Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 18. Oktober 1921 (Heidelberg)


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Heidelberg. 18.Oktober 1921.
Mein liebstes Herz.
Wie hast Du mich mit Deinem lieben, inhaltreichen Brief vom 10. Oktober überrascht! Ich hatte ja nicht entfernt gehofft, schon ein eigenhändig Schreiben zu bekommen u. sorgte mich sogar ein bissel, Du könntest meinen Fragebogen als unbequeme Drängelei empfinden. Aber mein rührend Geduldiger hat ihn sogar da noch gewissenhaft ausgefüllt,wo Dein lieber Brief längst vorahnend alle Fragen beantwortet hatte. Hab Dank, daß Du mit meiner Sorge u. Sehnsucht soviel Nachsicht hast! Aber eine reine Freude können Deine lieben Schreiben nicht sein trotz allen Glückes, das sie mir ins Herz strahlen. Wieviel hast Du wieder aushalten müssen u. wie ängstlich ist das mit den wieder gesteigerten Empfindungen. Das ist ja eine Kette ohne Ende! Jedenfalls hängt das etwas mit dem Temperatursturz zusammen, denn in der letzten Woche hatte ich auch mal wieder "Gefühle" in Händen u. Füßen, wo bei mir seit der septischen Angina die schwachen Stellen sitzen. Ich bin dann oft im Aufstehen fast steif. Aber das verliert sich rasch u. ist sehr unbedeutend. Du aber mußt die Sache doch nun mal endgültig loswerden! Ja, die Sonne war herrlich! Auch hier wie im Sommer! Wenn wir nun zwar nicht gerade nicht viel davon genossen haben, so doch einige wirklich schöne Wege. Als Elisabeth Vetter da war, gingen wir unsern Weg. Nicht einen Menschen [über der Zeile] u. kein Reh trafen wir auf der langen Strecke. Bei dem Hüttchen steckte ich mir im Weitergehen eine Erikablüte an die Schleife des Hutes u. als ich ihn wieder aufsetzen wollte, da wo der Hochwald wieder beginnt, war die Hutnadel weg u. ich mußte das lange Ende zurück, sie zu suchen. Aber ich fand sie wieder - nach berühmtem Muster. - Am Donnerstag, (d. 13.) dem letzten Tage der Anwesenheit von Lotte u. Liesel Winter, gingen wir mit den Kindern in der Dämmerung [über der Zeile] nach 6 Uhr aus, auf meinen Vorschlag drüben
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| "iberm Neckar" unten am Ufer. Beim schwarzen Schiff standen Fernröhre, wodurch die Kinder (mit entsprechender Erläuterung durch junge Leute) den aufsteigenden Mond betrachten konnten. Dann gingen wir weiter, die Dunkelheit nahm rasch zu, aber die Nacht war milde wie im Hochsommer. Nahe der Überfahrt setzten wir uns am Abhang, drüben die Berge in zartem Duft, wie körperlos, davor die dunkle Stadt mit Türmen u. Giebeln u. Lichtern, sich spiegelnd in dem schwarzen Flusse u. über allem das milde Mondlicht, es war so friedlich u. still u. die Kinder waren sehr glücklich. Wir redeten allerlei Astronomisches [über der Zeile] u. endeten - bei der Bürgschaft!, wofür sie sich interessierten. Mit der Liesel, dem kleinen borstigen Igel, habe ich ein spezielles Verhältnis, obgleich ich sie oft genug geduckt habe. Sie erklärte, den schönen Abend verdanke man mir, denn ohne mich wären wir nicht dorthin gegangen u. hätten nicht solche Gespräche gehabt. Es war wirklich niedlich, wie das elfjährige Mädel das herausbrachte u. auch beim Abschied dankte sie mir ganz extra:" - ich weiß garnicht, für was alles, aber für sehr vieles!" - - Mit den Kindern ist eine wirkliche Quelle der Freude für uns fortgegangen. Sie waren so verständig, hilfsbereit u. munter, daß sie einem niemals zur Last wurden. - Am Freitag nachm. war Fürsorge Sprechstunde, u. am Sonnabend gingen Aenne u. ich schon um ½ 4 wieder an jenem Neckarufer, immer in der Sonne, die jetzt gerade in diese Talbiegung bis zur Stifts hinein scheint, kurz vor dem Stift in die Höhe, hinter der Mauer entlang, über das Mausbächlein fort u. an dem Stiftsbuckel, über dessen Höhe wir damals hingingen, rechts entlang, einen Weg mit Bänken u. schönen
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| Ausblicken, den wir beide entschieden auch einmal zusammen machen müssen. Immer auf halber Höhe rundum, endeten wir bei der Waschauguste. Leider in betrübender Angelegenheit. Bei Deiner Wäsche hatte eine Unterhose gefehlt, als Aenne sie mir gab. Die Wäsche wird immer unten abgegeben, wenn ich nicht da bin, u. das neue Mädchen hatte sie in Empfang genommen. Das ist ein treuherziges Ding, dem man nichts Schlechtes zutraut, aber - Anna war noch im Haus. Auguste u. ihre Tochter wissen beide sicher, daß die Hose dabei war. Es ist mir ganz greulich u. ich beichte Dir die Sache ungeheuer ungern, hatte immer gehoffte, es werde sich noch aufklären, aber all mein Nachforschen blieb vergeblich. Natürlich wird es eine von Deinen besten sein - wie immer! –
Am Sonntag morgen machten wir uns schon um 9 Uhr auf u. gingen - nach Wieblingen. Dort wohnt ein Schwesternpaar, Schneiderin u. Flickerin, die wir für uns gewinnen wollten. Der Weg am Neckar war eigenartig schön, u.: morgen wird bei mir geflickt. Auch die Schneiderin soll kommen, aber später. So wird doch einmal Ordnung in meinen Sachen werden, denn das tut not. - Auf der Bank forschte ich nach, die Überweisung ist eingetroffen, Anzeige blieb aus, sei wohl verloren! Den Auszug vom 1. Juli habe ich noch nicht! - Cassirer wäre etwa am 20. fällig, ist verlängert bis 1. Dezember.
- Ob Du wirklich wieder mit einem Rückfall zu tun hast? Bei mir ist die Empfindlichkeit wieder geringer, wenns also klimatische Ursache hat, hoffe ich von Dir dasselbe. - Hast Du auch mit gebührender Aufmerksamkeit das eigenartige Schauspiel betrachtet, das ich Dir vom Monde geben ließ? Wir habens von meinem Wohnzimmer
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| aus gesehen; besonders eigenartig wirkte es etwa um 11 Uhr, als ich direkt vor dem Schlafen noch einmal hinaufsah: Die schmale, liegende Sichel u. darüber die dumpf gerötete Kugel, die als Masse völlig sichtbar blieb. - Seitdem haben wir morgens starke Nebel u. entschiedene Abkühlung. Immerhin ist die Sonne noch kräftig warm, die Wälder noch kaum buntgefärbt. Von den Wiesen beim Stift haben wir uns dicke Sträuße farbenfroher Blumen mitgebracht. Wenn ich Dir die meinen doch ins Zimmer zaubern könnte! - Daß Du die Vorträge u. auch die Vorlesung absagtest, ist mir eine rechte Beruhigung. Es muß sein! Daß Du im Augenblick nicht gerade schaffensfreudig bist, ist wohl selbstverständlich. Du bist doch richtig krank, mein Lieb. Solch schauderhafte Schmerzen nehmen die Kräfte abscheulich mit. Und dazu die Sorgen! Seit Du fort bist, kommen sie auch immer von neuem über mich. Wie unheimliche Schatten huschen sie über das Licht, das um mich ist, u. mahnen mich, daß mein weltvergessenes Glück nur in unsern Herzen wohnt, u. daß draußen um uns eine kalte, grausame Wirklichkeit ist. - Jeder redet davon, daß dieser Winter schwere Erschütterungen bringen wird, u. gerade auch deswegen wäre es mir lieb, wenn ich in Deiner Nähe sein könnte. Die Leute, die eventuell meine Wohnung nehmen könnten, sind zuverlässig. Aber ein größeres Bedenken ist es mir, ob Dir, mein Goldener, wirklich ein Gefallen mit meinem Kommen geschehen würde; ob Du glaubst, daß ich Dir nützlich sein könnte u. Du Dich nicht behindert fühlen würdest? Du hast mich erschreckt mit der Behauptung, Du könnest nicht arbeiten, wenn ich da bin. Das war doch bei den Lebensformen nicht so. Und ich bins überzeugt,
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| wenn nicht diese tückische Krankheit gekommen wäre, dann hättest Du hier, wie damals, am sonnigen Fenster die wunderbar schöne Rede vom "Ich" niedergeschrieben, u. meine liebenden Gedanken hätten ganz in Dir gelebt u. Dir geholfen. Und so möchte ich, daß niemals mein Sein für Dich ein Hindernis wäre, sondern als Kraft u. Wärme in Dir, mit Dir lebte. –
Daß Du auf eine finanzielle Erleichterung der Berliner Wohnungsangelegenheit denkst, verstehe ich sehr. Ob es im Verein mit Deinem Vater gelingen wird, muß sich zeigen. Was Du im Zusammenhang damit über meine eventuelle Beteiligung sagst, fühle ich ganz in Deinem Sinne. Ich muß Dir nur das Eine sagen, daß ich nicht weiß, wie lange ich noch die bisherige Lebensweise durchführen kann. Immerhin werde ich alles tun, Dir diese stille Zuflucht ungestört zu erhalten. Und im übrigen wollen wir nichts überstürzen, sondern die Verhältnisse reifen lassen. Ich bin ruhig in dem Gefühl, daß ich jetzt - ich möchte sagen: mehr als je - ganz rückhaltlos mit Dir von alledem reden kann u. daß wir alles in gemeinsamem Sinn beraten werden. - Daß die finanzielle Ersparnis lohnender wäre, wenn Du nur ein Mädchen zu halten brauchtest, ist wohl gewiß. Aber vielleicht beansprucht die Wirtschafterin keine weitere Bedienung? Die Wohnungen sollen wegen der zu erwartenden Steuer enorm im Preise steigen. Auch unser sonst so liberaler Hauswirt kündigte es uns schon an. - Aber, mein Goldener, wir wollen uns von diesen Widerwärtigkeiten des Daseins nicht unterkriegen lassen. Es ist mir, als sei eine so überströmende Fülle des Glücks in mir, daß die lastende Realität garnicht richtig an mich heran kommen kann. Das bleibt alles mehr an der
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| Peripherie. Ich bin darum nicht etwa verträumt oder untätig. Aber es gibt ein äußeres u. ein inneres Leben - -
Für sentimentales Geschmuse bin ich auch nicht. Am Sonntag von 6 - ½ 8 war ich auf Einladung der Maria Bassermann-Campenhausen zu einem Wohltätigkeitskonzert von ihr. Sie sang mit ihrer klaren, angenehmen Stimme in vorzüglicher Schulung u. mit Wärme Beethovens Lieder an die entfernte Geliebte, Schumann: Frauen Lieb u. Leben u. Wagner: Lieder für eine Frauenstimme. Ich sage Dir, es war vor Gefühl schließlich nicht mehr auszuhalten. - Ich bin überhaupt so schwer zu befriedigen. Da ist dies Buch: "Der König", das wir abends lesen. Es ist erschütternd, aber im Verhältnis zum Inhalt sehr breit. Immerhin lebt man die Qual der Spannung bei jenen letzten Kämpfen greifbar mit.
Ein furchtbares Schicksal hat den Lehrer Hofheinz getroffen, den Du von der Reichsschulkonferenz kennst. Sein ältester Sohn, siebzehnjährig, hat sich erschossen. Ganz klar kann man nicht erkennen, ob ein Verschulden oder nur gekränktes Ehrgefühl dahinter liegt. - -
Was hörst Du von Susanne? Sie soll mir doch auch mal schreiben. - Johanna Wezel läßt nichts mehr verlauten. Sie hat wohl damals eine Antwort erwartet, aber ich hatte doch keinen Sinn dafür.
Vielleicht gehe ich mal über Sonntag nach Frankfurt. Diesen Sonntag freilich ist Wahl. Deutsche Volkspartei oder national?? In Berlin soll ja das Ergebnis sehr gut sein? Aber mir scheint die bürgerliche Mehrheit knapp. - Aenne grüßt herzlich voller Teilnahme. Sie ist selbst recht angegriffen. - Ich aber danke Dir für Deine Briefe u. dies Echo der Jenenser Rede, das mich in den Briefen ganz besonders freute. Mit heißen Wünschen für Deine Gesundung u. in inniger Liebe Deine Käthe.