Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 28. September 1921 (Heidelberg)


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Heidelberg. 28. Sept. 1921.
Mein Einziger!
Wie traurig ist es hier ohne Dich! Es kommt mir alles so zwecklos u. gleichgültig vor u. am liebsten rollte ich mich auf wie ein Murmeltier zum Winterschlaf. Dabei ist es aber garnicht etwa still hier zugegangen. Am Montag war ich in der bewußten Sprechstunde, wo es viel zu tun gab. Der Arzt hätte beinah ausfallen lassen, da er - eine rheumatische Gelenksentzündung im Knie hat. Und gleichzeitig hörte ich noch von zwei anderen Fällen. Es scheint also beinah eine Epedemie!! Über Ursache u. Behandlung war dabei nichts Neues zu erfahren. Dr. Fehr hat schon vor Jahren darunter gelitten, aber seit 1914 nichts mehr gespürt. Nun war er seiner Frau wegen in Wildbad u. gebrauchte auch die Bäder. Das hat, wie es scheint, das Leiden wieder akut gemacht. Wenn es nur mit Deiner rechten Schulter nicht durch die Thermalbäder ähnlich ist. Ich ängstige mich so, daß die starke Abkühlung Dir schaden könne u. besonders für die Nachtfahrt ist mir bange. Sonst ist das Wetter ja einfach herrlich u. ich wollte nur, Du wärst schon in Partenkirchen.
Von Deiner Reise u. dem Vortrag hoffe ich bald zu hören. Es war gewiß alles sehr fein u. Du hast Dich mal wieder umsonst gesorgt. – Eben, ½ 5 Uhr, kommt Deine liebe Karte aus Jena, eingesteckt noch vor dem Vortrag. Hast Du an Morgner gedacht? Ich bins überzeugt, denn Du vergißt ja nie so etwas. –
Ich habe viel geschlafen, denn es überkam mich eine grenzenlose Müdigkeit. Gleich nach Deinem Fortgehen kroch ich in den Granattrichter u. tauchte erst zum Essen wieder auf. Jetzt habe ich so nach u. nach ein wenig "Ordnung" gestiftet u. den Alltagszustand wieder hergestellt. - Gestern, am Dienstag, fuhr
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| ich mit Aenne um 1010 nach Mannheim zu Winters u. nachmittags nach Oppau zu Meyers. Die Eindrücke im Hause Winter waren ganz ungewöhnlich gute. Die beiden großen Mädels hatten sich auf einem Gute in der Nähe von Hamburg prächtig erholt, u. das Ehepaar war in erfreulichem Einvernehmen. - Bei Meyers ist das reizende, blitzsaubre neue Häusel arg mitgenommen, Wände gerissen, Fensterrahmen u. Türen zersplittert, Glasscherben haben Möbel, Vorhänge u. Tapeten zerritzt - aber die Menschen sind alle unversehrt. Von den Ursachen der Explosion weiß niemand Genaueres, als was auch in der Zeitung steht. Es ist allen unbegreiflich, denn das Mischsalz: Ammonium Nitrat u. Ammonium sulfat galt als völlig ungefährlich. In allen derartigen Fabriken wurde es durch Sprengung zerkleinert. - Daß eine absichtliche Handlung dabei gewesen sei, ist darum unwahrscheinlich, weil eben niemand die Explosivfähigkeit des Lagers kannte. Erfolgt ist das Unglück unmittelbar auf eine offizielle Sprengung hin. Ein Angestellter, der noch lebt, war 7 Minuten vorher in dem Bau u. wurde noch aufgefordert, zuzusehen, hatte aber keine Zeit. Das war sein Glück. Erich Meyer hat seine Arbeitsstätte unmittelbar neben der Explosion. Sein Büro ist völlig zertrümmert u. er sucht jetzt seinen Besitz unter dem Schutt hervor. Von den Leuten seiner Nachtschicht ist nur einer getötet; es waren 40 Mann anwesend von den 130 Arbeitern. Erich lobte die verschiedensten seiner Leute, die trotz der Gefahr standhielten, die Feuerung unter den Kesseln vorholten, den Bau bewachten u.s.w. während der größte Teil natürlich kopflos davon lief. Schrecklich
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| ist es, daß sofort allenthalben ganz ungeheuer gestohlen wurde. Den Toten haben sie Uhren u. Geld fortgenommem, in den Krankenhäusern Instrumente u. Ärztemäntel, der ganze Fahrradschuppen ist ausgeräumt - kurz die Bestie hat sich einmal wieder breit gemacht. Hauptsächlich wären es junge Burschen zwischen 16 u. 18 Jahren gewesen; also das Alter das nicht im Kriege war, aber in den entscheidenden Jahren vermutlich ohne elterliche Zucht aufwuchs. - Wenn die Fabrik all den Schaden ersetzen soll, der direkt u. indirekt durch das Unglück entstanden ist, dann muß sie zu Grunde gehen. –
Mit Abscheu u. Empörung sah ich bei dieser Gelegenheit zum erstenmal schwarze Truppen. Das Arbeiterkasino der Fabrik ist ihre Kaserne. Im ganzen sollen sie sich aber ganz ordentlich benehmen. - Der Rhein war wunderschön, große Dampfer u. kleine Boote in Fülle. Und gerade durch die Brücke fuhr ein Schleppdampfer mit schwarz-weiß-rotem Wimpel - das war so tröstlich. - Um 10 Uhr abends waren wir wieder daheim, u. ich saß noch ein wenig an "unserm" Tisch; aber niemand spielte mit mir Dame.
Heute nun ist wieder ein ander Bild: morgens kam die Nachricht, daß Elisabeth Vetter mit ihrer Freundin Suse Olshausen (aus Weimar) kommen würde. Ich mußte also wieder das Bett räumen u. werde heute nacht auf dem roten Sopha kampieren. das ist für meine Größenverhältnisse ungefähr dasselbe wie für Dich der Granattrichter. Jetzt sind die beiden mit der Aenne auf dem Schloß, ich ging aber nicht mit, da ich endlich Dir schreiben wollte. Ich bin ja
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| eigentlich noch garnicht zu mir selbst gekommen. Ich lebe nur so dahin in dem Gefühl großer Einsamkeit. - Deine Post war mir ein lieber Nachklang der gemeinsamen Tage. Zuerst kam der Müller-Freienfels, der mich durch die Lebhaftigkeit seines Eingehens auf Dich freute. Wer ist das? - Hat es für Dich ein Interesse, Deine Terminologie auf diese Weise verbreiten zu lassen? Ich könnte mir das günstig denken, je nachdem es eine geeignete Persönlichkeit ist. - Auch Kerschensteiners Karte ist lieb u. herzlich. - Der Fettfleck in der Dresdener Bank-Nachricht ist nicht von mir! - Eine Ankündigung der Überweisung ist noch nicht da, aber die Steuern sind nun scheinbar bezahlt - oder nein, das sind wohl nur Abzüge. - - Die Hochschulnachrichten scheinen mit Deinem Standpunkt zu sympathisieren, daß sie weitere Beiträge über Hochschulreform von Dir erhoffen. Aber lohnt es sich für Dich der Mühe? Ist es vielleicht eine Möglichkeit, hier Deine Meinung zu sagen, ohne Dich so widerwärtigem Gezänk wie bei den Volksschullehrern auszusetzen? - Schade, daß ich über den Charakter der Vorschläge vom Central Institut nichts Näheres hören kann. Die Art der Abänderung ist mir natürlich nicht ohne Erklärung verständlich.
Daß ich auch den Brief vom Wezelchen öffnete, ist Dir hoffentlich recht. Was sie schreibt scheint mir nicht sehr abgeklärt, weder über die Fröbelsache noch über sie selbst. Im ganzen scheint es mir, als ob sie eigentlich Deine Ablehnung nicht versteht. Daß die Mitteilung des Briefes der Frl. Dr. L. an Dich ein Zeichen von - ich möchte sagen: kindlichem: Vertrauen war, empfand ich ja auch, wie Du weißt. Aber solch hilflose Offenheit ist in geschäft
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|lichen wie in politischen Dingen nicht am Platze. - Doch lassen wir diese Dinge nun endlich ruhen. Gerade Frl. Wezel mit ihrer Überempfindlichkeit hätte eigentlich einsehen sollen, daß solch ein Angriff Dir die unbefangene Freude des Gebens in dieser Sache nehmen mußte. - Möge dem Wezelchen der Zustand innerer Harmonie recht dauernd fühlbar bleiben. Der "geritzte Stamm" paßt eigentlich nicht ganz dazu. Ich sollte meinen, sie müsse das Gefühl haben, zu wachsen an derartigen Leistungen. –
Welch ein zauberhaft schöner Herbsttag war das heute! So hätte es am Sonntag sein sollen! Aber vielleicht ist der Unterton der Luft für Dich doch schon zu herb. –
Du lieber, lieber verwöhnter Mann, wie mag es Dir gehen? Ob Du Weinels gesehen hast? Ob es auch nicht garzu anstrengend war mit all den Sitzungen? Wenn ich Dich doch nur erst heil u. gesund in Partenkirchen wüßte! Sobald Du mir Deine Abreise von Jena meldest, schicke ich das Packet.
Bei mir wird nun eine gehörige Arbeitsepoche beginnen. Es blieb ja so viel liegen in all der Zeit, während ich in Berlin war u. mit Dir. Zum Rechnen kam ich noch nicht; ich denke vielleicht morgen. Du bekommst dann eine Übersicht, daß Du doch weißt, wo das viele Geld blieb.
Für heute muß ich Abschied nehmen. Ich grüße Dich innig u. habe Dich lieb.
Deine Käthe.