Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 7. Oktober 1921 (Heidelberg)


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Heidelberg. 7. Okt. 21.
Mein geliebtes Herz, ist das ein Schmerz! Wohl war ich eigentlich vorbereitet durch Deine Nachrichten, wie Du in Jena die Sonne suchtest u. wie Du in Partenkirchen so krakelig schriebst - u. doch! Man gibt sich so gern der Hoffnung hin u. glaubt das Günstigere. Nun liegst Du wieder mit diesen schauderhaften Schmerzen, hast vermutlich Fieber u. all das Bißchen mühsame Erholung ist wieder futsch. Ist Bardenheuer wieder Dein Arzt oder ist er zu sehr Spezialist für diesen Fall, der ja nicht sein Gebiet ist? Doch ich will lieber keine Fragen stellen, denn Du sollst nicht beunruhigt sein, daß ich auf Nachricht wartete. Ich bin zufrieden, daß Du dort in sorglicher Pflege bist, aber Du wirst begreifen, daß ich mich grenzenlos sehne, bei Dir zu sein. Denn das ist doch nun mal seit 1910 mein angestammtes Recht, Dich zu pflegen. - Ich mag mir noch garnicht ausdenken, wie störend dieser Zwischenfall nun wieder für Deinen Semesterbeginn sein wird. Denn wenn die Nachbehandlung rechts so langwierig wird, wie sie links war, kommst Du wohl garnicht rechtzeitig nach Berlin. Andrerseits ist es wohl eigentlich notwendig gewesen, daß der Zustand in deiner rechten Schulter zum Austrag kam. Solch chronisches Hinschleppen wäre viel übler u. vielleicht wirst Du mit diesem energischen Anfall dann die jahrelange Beschwerde los. Wäre es nur damals gleich auf einmal hinter einander abgemacht, solange Du hier warst, dann könntest Du doch jetzt eine ungestörte Erholung von allen Leiden haben!
Ob Du das bewährte Rezept von Niedenthal wieder machen ließest? Es hat Dir doch die Schmerzen gleich gelindert.
Denke nur, als ich die Bleistiftkarte von Dir sah, dachte ich erst, Du habest vielleicht einen eiligen Auftrag. Dann faßte mich Sorge vor irgend einem unbekannten Unheil u. dann las ich erst, was geschehen war. Und ich weiß so bis ins Einzelne hinein, was diese
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| greuliche Krankheit bedeutet! Du Lieber, Einziger, wie leide ich mit Dir! Ob es denn wirklich wieder ganz so schlimm geworden ist, wie linksseitig? Man wird auch beim zweitenmal leicht deprimierter, weil man den Rummel schon kennt. Aber ich male mir aus, daß Du wieder von Deinem Leidenslager aus den schönen Blick auf die Berge hast, daß die Sonne Dir tausend liebe Grüße von mir bringt, u. daß Du recht von teilnehmender Sorge umgeben bist. - Was sagt denn Frau Witting zu diesem Fall, der ihre kühne Behauptung so krass widerlegt? Du hättest doch angeblich dort keinen Rheumatismus bekommen sollen!! - Aber das Klima von Partenkirchen hat ja immer diese Schmerzen bei Dir gesteigert, u. nun ist es vielleicht eine Radikalkur, die mit allen alten Restbeständen aufräumt.
Nicht wahr, lesen kannst Du doch allein? Denn ich möchte meine Briefe doch nicht für andre Augen schreiben! Wenn auch nichts drin steht, was irgend belangvoll wäre, es steht eben doch etwas zwischen den Zeilen, was nur für Dich ist! Das fühlst Du immer, mein Lieb, nicht wahr? –
Von Deinen feinen Cigaretten habe ich Elisabeth Vetter angeboten, die sie sehr gut, aber stark fand. Denke nur, die Sorge für Aenne: Elisabeth steht wahrscheinlich vor einer Operation, hat eine Geschwulst. Und es sind schon 3 Fälle von Krebs in der Familie. Die Sache ist noch geheim, also erwähne nichts. Aber ich bin sehr besorgt, mag Elisabeth so gern. - Lili Scheibe ist für die Herbstferien in Teutenburg bei Dornburg, schreibt von sehr feinen Aufsätzen mit kunstgeschichtlichem Thema u. eingestreuten Skizzen, die in der Klasse O. L. I gemacht wurden. Sie hatte sich mit der
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| deutschen Lehrerin darüber verständigt u. gemeinsam gehandelt. - Von einem Lehrer erzählt sie auch, der in Hamburg ¼ Jahr psychologische u. pädagogische Fortbildung suchte, u. der von Deinen "Lebensformen" ganz begeistert ist: "Das bedeutendste philosophische Buch - - - zum erstenmal eine Geisteswissenschaft, die - - " Du weißt wie konfus das Lilichen ist, man kann das Urteil nur in seiner warmen Zustimmung, nicht in sachlicher Begründung heraushören. Und noch etwas schreibt sie. Schon lange schwebt die Anfrage eines jungen Ehepaars, von denen er hier studieren möchte für ein Semester oder Vierteljahr. Das wird nun möglicherweise zu Weihnachten oder Neujahr vor sich gehen.Was meinst Du, soll ich denen meine Wohnung vermieten u. nach Berlin kommen? Die Leutchen sind Lili gut bekannt, u. [über der Zeile] von ihr, die selbst sehr akurat ist, als ziemlich ordentlich u. zuverlässig empfohlen. Zu Ostern, Universitätsferien müßten "wir" natürlich unser Nest wieder haben. Sollten Sie dann noch hier sein, finden sie wohl etwas andres, eventuell den Seltenleer u. ich schliefe bei Aenne. O - was für Träume! Und dabei sind wir im Augenblick so gehemmt u. so getrennt!
Gestern gegen Abend war ich bei "Adeele", verfehlte sie aber. Heute nachmittag ist wieder Fürsorgesprechstunde. - Gestern morgen kam ich nun endlich mit dem Finanzamt zurecht. Es sind dort nur an bestimmten Tagen Sprechstunden. Ich traf wieder meinen alten Bekannten, der mir schon oft geraten hatte. Er war auch diesmal ungeheuer menschlich. Es handelte sich darum, daß ich Ermäßigung der Einkommensteuer beantragt hatte u. daß man dies eigentlich nur gewährt bekommt, wenn man über 60 Jahre ist, oder ganz invalide, oder wenn [über der Zeile] man 10 Kinder hat oder dergl. - Er legte
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| mir nun nahe, ob ich nicht irgend einen Grund hätte, weshalb ich nicht voll erwerbsfähig sei. Da kamen mir natürlich meine Augen sehr zustatten u. ich fragte, ob ich ein ärztliches Zeugnis beibringen solle. Das fand er nicht nötig, sondern schrieb ganz munter: Augen u. ganze Konstitution seien zu schwach zu vollem Erwerb. - Nun wird mir die 10° Kap. Ertragsteuer von der Einkommensteuer abgezogen u. ich werde vermutlich recht wenig zu zahlen haben. Also mal ein Lichtblick. Aber er empfahl mir absolute Verschwiegenheit über den Vorgang, den ich also nur Dir, keinesfalls der Aenne anvertraue.
Aenne macht mir auch Sorge, sie klagt viel über alle möglichen Beschwerden, wehrt sich aber, einen Arzt zu fragen. - Das neue Mädchen ist fleißig u. gut zu leiden. Hoffentlich zeigen sich keine besonderen Schattenseiten. Anna ist seit gestern zu Haus, hat aber erklärt, in vierzehn Tagen käme sie noch einmal zum Schlafen für einige Nächte. Gefragt wird da jetzt weiter nicht. –
Ob ich Dir nun die Wäsche doch noch dorthin schicken soll? Die liegt bereit, u. kommt sonst in das Packet nach Berlin. - Sage mal, wie ist es eigentlich mit Deinem Geld gewesen? Ich habe von der Bank gemeldet bekommen am 27.6. 2100 M - das war m. W. Rückzahlung, u. am 5. Sept. 3000 M - sonst nichts. Ist noch etwas überwiesen? Ich habe Geld, ich frage nicht deswegen, sondern weil ich garnicht klug draus werden kann. - Antwort hat Zeit, bis Du wieder "bei der Hand" bist. Du mein Armer, Lieber, Geduldiger.
Ist das heute ein Toben auf unsrer Straße: Wettfahrten von Autos u. Motorrädern! Da hast Du es besser u. stiller. - Doch nein, besser kannst Du es doch wohl nicht haben als hier bei mir. - Kann Jena Schuld sein an der neuen Erkrankung? Eigentlich wohl nicht. Jedenfalls
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| war es so wichtig u. wertvoll, daß ich es in Deinem Interesse nicht missen möchte. Aber sonst solltest Du nun definitiv alles Außerordentliche an Vorträgen, was es auch sei, für diesen Winter absagen. Sollte Düsseldorf sich im Frühjahr erledigen lassen, vor oder nach der Erholung, dann vielleicht. Aber im Semester schone Dich, mein Liebster. Man schreibt nicht ungestraft solch ein Buch u. es ist nur natürlich, daß jetzt im Jahr danach die physische Kraft keine Schädigungen überwinden kann. Das will erst wieder ersetzt sein. Mache nur jetzt, daß Du bald über die schlimmen Tage
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| fortkommst. Nur mit meinen treuen, innigen Wünschen kan ich bei Dir sein, aber Du spürst sie gewiß. Gedenke mein u. wie ich Dir Dein Kranksein so gern erleichtern möchte. Weißt Du nichts was ich für Dich tun könnte?
Voller Sehnsucht u. Sorge grüßt Dich
Deine Käthe.