch mich nicht sehr lange aufgehalten wurdest. Ich fühle so an mir selbst, wie Du dies Wetter in allen Nerven spürst. Wenn es doch endlich einmal abkühlen wollte, daß wir aufatmen könnten! - Man kommt ja nicht dazu, irgend ein vernünftiges Wort zu reden, u. nicht einmal die einfachsten Tatsachen werden besprochen. Du hast angeboten, doch noch in Straßburg zu reden - aber wann? Du hast mit der großen Post auch Erfreuliches bekommen - doch davon sah ich garnichts. Mit meinen Gedanken bin ich ja doch immer nur bei Dir - u. augenblicklich quält es mich, daß ich so garnichts dazu tun kann, daß Du die Schädigung der letzten Tage überwindest. Ein andrer Barometerstand wäre jedenfalls das Wirksamste! Ablenkende Arbeit ist auch wohltuend - es ist mir nur so leid, daß Du mit Deiner Lektüre nicht hier bei meiner Lampe sitzt, während ich für Dich nähe. In Heidelberg hat Dich doch meine Anwesenheit im Zimmer nicht bei der Arbeit gestört, mein liebstes Herz, warum könntest Du denn die Examensarbeit nicht gerade so gut hier lesen u. mir das Glück Deiner lieben Gegenwart dabei gewähren? Ich wäre ja ganz still u. Du könntest tun u. lassen was Du willst, bekämst Dein Bier u. einen bequemen Stuhl!
Es beschäftigt mich schon lange u. immer wieder, daß Du stets so Partei nimmst für den Katholicismus. Ich verstehe das von der politischen Seite aus, aber daß Du gestern sagtest: das ist wahre
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| Religion - das hat mich verblüfft. Und in Bezug auf diesen katholischen Glauben hat Goldbeck gesprochen von einer "kristallenen Glocke"? Eine Kirche ist es, gewiß, aber Religion ist doch davon unabhängig. Es ist so herrlich frei u. tief, was Du in Deinen Lebensformen über das Religiöse sagst, daß Dir dagegen doch die erstarrten Formen kirchlich-dogmatischen Zwanges nichts bedeuten können. Du hättest Dein Buch nie schreiben können, wenn Du katholisch wärst, u. ich empfinde so tief den Unterschied des Geistes in dem Grundwesen der beiden Confessionen, daß mir das Katholische gerade so wesensfremd erscheint, wie etwa die Art einer andern Nation. Ich würde das so gern alles einmal bis ins Letzte mit Dir besprechen, von Dir hören, was ich nicht richtig beurteile nach Deiner Meinung – u. überhaupt!! Dein freies, werterfülltes Menschentum steht so unendlich höher als jene gebundene Frömmigkeit wie der Himmelsdom gegen eine Glaskuppel, wie der Geist über dem Buchstaben. - Du fragtest neulich, ob das im Kolleg noch Wissenschaft gewesen sei u. ich mußte denken: es ist echte Weisheit, das Wissen vom Leben! Und da steht nun in Deinem Aufsatz im Philologen-Blatt: "seine Erzieher sind ... Priester u. Weise" - So hast Du immer schon ausgesprochen, was ich unvollkommen denke. Und so malst Du in Deinen Forderungen an den Pädagogen das heilige Leben, das in Dir glüht. - -
Ich finde es sehr schön, wie Du die Gelegenheit Deiner Patenschaft im Hause Runge benutzt, um zu vermitteln. Möchte es von Erfolg sein! - Zunächst aber möchte ich erst einmal, daß Du wieder ganz frisch u. gesund wärst - so wie in Heidelberg!
Immer in Liebe u. Treue
Deine
Käthe.