Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 12. Oktober 1921 (Heidelberg)


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Heidelberg. 12. Oktober 1921.
Mein lieber Einziger.
Heut ist es eine Woche seit Deiner Karte. Wie endlos lang erscheint sie mir! Du glaubst ja nicht, wie oft am Tage ich vor mich hin jammere: mein armer, armer Liebling! Diese schauderhafte Quälerei nun wieder von vorn - es ist mir schrecklich. Wenn ich doch nur mal hereingucken könnte! Aber es bummert morgens niemand an die Wand u. mein Fragen findet keine Antwort. Jetzt habe ich nun eine Reihe von Anfragen aufgeschrieben, u. Du brauchst nur immer einen Strich hinter jeder zu machen: | heißt "ja" u. – heißt "nein". Und wenn Du ein Übriges tun willst, so mach das berühmte Häckchen, das heißt "sehr". Meinst Du nicht, so kann ich doch ein wenig von Dir hören, ohne daß
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| Du große Plage davon hast? Es ist nicht so leicht, immer eine Form zu finden, die nur ja oder nein als Antwort braucht u. die Auskunft ist ja auch nur sehr dürftig, aber was will man machen, wenn man keine Hand hat! - Dabei dies unaufhörlich herrliche Wetter! Es ist ja auch für Dich im Zimmer besser, wenns draußen freundlich ist, mein armer, gefangener Vogel, aber ich muß immer denken, wieviel mehr Du in solch einzig schönen Ferienwochen im Freien Dich erholt hättest. - Man darf nicht denken, sonst empört man sich zu sehr gegen das Verhängnis.
Hier ist das Alltagsleben in stillem Fortgang. Vormittags Klinikzeichnen, nachmittags Hausarbeit oder Fürsorgesprechstunde. In der Dämmerung Besuche, heute bei Frau Gunzert u. Frau Ruge.
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| Die Letztere weiß nicht, wo ihr Mann ist. Offenbar hat er viel Ungeschicklichkeiten begangen, die ihn belasten. Aber es gibt sicher viele so wie er u. man hat es nur auf ihn abgesehen, weil er sich die Juden so verfeindet hat. In Schlesien hat er Akten in Aufbewahrung genommen, von deren Inhalt er keine Kenntnis hatte u. die sind ihm dann abgenommen. In seiner amtlichen Stellung dort, er löste im Auftrag der Regierung einen Truppenteil auf (unter dem falschen Namen, der ihm offiziell gegeben war) sind von den ihm Unterstellten Unregelmäßigkeiten begangen, für die er verantwortlich gemacht wird u.s.w. Es ist eine ganz verworrene Sache. Ein Jude, der hier in seinem Hause verkehrt hat, hat ihn in Breslau durch seine Begrüßung [über der Zeile] auf dem Bahnsteig der Polizei verraten gegen eine namhafte Summe. - Die arme Frau ist nur noch ein Schatten.
- Gestern abend hörten wir in
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| dem schönen Mensasaal mit etwa 6-700 Menschen den Tews reden. Eine geistige Potenz ist der aber nicht, sondern ein rechter Schwätzer. Es war endlos, u. sehr viel Schiefes u. Hohles dabei. In der Diskussion sprach ein Philologe, ein Politiker u. ein Theolog - leider kein einziger in sachlichem Gegensatz. Ich hatte so recht den Eindruck von mittelmäßigem deutschen Philistertum.
Am Freitag wird ein Lehrer von Hermanns Schule hier durchkommen, den ich eigentlich schon Sonntag erwartete. Da hätte ich mehr Zeit für ihn gehabt. - Im Laboratorium ist ein Frl. v. Hofmann tätig, deren Art u. Weise mich amüsiert. Sie ist sehr selbstbewußt u. mundfertig, aber gutartig. –
So - nun muß ich aber schlafen, sonst zeichne ich morgen schlecht. Gute Nacht, mein Herz. Um die Zeichensprache noch zu erweitern, so heißt dies X X X sehr was Liebes!
Deine Käthe.

[Fuß S. 2 u. 3] Könntest Du wohl erkunden, ob Bardenheuer für eine Laborantin Arbeit hätte? Ein hübsches, nettes Mädel im Path. Institut hat Tbc. u. muß dort aufhören. In Partenkirchen wäre doch Klima u.s.w. sehr geeignet, sie auszuheilen. Aber sie möchte dabei weiter arbeiten.
[li. Rand S. 1] Ach, ich sorge u. sehne mich so!

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verläuft die Krankheit ebenso wie hier?
Oder ist es schlimmer? -
Jedenfalls wirst Du noch hilfsloser sein?
Bist Du auf dem Wege der Besserung?
Waren die Schmerzen ebenso arg?
Hast Du bald ein schmerzstillendes Mittel genommen?
Dasselbe wie hier?
Ist Bardh. Dein Arzt?
Spielt er auch nicht den Fall in sein Gebiet?
Hattest Du starkes Fieber?
37,6
Wieviel Tage?
3-4
Ist das Spray normal?
Und tapfer??
Hast Du wieder Appetit?
Bist Du wieder auf?
Wieviel Tage im Bett?
4
Vermißt Du mich manchmal?
Oder hast Du es dazu zu gut?
Wurdest Du wieder in heißen Sand gepackt?
Föhn
Bekommst Du wieder Heißluftbehandlung?
Oder macht man es doch mit Kellersonne!??!?
Hast Du viel Besuch?
Oder oft allein?
Kannst Du lesen?
Oder bist Du dazu zu marode?
Sind die Trauben von unsrem Haus angekommen, nebst Brief. u. Rose?
Und der andre Brief mit Karte von Reuther?
Kannst Du Deine Kunst im Damespiel anbringen?
Soll ich das Packet nach Berlin abschicken?
Oder brauchst Du noch was daraus?
Bist Du für die Idee mit m. Wohnung? s. Brief.
Fühlst Du wie ich immer Dein gedenke?<xxx>
Hat man dort bessere Mittel für Pflege als ich sie hatte?
Ist Deine Stimmung auch nicht trübe?
Merkst Du schon, daß es wieder aufwärts geht?
Aber bist Du auch vorsichtig wegen eines Rückfalls?
Sind die Kräfte auch so mitgenommen?
Oder hattest Du schon ein bißchen Reserve?
Und hast Du auch Sehnsucht so wie ich?
Grüße Du dort so wie ich hier.