Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 19./23./24. Juli 1921 (Heidelberg)


[1]
|
Heidelberg. 19. Juli 1921.
Mein liebstes Herz.
Nun noch zwei Wochen u. die ersehnten Ferien beginnen [über der Zeile] (s. Datum!. Die Hitze ist schrecklich, aber sie dürfte noch ärger sein, wenn es dafür in Berlin mäßiger wäre. Was machst Du denn mit Deiner "freien Zeit", nun ich nicht mehr dort bin?? Du meinst, Du hättest Dich wenig frei machen können u. ich fand, daß Du es recht oft tatest! Denn es bedrückt mich unwillkürlich, wenn ich denke, Du opferst mir Zeit u. nachher drängt die Arbeitslast doppelt. - -
Auch ich habe nicht gebummelt in der Zwischenzeit u. heute sitze ich zum erstenmal: nicht in der Gartenlaube, in der es zu dumpfig ist, aber im Garten auf dem Bleichplatz u. neben mir steht der Kinderwagen mit dem Hechtle, damit ich nicht aus der Übung komme im Kinderhüten. Und Du triffst Dich mit meiner Schwester im Tiergarten, mir ist das kein einzigmal begegnet! Ich bin ganz eifersüchtig. - Mein Leben hier ist betrübend inhaltlos. Große Wäsche, Obsteinkochen, Reinmachen, Einkaufen, Mahlzeiten mit dem Dr. (mit dem ich sehr höflich bin) u. einige Besuche bei guten Freunden, die aber alle von der Hitze ziemlich erschlagen sind.
Wie komisch ist doch solch kleines Kind, immer mit sämtlichen Gliedmaßen in Bewegung u. vor sich hin murmelnd! Immer auf der Suche nach diesem schrecklichen "Schnuller" u. bei jeder Bewegung ihn wieder aus dem Munde schlagend! Der Walther gibt einen tüchtigen Raucher, das wirst Du sehen, er übt sich schon, allen Theorien der Eltern zum Trotz. - - Ja, diese Eltern! Das ist auch so ein Problem. Was der Mann für den Unterhalt der Familie noch nicht beibringen kann, scheint er an Kritik u. Ansprüchen zu ersetzen. Und auch zwischen Rösel u. der Mutter ist eine Spannung - als ich das Frauchen neulich besuchte, war sie sehr desperat, so richtig nervös u. gereizt. Das ist nun am Ende der Erholungszeit u. nun fühlt sie selbst, daß sie der doppelten Last in Beruf u. Haus nicht gewachsen ist, fürchtet sich davor u. alles steht unter einem Unstern.
[2]
| Und ein Unstern ist auch über meinem Schreiben! Da kommt auf einmal die Adele, die liebe Seele u. klagt mir über eine Stunde vor, daß sie mit den Geschwistern Differenzen hat. Auch Hanna war wenig rücksichtsvoll bei ihrem Besuche in Berlin. Ja, was soll man da sagen! Ich verfolgte das Prinzip: "sondern ihn entschuldigen u. alles zum Besten kehren", aber das macht doch immer wenig Eindruck. Umso erfreulicher an dem Besuch war mir eine Einladung zu heute Abend mit Frau Meinecke zusammen. Das kann ganz hübsch sein u. da ich bereits auf jenem Ufer bei Frau Fürbringer zum Thee bin, werde ich den ganzen Nachmittag unterwegs sein. - Alle guten Freunde glauben sich meiner Einsamkeit annehmen zu müssen, aber wenn das auch ganz erfreuliche Unterbrechungen sind, so ist mir das Alleinsein doch keineswegs lästig. Ich wollte nur, der Tag hätte dreimal soviel Stunden, um mit all der drängenden Arbeit fertig zu werden. Morgen wird nun das Wohnzimmer gründlich geputzt, nächste Woche die andern Räume. - Frau Fürbringer geht in eine Pension Quickborn in Hinterzarten für 35 M, die sehr empfohlen ist. Wofür magst Du Dich nun entschieden haben? -

Am 23. Juli. - Es war keine Möglichkeit, weiter zu schreiben. Jetzt bin ich nach einer halben Woche endlich wieder im Garten - diesmal beaufsichtige ich meine Betten, die in der Sonne liegen. Wenn nun alles so sauber u. frisch sein wird, wäre es eigentlich viel besser, Du genössest diese ungewohnte Reinlichkeit bald. Denn bis zum Oktober ist der Hochglanz doch schon wieder fort u. mit Schmerz habe ich gerechnet, wie viele, viele Wochen bis dahin noch vergehen müssen. - Aenne Knaps kommt vermutlich am 30. Juli wieder, u. Lili Scheibe wahrscheinlich am gleichen Tage. Alle andern Besuche haben abgesagt: Elsi Schwalbe, Onkel Hermann - schade! Es ist trotz der Hitze ganz erträglich, heute sogar ein kühler Wind. Wenn nachts durch die offnen Fenster die Luft so waldesfrisch von Borg zu mir hereinweht, dann muß ich immer
[3]
| an Dein dumpfiges Schlafzimmer am Kurfürstendamm denken. Aber der Dachstock in der Pestalozzistr. wäre gewiß auch recht heiß. - Wie war es wohl am Geburtstag Deines Vaters? Ach, was gäbe ich drum, könnte ich die Bitterkeit aus Deinem Herzen bannen, die immer wieder aus diesem finanziellem Druck für Dich aufquillt. Immer von neuem trübt seine absolute Verständnislosigkeit das gute Einvernehmen u. ich weiß doch, wie Du leidest, wenn zwischen Euch Mißstimmung ist. Das macht die Opfer doppelt schwer u. so steigert eins das andre Dir zum Leid. Ach, mache das Unvermeidliche nicht unerträglich - - es muß ja doch getragen sein.

Am Sonntag, d. 24. Juli. - Dies ist mal wieder ein richtiger "Dröselstrumpf". Aber es ist wirklich nicht meine Schuld. Wie gern wäre ich mit diesem Gruß schon heute bei Dir gewesen! Und Du denkst vielleicht gar, ich wolle erst eine Antwort auf meine letzte Epistel haben - nein wirklich: so anspruchsvoll bin ich nicht. Etwas bange bin ich, ob mein Briefschen zum 15. Juli nicht etwa Anstoß erregt hat. Ich stand so unter dem Druck der Schwierigkeiten.
Und nun - der Wochenbericht? Also mit Frau Meinecke war es vergnüglich u. nett. Sie ging so selig in ihre "Ferien", froh einmal ganz nur der eignen Neigung u. der Stimmung des Augenblicks leben zu können. Mit Freude erfuhr ich durch sie, daß "Kultur u. Erziehung" ausverkauft ist. Gibt es da nicht mal eine einträgliche 2. Auflage mit geringer Mühe? Ich erbiete mich zum Korrekturlesen, ich lerne es sicherlich immer besser. - - Vorher bei Frau Fürbringer traf ich die Witwe des Musikdirektors Wolfrum mit Tochter, ein paar anziehende Frauen - d. h. die Tochter; die Mutter ist mehr nur interessant, beide von ausgeprägter Geistigkeit. Waltraut Wolfrum hat eine Schule aufgetan für "Gymnastik, Gartenbau u. Handwerk", d. h. eigentlich nur das erste, die Zusammenstellung kommt
[4]
| von der Lehranstalt in der Rhön, wo sie ausgebildet ist. –
Denke Dir, daß es mir ganz leid tut, wenn in einer Woche schon meine idyllische Ruhe ein Ende hat! Es ist noch so entsetzlich viel, was ich vorher gern erledigte. Aenne schreibt sehr befriedigt von ihren Reiseeindrücken. Wichtig war mir auch, daß die Fabrik in Würzburg so glänzend gehen soll u. daß man der Meinung ist, ohne den unerhörten französischen Druck würden wir uns ganz bald wieder erholen. - So wird man von den widersprechendsten Eindrücken hin u. her gerissen - ein Urteil kann man nicht haben u. das Bild aus den Zeitungen ist trostlos. Ist das vielleicht Tendenz?
Wenn ich doch nur rasch 2 Minuten bei Dir hereingucken könnte, wie es Dir geht. Ob Du bei Riehls bist? Ich denke Dein "ohn’ Unterlaß" - aber was kann Dir das helfen! Nützlicher wäre es, Dir von dem täglichen Kleinkram vor der Reise etwas abzunehmen.
Eine Bedenklichkeit ist mir schon wieder mal über den Weg gelaufen. Frl. Dr. Herbig will, daß ich sie während des August [über der Zeile] (vom 8. an) in der Wohlfahrtstelle [über der Zeile] wochen-tägl. von 10-1 Uhr vertrete. Sie behauptet, es hätte garkeine Schwierigkeit, aber es scheint mir doch gewagt, da ich doch absolut unerfahren bin in solcher Arbeit. Sie legt scheinbar den Hauptwert auf die Vertrauenswürdigkeit, es sei stille Zeit u. alles nicht unbedingt Eilige soll liegen bleiben. Ich habe so halb zugesagt - soll ich es tun? Ich würde mich ja gern nützlich machen, d. h. nur, wenn nicht Klinikarbeit dazwischen kommt. Aber vielleicht geht es dann so wie mit der Susanne!
Was magst Du nur für Deine Reise beschlossen haben? Ich wollte Dein Weg ginge über hier! Lili Scheibe ist kein Hindernis für Deine Unterkunft.
- Der Bücherschrank ist geordnet. Ob zu allerhöchster Zufriedenheit??
- Es sind 21°R - drum habe Nachsicht mit diesem Brief. Wieder kein Gewitter trotz macher verheißungsvoller Wolke u. erstickender Schwüle! Mögest Du wohlbehalten in die Ferien steuern, ich zähle die Tage, bis sie beginnen. <Kopf> Und ich zähle die Wochen, bis Du kommst - sie scheinen mir unendlich. Innig <li. Rand> grüßt Dich Deine Käthe.

[1]
| <beigefügter Zettel>
Nach Deinem Brief vom 11. Juli schien es mir, als ob Du auf das Bezirkskrankenhaus kaum reflektieren würdest. Hoffentlich hat es nicht geschadet, daß ich Aennchen erst 8 Tage später von dem eventuell notwendigen Attest durch Carl benachrichtigen konnte. - Bringe doch ja Deine Wertsachen in die Kurfürstenstraße. Dort ist immer jemand
[2]
| zu Haus. Und, bitte, trage auf der Reise nicht die goldene Uhrkette. Sie könnte bei den heutigen Zuständen die Begehrlichkeit reizen. –
Wegen der Glasflasche vergaß ich Dir zu sagen, daß ich sie mitgebracht hatte, weil ich gedacht hatte, Du solltest deine Nase mit Salzwasser behandeln u. da könnte man die Lösung hineintun. Schwach salzig in abgekochtem Wasser.