Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 30. Oktober 1921 (Heidelberg)


[1]
|
Heidelberg. 30. Oktober 1921.
Mein liebstes Herz. Du wirst denken, ich - hätte Dich vergessen!, daß ich so lange garnichts hören lasse! Oder hast Du doch gemerkt wie mein Gedenken Dich unablässig geleitete, beim Abschied in Partenkirchen, in München, Regensburg u. bei der Ankunft in Berlin? Gern hätte ich Dich mit einem sichtbaren Gruß empfangen, statt dessen balgte ich mich hier mit den heterogenen Sachen, die sich zu einem Packet [über der Zeile] (27.X.) vereinigen sollten. Und nicht einmal was Gutes hinein tun konnte ich Dir, weil es mit dem Gewicht nicht klappte. Nur Stahlfedern wirst Du im Stiefelkarton finden, mit einer Rezeptaufschrift, die Dich amüsieren wird. Möchtest Du nicht auch so angenehme ärztliche Verordnungen bekommen? - Aber Du mußt nicht denken, daß dies meine einzige Beschäftigung war: 4 ½ Tag war ich unablässig tätig im Mittelstandsverkauf, wie man hier den ehrenamtlichen Verkauf von aller erdenklichen fahrenden Habe nennt, für die der bedrängte Mittelstand gern Geld eintauschen möchte. Da habe ich mit Lulu Jannasch an der Kasse des Kunsttisches gesessen, ich führte die Liste, sie nahm das Geld ein. Alles hat recht gut geklappt, aber es war tüchtig anstrengend, u. ich hatte danach ein paar Tage die Schlafsucht. Daneben sind doch immer die 2 Nachmittage im Tbc-Verein u. einen Tag hatte ich Schneiderei, so begreifst Du gewiß, wo meine Zeit blieb. Denn einmal in der Woche muß doch auch die Wohnung gründlich gereinigt werden. - Der Cassirer ist gekommen. Willst Du da was herausgeschrieben haben? Daß Birkemeier Dich mit Schokolade versorgte, ist mir recht tröstlich, denn ich bedauerte, es nicht zu können. Wie geht es Susannchen; die Nelken waren sicher von ihr. - Eine große Freude habe ich an den verschiedenen Recensionen gehabt, die ich Dir nächstens zurückschicke. Jetzt fühlt man das erwachende Verständnis. - Seltsam ist mir, was Du von der unbefriedigten Arbeit am "Ich" schreibst. Der Eindruck des Vortrags
[2]
| in seinem Aufbau u. seiner wirkungsvollen Steigerung steht noch so lebendig vor mir, daß ich mir da ein Versagen garnicht vorstellen kann.
Vom Karwendel besaß ich einnmal eine sehr stimmungsvolle Kohlezeichnung, wie es im Mondlicht vom Lenggriesertal aus zu sehen war. Aber die hat leider Aenne Knaps, wie so manches andre meiner "Kunstwerke" an die Wand genagelt u. verbraucht. Aber in der Erinnerung sehe ich es noch deutlich vor mir u. freue mich, daß es auch mir zugehört. Ja, mein Goldener, Du hast ganz recht, wenn Du an das selbstverständliche Gefühl unsrer Gemeinsamkeit in mir glaubst. Halbheit, Unrecht - Lüge schiene mir alles, wenn es nicht so wäre. Weißt Du, ich kenne kein "Mein u. Dein", sondern nur ein "Dein"! -
Heute war also hier die Wahl. Nach einigem Schwanken entschied ich mich für die D. N. Teils bestimmten mich Deine Gründe, teils ein Vortrag von Anni Schäfer-Kalläne, der ältesten Tochter von Dietrich. Sie hatte um 1900 herum bei mir Malstunde, u. hat sich nun zur politischen Frau ausgewachsen. Ich habe selten einen so sympathischen Eindruck von einer Rednerin gehabt, so natürlich, klar, warm u. kräftig, ohne jede Pose ganz um der Sache willen. Ihr Reden hat den Zweck im Lande die Augen zu öffnen über das Elend der Polenbedrückung in den verlornen Gebieten u. die Gemüter aufzurufen zum einheitlichen Kampf gegen das feindliche Ausland, ohne Unterschied der Parteien. Was sie erzählte war erschütternd, dabei ohne Haß, nur Tatsachen. Man fühlt so mit Grauen, wie all unsre Macht dahin ist. - Sage mal, was soll wohl das Bild im Auftrage von S. M. an Dich! Gibt es eine Partei, die für ihn in der Stille arbeitet? Er wird doch kaum davon wissen u. es ist mir unsympathisch, davon
[3]
| berührt zu werden. Persönlich ist mein Mitgefühl für diesen Mann der wirklichkeitsfremden Impulse durch die Lektüre des Buches von Rosener nur gewachsen. Aber nahe kommt man ihm deshalb nicht u. es wächst nur die Erkenntnis, welch ein Verhängnis er sich u. uns war. Ausgezeichnet ist die Schilderung der dumpfen Enge seiner Existenz, die nach außen so glänzend schien. - Ja, was wird nun werden? Soll man nicht etwas Kriegsanleihe verkaufen? Man könnte doch baar Geld brauchen. - Von dem durch die Bank überwiesenen Geld habe ich für Dich bei der Spargesellschaft für Landgemeinden ein zweites Sparbuch angelegt, habe es sperren lassen auf das Kennwort Käthe! u. habe 2000 M eingezahlt. Im übrigen kommt nun auch endlich die Abrechnung von hier. - Von den 6000 M hatte ich bereits bei Deinem Hiersein 4000 erhoben, davon 1500 M auf die städt. Sparkasse, 1500 M Dir gegeben u. 1000 verrechnet, weitere 1100 M habe ich von dem Geld, das Du im schwarzen Tischchen deponiertest. - Wie soll man es nun mit den Geldern halten, wenn ich für länger hier fortginge? Hast Du in Berlin eine Sparkasse, an die man überweisen lassen könnte? Das wäre doch praktisch, denn hier könnte es unter Umständen nicht zu erreichen sein. - Über mein eventuelles Kommen brauchen wir noch nichts zu beschließen. Es ist überhaupt noch unbestimmt, ob das junge Ehepar herkommt. Die beiden sind seit Jahren mit Lili Scheibe befreundet u. ich weiß schon lange allerlei gute Einzelheiten von ihnen.Er will, glaube ich, auf den Dr. hinarbeiten, ist nicht Student. - Wir lassen mein Kommen wohl am besten davon abhängen, wie es sich mit Deinen Wohnungsaussichten einrichtet. Denn am nötigstens wäre es doch jedenfalls, daß ich zu einem eventuellen Umzug da bin. Also – lassen wir uns Zeit mit der Entscheidung. Nur eines möchte ich Dich bitten: daß Du
[4]
| mich sofort kommen läßt, falls Du in Berlin jemals krank werden solltest. Du würdest mich bitter kränken, wenn Du es nicht tätest. Daß Du die rheumatischen Gefühle noch nicht los bist, begreife ich wohl, u. außerdem bist Du ja doch eigentlich um alle ungestörte Erholung gekommen. Aber wegen des "Befundes" glaube ich, daß Du Dir keine Sorge zu machen brauchst. Derartige Sedimente sollen nur eine zu starke Ausscheidung von Salzen sein, die eigentlich verarbeitet werden sollten, u. hätten nervöse Erregung als Ursache. Wenn es nicht dauernd, sondern nur vorübergehend ist, liegt wohl kein Grund zu Besorgnis vor. - Den Prof. Hammer traf ich neulich u. er fragte teilnehmend nach Deinem Befinden. Ob er wohl auch mal eine Liquidation schickt? - Daß Du Dich auf der Reise nicht erkältet hast, scheint mir auch für die Nervenerregung zu sprechen, die Du naturgemäß während solcher starken Anstrengung hast. Ich machte mir Sorge, da es gerade in den Tagen besonders kalt war. - Wir heizen jetzt allmählich, u. ich habe mir noch einmal 2 Ctr. Brikettes gekauft, sodaß ich jetzt sehr reich bin - nur nicht im Beutel. Die allgemeine Spekulationswut hat mich nicht angesteckt, aber je weniger Geld ich habe, desto flotter gebe ich es aus. Auch auf dem Mittelstandsverkauf habe ich einen leichtsinnigen Anfall gehabt u. habe eine sehr bestechliche Nickelherrenuhr gekauft, die ein sehr gutes Werk hat, wie mir der Uhrmacher auf Befragen versicherte. Ich war entzückt von dem schönen Ding, das offenbar wenig getragen ist u. glaube, daß man auf alle Fälle nichts riskiert, da der Wert nicht abnimmt, sondern wächst. Vielleicht kann Heinz oder Dieter sie mal gebrauchen, vielleicht Du selbst? - Aenne hat ihrer Nichte Elisabeth Papiere zum Spekulieren gegeben. Wenn alle dabei gewinnen, wo bleibt dann der Verlust?? Auf einmal
[5]
| hört man nur von großartigen Erfolgen. - Aber von einer Tanzwut hörte ich noch nicht. Was hat das mit Kerschensteiner auf sich? - - Gut, daß er jetzt ehrlich Farbe bekennt. Und die akademischen Seminarlehrer - finden sie, daß das Studium nicht das Rechte für ihren Beruf war? Das war ja doch wohl die Elite, die zum Studium zugelassen wurden, oder war das von vornherein eine andre Ausbildung? - Die allgem. D. Lehrerzeitung ging nicht mehr in das Packet, folgt im nächsten. Sie wird übrigens immer noch hierher adressiert, also gib doch bitte mal der Geschäftsstelle Berlin C 25 Kurze Straße 3-5 an, wo Du wohnst. –
Gestern war die Trauung von Anna Hasenfuß u. Herrn Schneider. Am Abend vorher kamen die Beiden u. machten uns von 9-10 Uhr! einen Besuch. Der Mann ist für seine Jahre sehr gealtert u. ich fürchte, er ist nicht sehr gesund. Er macht einen ruhigen, ernsten Eindruck, lobt sich gern, scheint aber wirklich tüchtig. Als Anna gerade zu Bertha in die Küche ging, sagte er: nun heißt es wieder, sich einzuleben! Der Ausdruck in seinen Augen war dabei recht beklommen, sodaß man merkte, es war ihm bange davor. Wahrscheinlich hat er sich der Kinder wegen entschlossen, u. vermittelt hat die Sache - - - - - Stadtpfarrer Dietrich! Auch dem Dr. setzt er immer mit Heiratsvorschlägen zu. Ist das nicht enttäuschend, hatten wir nicht besser von ihm gedacht? Ich jedenfalls "hätte nicht zugeraten"! - Na, u. Herre hat auch nicht gewartet, bis man ihm riet! Ist es die Dame in Breslau?
Ob der Ausspruch von Felizitas nicht auch geistlichen Einfluß hinter sich hat, der dem Geist der protestantischen Mutter entgegenarbeitet? Kannst Du beurteilen, inwieweit sie bei den Klosterfrauen etwas "fürs Gemüt" bekommt? Es ist doch wohl das Alter bei ihr, wo man noch Kirche u. Religion als eines nimmt, u. in kirchlicher Abhängigkeit
[6]
| innere Befriedigung findet. Ich wenigstens war viel älter, als ich mich vom Hergebrachten freimachte. -
Jetzt, Sonntag gegen abend, wirst Du mal wieder bei Riehls sein. Hoffentlich findest Du alle wohl u. zufrieden. Vielleicht hast Du auch mal Gelegenheit, meine Schreibfaulheit zu entschuldigen. Einmal wird es ja doch hoffentlich auch damit besser werden.
Denke Dir, in der Hautklinik bot man mir vorige Woche richtig mal ein lebendes Objekt an. Zum Glück war das Stadium aber nicht zur Reproduktion geeignet. Es handelte sich, wie mir schien, um eine Adergeschwulst, also nichts Bedenkliches. –
So - nun will ich den Brief noch forttragen u. dann wieder fleißig sein. Das Kleidchen für Lili ist fast fertig, kommt hoffentlich morgen zum Versandt. - Aber das Flicken u. Nadeln nimmt kein Ende! –
Sei innig gegrüßt, mein Lieb, u. sorge recht gut für Dich, da ich es doch nicht kann. Wo ißt Du denn bei diesem Streik zu Mittag? Und wohnst Du nun wieder im Balkonzimmer?
Auf Wiedersehen! X X X
Deine
Käthe.

Aenne grüßt herzlich.