Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 10. Juli 1921 (Heidelberg)


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Heidelberg. Sonntag, 10. Juli 1921.
Mein lieber, geliebter Freund,
wieviel Sonne ist da draußen in der Welt u. ich bin im Dämmerlicht hinter den verhängten Fenstern, das Zimmer erfüllt von dem schwülen Duft welkender Rosen u. man braucht alle Energie, um sich der drückenden Melancholie zu erwehren. Nun wieder diese Hitze u. Du erträgst sie in diesem Jahre so viel weniger gut! Eine Woche von den 4 letzten ist ja nun wieder überwunden u. ich sehne den 1. August herbei, der Dir endlich ein Aufathmen bringen wird. - Wohin wird Dein Weg Dich da führen? Ich habe beim Dr. ganz unter der Hand erkundet, wie die Verhältnisse in Heiligenberg liegen: Die Pension, um die es sich handelt ist das "Bezirkskrankenhaus" "Heiligenberg" [unter der Zeile] (Bodensee), das Erholungsbedürftige aller Art aufnimmt. Zur Anmeldung bedarf es nur eine ärztliche Bestätigung, daß eine Erholung durchaus erforderlich sei, was Dir Benary oder mein Schwager Carl* [li. Rand] * Du brauchtests nur in der Kurfürstenstr. zu sagen, schreiben kann das Carl ohne Dich noch mal zu sehen [ Fuß] es würde also keine Zeit weiter kosten, Telephon 4495 (Kurfürstenstr.) Ich bereite die Sache vor unbedingt sofort bescheinigen werden. Preis 25 M erster Klasse mit bestem Zimmer, Essen vorzüglich, einzeln serviert. "Meine Bekanntschaft" solle sich nur auf Dr. Behrenbach berufen, der die Adresse empfohlen habe. Die Hotels im Ort sind teuer, aber wenn die Pension so niedrig ist, kannst Du doch zwischendurch dort zum Kaffee u. dergl. hingehen, um unter Menschen zu sein. - Ich träume davon, daß ich irgend etwas "versetze" u. Dir zum Schluß für ein paar Tage auf die Reichenau oder sonst in die Nähe nachkomme. Aussicht über den See ist vom Ort selbst überhaupt nicht, sondern nur vom Schloß u. Park, der aber jedem zugänglich ist. Umgebung Wald, Wiesen - schön u. in wenigen Minuten erreichbar. Die Luft kräftig - vermutlich ähnlich wie in Freudenstadt. Aber die Anmeldung hat größte Eile, da immer sehr besetzt.
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| So - das wäre wohl alles. - Der Dr. bot an, daß sein Bruder vermitteln [über der Zeile] könne u.[unter der Zeile] falls Du überhaupt Lust hast, nimm dies doch an.
Trotz der Hitze schlafe ich hier viel besser als in Berlin. Nur der Husten stört mich zuweilen; heute nacht so sehr, daß ich ein altes Fläschchen mit Codeïn versuchte, um nicht wieder in solchen Krampf zu verfallen. Die Medizin stammt von 1911, Du siehst also, daß Deine Behauptung, ich triebe Mißbrauch mit Medikamenten, sehr irrig ist. Es muß im Gegenteil schon arg sein, wenn ich dazu greife. - - Am Tage ist ein großes Aufräumen ausgebrochen, das natürlich dringend nötig ist, um einigermaßen wieder heimisch zu werden. Auch verschiedene Besuche machte ich: bei Lulu Jannasch, in Rohrbach, bei Aennes Verwandten in Neuenheim, bei Frau Gunzert, bei Ewalds. - Ob es wirklich so notwendig war, daß ich die Meinen vor dem 15. in Stich ließ, ist ein ungelöstes Problem. Natürlich habe ich gleich eine gewisse Direktion übernommen u. suche Aennes Interessen zu vertreten, aber inwieweit ich Annas üppige Neigungen eindämmen kann, ist doch fraglich. Ich darf sie natürlich auch nicht verstimmen. Bisher geht es tadellos, u. ich weiß, daß sie mein Urteil respektiert. Mit dem Dr. ist ein relativ gutes Einvernehmen. Man unterhält sich so ebenhin u. er nimmt seinen Bestand an Lebensart möglichst zusammen. Heute allerdings äußerte er sich einmal wieder verblüffend über Tagore: "er möchte den Knaben wohl mal sehen. Er schiene ein sehr gutmütiger Kauz ..." Du kannst Dir denken, daß ich da nichts zu erwidern wußte.
- Ob in Euren Zeitungen über den Raubmord berichtet wird? Den Mörder hat man, aber die Leichen noch nicht. Die Polizei soll die Suche aufgegeben haben, da man hofft, der Mensch werde gestehen, aber vielleicht täuscht man sich. Bisher genoß er allseitiges Vertrauen, aber er soll ein absolut unbewegliches Gesicht haben, das nie eine innere Regung verrät. -
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Meine Gedanken wandern zurück zu dem Erleben der Berliner Wochen. Sehr viel mußte unausgesprochen bleiben u. es ist durchaus notwendig, daß Du wieder hierher kommst. Es ist ein seltsamer Contrast für mich nun diese völlige Einsamkeit! Ich leide nicht darunter, weil - ach, Du weißt ja, weil ich mit meinem Herzen ja doch nicht hier bin. Aber die Umgebung hat dadurch für mich etwas Fernes u. Fremdes. Mir ist, als ob die Menschen alle mir mehr geben, als ich erwidern kann. Wie lieb war auch Frau Clauß, die ich in Vereinssachen besuchte. Ich empfinde überall nur meine Unzulänglichkeit. Ich muß meine Aufmerksamkeit jetzt entschieden sehr auf die verschiedenen Pflichten konzentrieren. Lulu Jannasch wollte mich gleich zu einer Erhebung in einer Strafsache anstellen, das habe ich aber abgelehnt. Aber zu der Sprechstunde Montag nachmittag gehe ich natürlich. - Welch ein Reichtum war doch in den Wochen meiner "Kindermädchenstellung". Ich machte ja zwar Gebrauch von der modernen Freiheit dieser Geister, aber dadurch kam in die Prosa des Alltags ein Ausgleich, wie er mir hier nur in großen Zwischenräumen zuteil wird. Und der Verkehr mit den kleinen Seelchen, das Beobachten der kindlichen Eigenart, die schon so ausgeprägt u. von einander verschieden ist, war auch viel lohnender, als Du zugeben willst. Ich weiß oft nicht, was ich wohl von Deiner Stellungnahme zu den Meinen halten soll. Daß die Kinderkabbelei nichts für Deine empfindlichen Nerven ist, fühle ich unbedingt mit. Daß aber nicht ein wenig gutmütige Herablassung Dich wenigstens meiner Schwester näher bringen sollte, ist mir unbegreiflich u. ein Schmerz. Denn ich weiß, wie herzlich sie Anteil nimmt an Dir u. mir. - Wenn ich zurück denke, so weiß ich, daß ich früher in Cassel auch wohl keinen Zugang fand, da eben kein geistiger
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| Mittelpunkt im Hause war, der - ich möchte sagen: den Grundton zu einer Harmonie gegeben hätte. Es fiel alles auseinander.
Aber Von Aennchen weiß ich, daß sie Verlangen nach geistiger Belebung hat; aber wie schwer ist es für eine Mutter von drei so kleinen Kindern, auch nur eine Minute für sich selbst zu erübrigen. Vom Morgen bis zum Abend füllt die Arbeit den Tag u. sehr stark ist meine Schwester nicht. An der wissenschaftlichen Arbeit von Carl nimmt sie stetigen Anteil, aber das ist doch nichts von allgemeinem Interesse. Dir gegenüber ist sie natürlich etwas befangen, da Du bekanntlich eine Art "großes Tier" bist!! - Vielleicht ist alles überhaupt meine Schuld, daß ich nicht die Leichtigkeit habe, geschickt zu vermitteln. Der Mangel an gesellschaftlicher Gewandtheit ist eben eine Folge davon, daß [über der Zeile] ich niemals Gelegenheit hatte, sie zu üben.
- Ich kann mich nur unbefangen geben, wo ich keine Hindernisse fühle. Es hat mir überhaupt nur der Verkehr wert, wo ich mich selber offen mitteilen kann. Darum ist mir alles Offizielle so lästig. - Daß diesmal von dem Zusammensein mit Frau Riehl - denn sie ist mir naturgemäß die Hauptsache - in mir ein ganz reiner, warmer Ton zurückgeblieben ist, das empfinde ich sehr beglückend. Es war mir immer ein Schmerz, daß ich mich dem Hause, das Dir so bedeutungsvoll ist, innerlich fremd fühlte. Ich war seiner Zeit so vertrauend u. zuversichtlich zu ihr gegangen, daß ich die Enttäuschung schwer empfand. –
Es ist jetzt Abend u. draußen zirpen die Wandervögel. Es ist überhaupt wie lauter Festtag hier. Von drei Tagen arbeitsloser Feier, was die Genossenschaft [unter dem Gestrichenem] Gewerkschaft Volksfest nannte, erzählt man mit
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| Mißbilligung. Gestern war Ruderregatta u. das Neckarufer wimmelte den Nachmittag von Menschen. Um 4 Uhr ist ja der Achtstundentag zu Ende u. alle haben Zeit zu bummeln. - Es ist eben eine gemütvolle Kleinstadt. - - Der Schlüssel hing heute wieder an der bekannten Stelle, da die Studentin ihn braucht! (Der Italienerin hat Aenne abgeschrieben) Und jetzt eben fühle ich mich auch recht im Contrast zu den Berliner verrammelten Türen. Alles was von Fenstern u. Türen in meiner Wohnung vorhanden ist, steht auf, um ein wenig Abendkühle einzulassen u. ich sitze mit der Lampe am Sekretär. Aber es regt sich kein Lüftchen u. man schmilzt noch beinah vor innerer Wärme. Aber gruselig ist mir die offene Tür nicht, das Haus ist ja verschlossen.
- Wann der Dachdecker kommt ist noch unbestimmt, hoffentlich bald, daß ich mich nicht über meine unnötige Eile zu sehr ärgere.
- Denke Dir, den Band Lebensformen hat Aenne wieder mit auf Reisen genommen. Ich hatte doch gedacht, jetzt würde ich mein Eigentum vorfinden, aber nein! Ich schrieb nun, sie möchte das Exemplar zurückschicken, da ich es Hermann senden wolle. Nun bekomme ich heut eine Karte, es wäre ihr nicht möglich, es noch rechtzeitig zu schicken, ich hätte ja auch noch ein gebundenes u. ein ungebundenes Buch hier! Das dortige habe Elisabeth Vetter einer Freundin geschenkt, da das bestellte nicht zur Zeit eintraf. Jetzt wäre zwar das andre Exemplar da, aber sie wolle es doch noch mit nach Würzburg nehmen, um Bolzes damit bekannt zu machen. Du siehst wir können sie wohl als Reisende in unserm Geschäft anstellen. - Da ich nun aber nicht Lust habe, dieses Buch aus dritter oder vierter Hand zu bekommen u. Hermann gern ein gebundenes Exemplar schicken will, so werde ich für mich
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| das ungebundene behalten u. es selbst binden, [über der Zeile] genau ebenso wie Dein Handexemplar. - Ist nicht übrigens in dem Block Schreibpapier, den ich Dir gab, das blaue Papier für den Einband liegen geblieben? Ich habe noch mehr davon, aber später hätte ich es doch gern.
Willst Du nicht wenigstens Deine Wertsachen wieder in der Kurfürstenstraße deponieren? Aufs Gewissen fiel mir, daß die beiden Kartons, die Dir gehören, nun doch nicht zu Dir gebracht wurden. Ich hatte immer auf eine Gelegenheit gewartet, aber sie fand sich nicht. Und wegen der Netzjacken wollte ich Dir noch erzählen, daß Aenne für Carl welche in der Nürnbergerstr. neben der Post bei Frl. Stasse gekauft hat. Allerdings 20 M. das Stück. - - Hier sind die Preise der Lebensmittel gegen Berlin wesentlich höher. Gemüse u. Obst leiden von der Trockenheit u. der hohe Barometerstand ist von übler Bedeutung für unser Gedeihen. –
Ich fühle die drängende Hast Deiner Tage u. möchte Dich innig bitten: quäle Dich nicht, wenn Du unerfüllbare Ansprüche abweisen mußt. Sorge nur, daß Deine Kräfte vorhalten. Sie tun es leichter, wenn Du Dich nicht mit Skrupeln quälst, sondern Dir bewußt bist: mehr als Du leistest, kann niemand fordern. Du hast nicht nur das Recht, sondern die Pflicht dazu.
Heut vormittag war ich in einer kleinen Ausstellung von Radierungen, Holz- u. Linoleumschnitten. Letzteres wäre sicher eine Technik, die mir liegen würde. Es war viel Schönes u. Reizvolles da. –
Nun aber wird mein Liebster ungeduldig sein, denn seine Zeit ist knapp. - Jetzt bist Du gewiß schon daheim von Riehls u. gehst hoffentlich bald zur Ruhe. Gute Nacht, mein Einziger, schlaf wohl.
Treu u. innig
Deine Käthe.

[Kopf] Suchen die Franzosen Kriegsgrund um jeden Preis??

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| <beigefügter Zettel>
Hat es nicht ganz die Farben einer Ferkelmaus? Und jedes Haar - ein Kuß! Drum ist es auch ein bißchen dürftig besetzt - -