Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 27. Juli 1921 (Heidelberg)


[1]
|
Heidelberg. 27. Juli 1921.
Mein Goldener. Was hast Du gegen das Briefpapier? Warum soll gerade immer das Heidelberger Papier die Schuld haben? Ich schreibe auf den kleinen Bogen u. auf den großen ohne alle Schwierigkeit. Ists Dir zu rauh? - das andre ist glatt - ich verstehs nicht! - Na, also - jedenfalls sind die Bogen schuld - aber es könnte doch vielleicht was mit der Tinte sein!!?
Daß Du nicht in eine Sommerfrische möchtest, wo die Adresse lautet: "Krankenhaus", verstehe ich gut. Möchte es in der "Post" das Rechte sein. Ich hoffe doch, daß bis zum 8. August diese wahnsinnige Hitze nachgelassen hat, sonst wüßte ich Dich nur mit Bangen in einer Mansarde nach Süden. Aber der Dr. erklärt jetzt, daß der August meist ein Regenmonat da oben sei u. Paula Seitz, die ich gestern endlich einmal länger sprach, meint, daß das Klima ziemlich milde sei, nicht wie der herbe Schwarzwald. Sie geht nach Breitenau bei Lörrach [über der Zeile] oder Hinterzarten? - glaube ich - dem höchsten Ort im Schwarzwald. Ich wollte, das tätest Du auch. Falls es mit der Post nichts ist, kannst Du Dich vielleicht doch noch in jener Gegend ansiedeln. Freilich heißt es überall: bis September überfüllt. Ich schreibe Dir jedenfalls noch ihre Adresse, falls Du dorthin willst. Es kommt doch immer mal vor, daß jemand ausbleibt, der verhindert wird. - In der Post war auch immer der alte [über der Zeile] Baurat Seitz, der sich stets da oben besonders gut erholt hat. Ob Du nicht das Zimmer bekommen könntest, das man sonst immer für ihn reservierte? Hinterhaus soll dort erwünschter sein, das Haupthaus wäre sehr unruhig. Wenn Du erst dort bist, findest Du auch wohl im Notfall ein Privatlogis. Daß Nieschling nun doch wieder versagt, bedaure ich sehr. Und daß unser Oktoberplan schon wieder ins Schwanken kommt, ist mir auch schmerzlich. Hierher kannst Du natürlich im September ebenso gut kommen; Du weißt ja doch, wie Du immer willkommen bist. Und Du weißt, wie für mich jede andre Rücksicht zurücktritt, wenn ich für Dich etwas tun kann. Hier aber handelt es sich ja nur um eine Freude. Von
[2]
| irgend welchen Hindernissen ist mir nichts bekannt. - Aber eventuell willst Du umziehen - nun das wäre doch erst zum 1. Okt. - oder zum 15.X. - Und ich möchte doch bitten, daß ich dann helfen darf. Ein Unterkommen in Berlin habe ich doch immer u. Du sollst Dich keinesfalls dann als Semesteranfang mit einer großen Anstrengung müde machen. - - Denke doch nur nicht, mein Lieb, daß ich Dir einen Vorwurf aus der Fremdheit zu den Kurfürstensträßlern machen wollte. Ich habe nur den Eindruck einer seltsamen Starrheit, die wie ich meine, durch einen kleinen Ruck zu freundschaftlicher Unbefangenheit auf Deiner Seite zu heben wäre. Denn daß Du für das Aennchen ein "faible" hattest, war durchaus berechtigt u. Du kannst glauben, es ist eine warme, treue Seele. Es ist ganz gewiß bei ihr nur der Gedanke hinderlich, daß ihr geistiges Niveau Dich doch nicht interessieren kann. Es ist bei ihr keineswegs wie bei Mutti die starre Ablehnung gegen andre Art - da war es mir oft unverständlich, ob die Abgeschlossenheit gegen alles Fremde Bescheidenheit oder Selbstgefühl sei. Daß Du ihnen aber durch mich zugehörig erscheinst u. daß sie Dir selbstverständlich gern jeden Gefallen tun, kannst Du sicher sein. Und das Aufbewahren von den Sachen ist doch wahrhaftig keine Leistung. Also sei mal lieb, u. brings hin. Du bist damit angekündigt u. es wäre doch ein Mißtrauensvotum, wolltest Du es verweigern! –
Dein Arbeitsplatz in meinem Zimmer steht noch unverändert u. ich glaube nicht, daß ich mich freiwillig von dieser neuen Einrichtung wieder trenne. Im Schlafzimmer ist für Lili Scheibe ein zweites Bett u. solltest Du - was wohl garzu herrlich wäre - auf der Hinreise statt in Stuttgart bei uns übernachten, dann kämst Du in den "Seltenleer". Also, irgendwo ist immer Platz für Dich - von Ende August an aber hast Du wieder das Reich hier oben für Dich. –
Ob Du bei Deiner Potsdamer Jugend warst? Es wäre so fein, wenn
[3]
| da ein paar dabei wären, die durch Deine Führung aus der Menge herauszuheben sind, die Du weckst - wie den kleinen Spree. Auch Frau Meinecke wußte, welch großen Einfluß Du auf die Studenten habest u. ich - ich fühlte die flutende Macht, als ich unter den vielen vor Dir saß. Du darfst nicht sagen, Du habest nichts Vernünftiges geschafft. Du hast Leben ausgeströmt nach allen Seiten, wissenschaftlicher Ernst u. warmes Gefühl kommen bei Dir gleicherweise zum Recht - aber weil Du immer gibst u. gibst, so meinst Du, nun sei nichts mehr da. Warte in Geduld, daß all die Körnlein aufgehen, Du lieber Sämann - es wird eine reiche Ernte sein, wenns auch in Gottes weite Welt gestreut war u. nicht auf den eignen Acker.
Es freute mich, von Paula Seitz genau denselben Einwand gegen die Jugendgruppen zu hören, den du machst: Was ist Gemeinschaft, wenn sie nicht einen Inhalt hat. Das Singen u. Tanzen u. Wandern genügt doch nicht. Hier an der Mädchenschule will man sich auch modern einstellen u. hat z. B ein Waldheim für die Mädels bei Heiligkreuzsteinach gegründet. Dort verbringen sie nun Tage u. Nächte in primitivster Weise, machen sich müde u. sind obendrein wohl noch gefährdet. - Dazu sei die Schule nicht da, das können die Kinder allein, die Schule müsse für etwas sorgen, das geistig verbinde. Wie das wirke, hätte man jetzt recht an der Weimarreise gesehen, die sicher für die Teilnehmer ein tiefer Eindruck bleiben werde. Es sei sehr schön u. eingehend vorbereitet worden. - - Auch von dem Lohland sprachen wir, der rhytmischen Schule in der Rhön, die in ihrer Tendenz ziemlich verstiegen sein soll. Harmonie, Mystik, Weltrhytmus - also aesthetisch-religiös, aber im Gegensatz zu vielen modernen Tendenzen asketisch.
Ach, all das Gähren u. Suchen, wie es mich heiß berührt! Wie hoffe ich für all das junge Leben ein "neues Deutschland." O, führe sie weiter, ich weiß, sie hören Dich.
[4]
|
In den letzten zwei Tagen las ich - teils in schlaflosen Nachtstunden - ein Buch, nach dem Du auch neulich fragtest: die Heilige u. ihr Narr. Bei manchen Feinheiten gefällt es mir doch nicht. Es ist mir nicht möglich den 2. dicken Band zu Ende zu lesen: immerfort ein edles Leiden u. Sterben in vollendeter Schönheit u. Vornehmheit. Es sind sehr reizende kleine Züge feiner Seelenschilderung, besonders von dem Kinde - dasKörperüberwindende der Seele, das freie Fluten u. in die Ferne Wirken ist oft sehr gut zum Ausdruck gekommen, aber immer in Ekstase, immer im Schwelgen von aesthetischen u. geistigen Erhebungen. - Das hält man nicht aus. - Die ungemeine Feinfühligkeit des Kindes für seine Umgebung erinnert mich an das kleine Lilichen. Ob das eine glückliche Gabe ist –?
Von der Vertretung in der Wohlfahrtsstelle komme ich nicht los. Ich will mich also mutig hinein stürzen. Falls Du schon kommst, solange ich dabei sein muß, ists wohl auch kein Hindernis, da Du ja auch arbeiten willst. Ja, Du hast recht: das unheimliche Heidelberg. Vielleicht wird es Dir noch ganz verleidet!
Ich fürchtete, daß es Dir nicht gut ging, da ich so lange nichts hörte. Quäl Dich nicht mit Schreiben, nur eine kurze Nachricht gib mir dann u. wann, daß ich mich nicht ängstigen muß. - Das Dach ist in Ordnung u. die Leute schienen ganz vertrauenswürdig. - Morgen kommt die Nichte von Aenne mit dem kleinen Kind zum Übernachten unten in die Wohnung u. am Sonnabend kommen Aenne u. Lili Sch.
- Am Montag soll Schloßbeleuchtung sein - u.s.w. u.s.w. -
Mein Husten ist so gut wie vorbei. So gründlich hatte ich noch nie einen.
- Morgen soll noch die schrecklich vollgepfropfte Küche gereinigt werden u. dann ist Schluß mit der Sorte. - -
Sei mir viel tausendmal gegrüßt u. bleibe gesund. Warum kannst Du denn mit den Vorlesungen garkein Ende finden?
Deine Käthe.

[Kopf] Grüße bei Riehls, von mir, hörst Du?
[Kopf S. 1] Gestern ein starker Gewitterregen ohne jede Abkühlung. - Im Zimmer habe ich 23°R - draußen sind 4/2° mehr.