Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 7. Juli 1921 (Heidelberg)


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Heidelberg. 7. Juli 1921.
Mein liebster Freund.
Diesen Zettel wollte ich Dir eigentlich aus der Bahn schicken, aber ich war zu müde, ihn dort zu schreiben. Im Coupee war ein sehr reges Leben bis 11 Uhr, die Fahrt durchs Saaletal schön u. die Unterhaltung eines Lokomotivführers (Marinesoldat u. Kriegsteilnehmer) amüsant. Nach 11 wurde auf meinen Wunsch dunkel gemacht, aber Ruhe gab es keine halbe Stunde, immerfort wurde man wieder aus dem Schlaf gescheucht. - Aber Du hattest mich so gut da untergebracht u. ich hatte es auf meinem Platz sehr bequem; hier holte mich Anna ab, bei der es mich weniger beunruhigt, wenn sie den Koffer schleppt. Du Armer hast gewiß die Anstrengung lange gespürt! Heute war nun wieder Jugendpsychologie u. ich konnte nicht dabei sein! War es nicht eigentlich töricht, daß ich mal wieder auf Aennes Drängen meinen Entschluß, in der Kurfürstenstraße bis zum 15. auszuhelfen, aufgab? Aber die Hauptsache - Deine Abreise hätte ich dadurch doch nicht mithelfend erlebt. Es ist eine Qual, wenn alles immer nur halb bleibt. –
Hier ist es schwül u. mir ist nicht gut. Der Katarrh blüht u. ich fühle mich fiebrig. Ich werde warm Wasser trinken u. Aspirin nehmen, denn ich habe nicht Lust, mich lange damit aufzuhalten. Der Hunger hat nicht gelitten, also ists nicht schlimm. - Deine wundervollen Rosen ließen unterwegs die Köpfe hängen, aber ich schnitt die Stiele ein Stück ab u. stellte sie tüchtig in warm Wasser, da haben sie sich prächtig erholt. - Hier empfängt man mich freundlich: Frau Wille kam mit Blumen, Lulu Jannasch lieferte den Schlüssel ab, der Dr. ist verhältnismäßig erträglich. - Die Aufregung des Tages ist das Verschwinden der 2 Bürgermeister. Die Berge werden von Polizeitruppen, Spürhunden u. Privatleuten abgesucht - u. es
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| heißt jetzt, man hätte sie gefunden. Aber ehe man nicht auch den Täter hat, der sicher so eine Art Räuber von Beruf ist, gibts keine Ruhe.
Auf meinem Tisch lag ein Bild aus der Woche mit [über dem Gestrichenem] von dem Tagore-Vortrag. Leider nicht dasjenige, wo Du zu sehen bist. Aber unmittelbar hinter dem Redner erkenne ich am Rande des Pultes Deine Stirn. Und ich sage mir: das ist ein andrer Kopf als dieser weiche, schöne Prophet. Das Weiche u. Warme fehlt Deinem Wesen nicht, aber da ist auch männliche Kraft u. strenge Klarheit, ernstes Denken. Der Verstand zergliedert u. tötet, Du aber hast einen Verstand, der das Ganze umfaßt u. organisch belebt. Das ist Biologie statt Mechanik. –
Meine Wohnung ist unbeschreiblich schmutzig, u. ich sehne mich, Ordnung zu schaffen. Aber ich will mir Zeit lassen, denn ich hab Dirs ja versprochen. - Aus Scharnosin kam ein Riesenbrot u. nun ist doch Aenne nicht hier. Wir haben die Hälfte nach Stuttgart weiter geschickt. Aber jetzt will ich rasch noch diese Zeilen zur Post bringen u. Dich in der Ferne grüßen. Ich bin sehr müde u. Du mußt dieser schlecht geschriebenen, inhaltlosen Kritzelei verzeihen. Sie soll Dir nur sagen, wie einsam ich hier bin. Ich begreife es eigentlich garnicht, wie ich die Energie aufbrachte, schließlich doch abzureisen.Es ist mir diesmal unbeschreiblich schwer geworden u. mir ist beinah wie schlafwandelnd, so seltsam fremd gegenüber den Dingen.
Sei mir gegrüßt u. sei mir gut.
Deine
Käthe.