Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 8. Oktober 1921 (Heidelberg)


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Heidelberg. 8. Okt. 1921.
Mein lieber Lazarus, wie schrecklich ist es mir, Dich nun wieder krank zu wissen! Ich rechne immer, wie lange Du wohl liegen mußt: vom 5. 6. 7. –? Ob es sehr heftig ist? Ich fürchte, da es solange zur Vorbereitung brauchte. Immerhin ist es doch wohl immer gut, wenn der Körper mit einem energischen Prozeß sich gegen Schädlichkeiten wehrt u. das ewige Herumquälen aufgibt. Wie es wohl mit Fieber u. Puls ist? Achte doch ja darauf, daß Du eine Anregung hast, wenn das Herz mal wieder so matt werden sollte. Das ist doch immer der Rückschlag nach dem Fieber.
Es ist eine ganz besondere Tücke, daß diesmal die rechte Schulter an der Reihe ist. u. Du nicht einmal schreiben kannst. Und dazu all die Leute, die immer womöglich tägliche Bulletins haben möchten! Daß Du Dich meinetwegen nicht zu plagen brauchst, daß weißt Du; u. Du weißt auch, wie ich Tag u. Nacht Dein gedenke. Ich bin mir oft garnicht bewußt, wie stark sich die Unruhe dem ganzen System mitteilt, wundere mich dann selbst, wie einfach der Schlaf aussetzt. - Ach, warum kamst Du von Jena nicht wieder hierher! Aber vielleicht ist es dort doch leichter für Dich! Hier in der gleichförmigen Wiederholung
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| würde Dir die Geduld am Ende rascher ausgehen.
Gestern kam eine Aufforderung zum Zeichnen nach dem Mikroskop von der Hautklinik. Lebende Objekte möchte ich dort nicht gerade bearbeiten! - Zuhaus bin ich auch mächtig fleißig. Es ging mir so gut, bis der Schreckschuß kam! - Ob Du bei längerem Aufenthalt in P. noch etwas von den Sachen brauchst, die ich nach Berlin schicken sollte? Wenn Du Aufträge für mich hast, diktiere doch mal Felizitas eine Karte.
Die Traubenernte hat alles in allem dies etwa Jahr 15 Pf gegeben. Nicht viel, aber gut. Laß sie Dir schmecken als besonderen Gruß "Butter hammer kai", da mußt Du schon mit sowenig reeller Substanz zufrieden sein. Aenne läßt Dir ihre herzliche Teilnahme aussprechen u. Dir gute Besserung wünschen. - Die Rose ist von mir!! -
Abends les ich jetzt, soweit ichs verstehe, Cassirer über Einstein, da Du mir "ihn selbst" entführt hast. Ich hoffe, daß ich das Prinzip erfasse. - Was sagst Du zum Wiesbadener Abkommen? Geht es den andern so schlecht, daß diese erstaunlichen Zugeständnisse gemacht werden? Das scheint doch de facto den Friedensvertrag aufzuheben?
Ich grüße Dich ganz zart u. leise, mein armer Blessierter; werde mir bald, bald wieder gesund.
Deine Käthe.

[li. Rand S. 1] Arnold Ruge steckbrieflich gesucht wegen Hochverrats!!