Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 2./3. Oktober 1921 (Heidelberg)


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Heidelberg. Sonntag, d. 2 Okt. 21.
Mein geliebtes Herz. Immer noch kommen die Postsachen hierher, aber es ist wohl nichts dadurch bisher verzögert. Zweimal habe ich Dirs in dicken Briefen nachgeschickt u. die Drucksachen folgen im Packet, das auch seit Sonnabend vormittag unterwegs ist. Ich ließ es einschreiben in der Meinung, daß es dann schneller reist. Aber das wirkt jetzt nur noch bei einer Versicherung von über 500 M. - Wie hoch soll ich eigentlich die Sachen nach Berlin versichern? Ich dächte 1000 M - man kann ja im Verlustfalle immer noch genaue Angaben machen an Hand des aufgenommenen Verzeichnisses. Das Porto wird dann 12 M kosten - horrend! Aber es sind doch Stiefel, Wäsche, Bücher von Wert darin. - - Also jetzt eben, mein Lieb, sitze ich an Deinem Arbeitsplatz, vor mir Dein Bild u. eine prachtvolle rote Rose dabei. Das ist mir immer, als könntest Du Dich mit daran freuen. Es ist noch nicht sieben Uhr, u. wir kamen mit der Dämmerung von einem schönen Spaziergang heim. Wir haben nämlich schon wieder Besuch: von den beiden älteren Winterkindern. Hanni hat Diphtheritis u. man hofft die Großen davor zu bewahren. Sie schlafen im Seltenleer; eines auf der Matratze am Boden u. sind sehr liebe, anspruchslose u. hülfsbereite Gäste. Nach dem Kaffee gingen wir mit ihnen fort, die Tante Aenne fuhr bis Handschuhsheim, wir 3 andern gingen auf den Weinbergswegen am Abhang bis ins Siebenmühlental, wo wir uns mit großartiger Pünktlichkeit trafen. Dabei kreuzten wir auch den Weg, auf dem wir beide damals auf den Heiligenberg stiegen!! Am Waldesrand wanderten wir dann noch etwas talauf u. lagerten eine Weile im schönsten Sonnenschein auf einer Wiese. Der Blick von dort war besonders reizvoll, überall wanderten u. saßen sonntagsfrohe Menschen u. herüber klangen die muntren Stimmen der Handschuhsheimer Jugend vom nahen Sportplatz. Zurück
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| benutzten wir einen breiten Fahrweg, der uns aber sachte u. unentwegt immer höher führte, sodaß wir wohl fast bis an die Ruine kamen, u. nur mit energischer Rechtsschwenkung wieder das Tal u. die Bismarcksäule erreichten. Es war aber sehr genußreich, denn die Luft ist jetzt erfrischend u. belebend. -
Wie magst Du Dich in Partenkirchen fühlen? Es wird gewiß eine rechte Abspannung auf die Jenenser Anstrengungen folgen. Aber glücklich bin ich, daß dieses Opfer doch nicht vergeblich war, daß Du ganz unmittelbar die Kraft Deiner Wirkung spüren konntest. - Dagegen bin ich nicht eingenommen von dem Gedanken, daß Du schon wieder in Steglitz reden sollst. Mir scheint eigentlich, als ob Du Dich da etwas aus Deiner Sphäre begeben würdest. Kannst Du nicht mitteilen, daß Du durch Krankheit in Deiner Zeiteinteilung behindert würdest u. "für dies Jahr" absagen? Es scheint ja kein Mangel an Rednern.
- Von Berlin u. Halle habe ich noch immer keine Antwort auf die Sendungen. Dagegen bekam ich Briefe von Lieschen Schwidtal, dem Onkel u. eine Karte von Anna Weise. Heute vormittag schrieb ich allerlei, aber die Schulden sind noch beängstigend. - Zunächst muß ich nun einmal das Kleidchen nähen, das ich der kleinen Lili versprach. Vorher aber habe ich mir endlich einmal wieder Strümpfe gestopft. Ich war ja gänzlich verwahrlost. - Und mit kühnen Entschluß bin ich Deinem Beispiel gefolgt u. habe mir ein Paar Halbschuh gekauft. Es war zu nötig. So billig wie Du, habe ich aber nicht gekauft, die Schuhe sind an Größe u. Gewicht nicht die Hälfte von Deinen u. kosten 230 M. Dafür knarren sie aber sehr vornehm! -
Ob noch viel Gäste in der Pension sind? Und wie ordnet sich
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| das Zusammensein mit dem andern Besuch? Hast Du die dadurch erhoffte größere Freiheit? - Ich denke mir, daß gerade weil Du mit dem Wiederkommen gezögert hattest, die Begegnung dort jetzt einen besonders intensiven Charakter haben wird. Du hast ein bissel schlechtes Gewissen u. von der andern Seite wird man Dein Kommen doppelt schätzen, u. Dich nicht mehr zu Dingen zwingen wollen, die Dir unmöglich sind. Wie benimmt sich Felicitas? Ist sie nun immernoch das naive Kind? - Wenn es Dir dort recht erholsam geht, dann solltest Du doch nicht so großen Wert auf Deine eine Wahlstimme legen, sondern lieber die Erholung vor dem langen u. schweren Winter recht befestigen u. bleiben, solange es irgend geht.
Daß es bei Bauch's so behaglich war, freut mich riesig für Dich. Das hat Dir den Aufenthalt sicher erleichtert. Wer ist denn die Familie H, zu der Du verschleppt wurdest? - Ist Frau Wundt denn auch krank? Daß das Leiden bei Ada fortschreitet ist recht trostlos. Ich sehe in dieser Richtung so viel Elend an den Sprechstunden, die ich nun wieder regelmäßig betreue. - Und noch ein Erlebnis in dieser Richtung hatte ich, das mich sehr beschäftigt. Rösel Hecht erfuhr durch die Fürsorgestelle, daß das sehr nette Mädchen, das sie monatelang bei ihrem Jungen hatte, eine offene Tuberkulose hat. Das Kind hatte sich schon im Frühling eine Bronchitis geholt, angeblich mit Grippe angesteckt von diesem Mädchen. Der Arzt hat Rösel trotz wiederholten Fragens nicht die Wahrheit gesagt u. sie behielt die Monika nach wie vor im Hause. Hoffentlich überwindet der prächtige Junge die große Gefahr. - Rösel kam sehr aufgeregt zu mir u. ich vermittelte eine aufklärende Aussprache mit der Fürsorgeschwester, wodurch sie etwas beruhigt wurde.
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Es war mir eine rechte Beruhigung, daß Du bei der Nachtfahrt nichts von Kälte erwähnst. So hat es Dir hoffentlich nicht geschadet. Hast Du schon Deinen Winterüberzieher bekommen? In der Sonne muß es dort herrlich sein. Auch hier bringt sie es an meinen Fenstern noch immer auf 20° R.
Die Zeitung über die Jenaer Tagung kann ich hier durchaus nicht auftreiben. Wenn Dir etwas zu Gesicht kommt, was der Mühe lohnt, schreibe mir doch genau, Tag u. Nummer, daß ich es durch Köster bestellen lasse. - Von Oppau hat Carl Winter sehr gute Aufnahmen gemacht, die die Macht der Verwüstung noch deutlicher zeigen als alle offiziellen Abbildungen. Sehr gefahrvoll sind jetzt nun die Aufräumungsarbeiten u. es sollen dabei schon wieder Menschen verunglückt sein.
- Gestern vormittag, nachdem ich Dein Packet besorgt u. die 3 dicken Bände Wundt in die Bibliothek gebracht hatte, ging ich zu Frl. Dr. Herbig, um mich mit ihr zu versöhnen. Sie war auch nicht schwer umzustimmen, erklärt mir nur, der Fehler liege eben in einem mangelnden Selbstvertrauen bei mir. Menschen, die andern etwas sein könnten, hätten heutzutage doppelt die Pflicht, sich der Allgemeinheit zu widmen. Ich erklärte ihr, daß ich mich nicht eignete u. - mich zu anderem berufen fühle! Meinst Du nicht auch?? - Charakteristisch war es wieder, daß sie über den Gedanken, daß man [über der Zeile] in Oppau ein Verbrechen für möglich halten könne, entrüstet war, aber nicht zögerte, zu behaupten: "Die Fabrikleitung sei einmal wieder mit frevelhaftem Leichtsinn vorgegangen". –
Jetzt aber geht die Lampe aus - u. vielleicht Dir die Geduld. Drum gute Nacht, mein Einziger u. viel viel Liebes von Deiner Käthe.
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Montag gegen Abend.
Ich kam nicht dazu, heute früh den Brief fertig zu machen, wollte auch noch abwarten, ob die Post um 5 Uhr noch etwas für Dich brächte. Nun scheint es aber richtig umgestellt. - Heute morgen trat ich scheinbar mit den Briefen Deine Erbschaft an, es kam dreierlei auf einmal: außer Deinem lieben Schreiben noch eine Karte von Hermann u. von Frau Rohn. Letztere sah ich daraufhin noch heute zwischen 2 u. ½ 3 Uhr am Bahnhof, u. lernte bei der Gelegenheit auch die Nichte u. - Frl. Wundt kennen. Beide Leipzigerinnen frugen sehr nach Dir u. trugen mir herzliche Grüße auf. Frl. Wundt machte mir einen sehr sympathischen Eindruck; sie fuhr mit Frau Rohn 4. Klasse nach Bensheim - Darmstadt weiter. - Das weiße Läppchen sollte eigentlich mit dem Packet
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| kommen, ich hatte aber vergessen, daß es noch nicht gebügelt war. Behandelst Du die Schulter noch mit der Salicylsalbe? Läßt Du Dich massieren? Ich hätte ja noch so viel zu fragen - trotz Deines Briefes, der mich sehr glücklich macht. Ja, es war trotz allem eine wunderbar schöne Zeit, die wir zusammen verleben durften, eine Zeit vollen, tiefen Glückes. Und das Gefühl des Einsseins, das uns beiden wahres Leben bedeutet, soll auch in der Ferne stark bleiben, ein gesichertes Heiligtum. -
Was wirst [über der Zeile] Du dem Carl-Hermann Böhmer antworten? Ich bin begierig wie es Dir erscheint. Vielleicht ist es von mir weltungewandt. Aber so gut, wie eine Regierung über den Parteien stehen soll, so auch Du, der Philosoph, der wahre König nach Plato.
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| Müller-Freienfels ist wohl kein originaler Denker, aber klar, einsichtig u. modern im Reproducieren. - Schreibe mir von allem, was Du erlebst, mein Herz, daß ich recht teilnehmen kann. Wie ist Deine Tagesordnung, hast Du Zeit für Dich? Sei vorsichtig in Deinen Scherzen mit Felizitas. Sie ist doch nicht mehr das Kind, das sie scheint. Ich freue mich, daß Dich Sonne u. Behagen dort umgibt, u. wenn Du die weiche Seide um Deine Schulter legst, dann fühle auch in der Ferne meine zärtliche Liebe. -
Heute vormittag war ich mit Aenne in der Stadt, ein schönes Bügeleisen für die Anna zu kaufen, die Mittwoch unser Haus verläßt. Bertha Noá, die ihre Nachfolgerin wird, ist schon da u. scheint recht gelehrig, jedenfalls voll guten Willens.
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Morgen will ich nun endlich auf die Steuer gehen. Ich hatte die (unbefristete) Vorladung fast vergessen. - Lotte Winter hat beim Dr. B. Lateinstunden. Sie ist sehr befriedigt davon. - Elisabeth Vetter erwarten wir auf der Rückreise auch noch einmal, damit das Haus voll werde. - Der Cassirer, den ich Dir mitschickte, kann beliebig verlängert werden. Wann wäre er wohl etwa fällig? Deine lieben vielen Häkchen im Logos habe ich ausradiert. -
So - nun weißt Du wohl alles! Oder nicht? Weißt Du auch, wie ich Dein gedenke zu jeder Stunde? "Ohn Unterlaß" ist das rechte Wort, denn Du bist ja das Leben meines Lebens.
Deine
Käthe.

[Fuß] Wenn das Tüchlein schmutzig ist, wirf es nicht fort. Ich wasche es wieder.
[li. Rand] Grüße auch Frau Witting.
[Kopf S. 3] Am 10. Oktober wird Anna Weise von mir Deine Lebensformen zum Geburtstag bekommen.
[Kopf S. 4] Am 6. Oktober ist der Todestag meines Vater u. am 7. der von Lietze. - Am 8. Oktober hat der kleine Heinz Geburtstag* [li. Rand] * <Ich schicke ihm von Dir die fremden Marken für seine Sammlung.> (dem Du vielleicht eine Karte schickst?) u. am 9. war der von Kurt.
[li. Rand S. 5] Hast Du mir das Reisefläschchen von dem Wein aufgehoben?