Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 10. November 1921 (Heidelberg)


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Heidelberg. 10. Nov. 1921.
Mein geliebter Einziger.
Die Tage fliegen nur so u. Dir wird es ebenso gehen. Ob Du wohl inzwischen mit der Wohnungssache weiter kamst? Ich denke täglich daran u. möchte nur, daß ich Dir die Mühe mit der Suche abnehmen könnte. Wie beruhigend , daß Dir die Art der Frau Ewert soviel Zutrauen erweckte! Ich bin ganz ungeduldig, daß nun alles bald in Gang kommen möchte. Denn die augenblicklichen Zustände sind doch zu unhaltbar. Nun hat leider schon eine wüste Kälte eingesetzt, die Dein Suchen recht erschweren wird. Besonders der Sturm von Osten ist schneidend. Und Du vermißt Deine Handschuh beide? Ich habe nur die grauen hier, zu denen ich leider keine passende Wolle fürs Anstricken bekam, sodaß ich sie nur stopfen konnte. Die braunen müssen bei Dir in einem andern Kasten liegen. Hoffentlich fandest Du sie inzwischen, daß Du mir nicht etwa frieren mußt. - Ach, wie lange ist es doch schon her, seit Du fortgingst! Ich lebe ja doch eigentlich nur in dem Gedanken, daß ich bald nach Berlin kommen werde. Und mein Überlegen ist nur, wie ich das alles am zweckmäßigsten einrichte. Allerlei Einkäufe habe ich gemacht, aber fast scheint mir das garnicht richtig, wenn ich auf unbestimmte Zeit fortgehe. Denn wer weiß, ob ich es nachher wiederfinde! Es ist am besten, man macht sich darüber weiter keine Sorgen, sonst kommt man garnicht mehr zur Ruhe. Ich habe ja auch viel mehr Grund zur Freude u. vor allem danke ich Dir, mein Lieb, für Deine rührende Fürsorge. Weißt Du, ich denke so: im Augenblick habe ich noch Geld, erstlich auf der Bank, zweitens auf der Sparkasse die bewußten 1500 M u. wenn ich darüber hinaus in Not kommen sollte, hole ich eben von Deinem Sparbuch. Ich tue das mit genau demselben Gefühl vertrauensvoller Ruhe, wie wenn ich den Kopf an
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| Deine liebe Schulter lehne als Deine "Ferkelmaus"!
Es geht mir im Augenblick so gut, daß ich irgendwelche Extraernährung nicht brauche. Aber Kaffee, Mehl, Zucker, Kakao nimmt man doch besser etwas in Vorrat. - Also ich war in Frankfurt. Anna hatte mir in dem Gedanken "daß ich wieder nicht ordentlich heizen würde" 500 M geschickt. Da wurde ich leichtsinnig u. reiste am vorigen Sonnabend hin. Es war sehr behaglich u. ich fühle mich immer ganz heimisch bei den alten Freunden. Mit Johanna Wezel kam ich auf keinen grünen Zweig. Sie ist mir gegenüber unfrei, aber nicht unfreundlich. Also laß Du Dich dadurch in keiner Weise stören. Da ist nichts zu machen. - Von Susanne habe ich einen lieben, natürlichen Brief. Danke ihr einstweilen bis ich es selbst kann. Augenblicklich bin ich recht beschäftigt. Vormittags zeichne ich 2-3 Stunden in der Klinik, nachmittags ist entweder wieder die bewußte Sprechstunde, oder ich mache bei Adele Henning Schuhe, oder ich muß in die Stadt - oder - - Gestern z. B. 9 Uhr Klinik, 12 Uhr Bank, dann noch zum Augenarzt, der mich für 2 Uhr bestellte. Also gleich nach dem Essen dorthin, warten, gründliche Untersuchung, Rezept, Optiker, ½ 4 Uhr Adele Henning bis ½ 8, dann Abendbrot, nähen u. schlafen, denn ich war von 7 Uhr an auf. Heute 9 Uhr Kolleg, Zeichnen bis 11, dann wieder auf die Bank, essen, um 3 Uhr Fürsorgesprechstunde, um 6 Uhr Kurs für Mikrophotographie. Und nun noch diesen Brief! Du wirst Deine Freude an seiner Schläfrigkeit haben! Also: Großmutter hat jetzt eine neue Brille. Obgleich sie nicht in Gold gefaßt ist - die Brille meine ich - kostet sie 70 M, Konsultation 30 - macht zusammen 100 M! Diesen Entschluß hatten auch die 500 M beflügelt u. ich sehe erst jetzt, wie notwendig es war u. wie viel leichter ich damit arbeite. Der Dr. war entrüstet, daß ich mich solange mit der alten beholfen hatte.
In Frankfurt dachte ich mir auch Rats zu holen wegen der Banksache. Aber der Oberstleutnant war wohl ängstlich vor der Verantwortung u. riet mir, die Papiere, die alle gut seien, zu behalten. Komischerweise hatte mir
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| der Onkel mit Dir gleichzeitig über die moderne Methode der Kapitalverbesserung geschrieben. Aber ich verstehe ebensowenig davon, wie Du u. er u. bin im Grunde ängstlich. Wenn man Gewinn machen will, muß man fortlaufend orientiert sein, beobachten, kaufen u. verkaufen - das geht nicht so mit einem einzelnen Geschäft ab. Und das verstehe ich nicht. Auch muß man da etwas riskieren können, denn es mißglückt auch manchmal. Jedenfalls aber riet man, die Kriegsanleihe zu verkaufen u. das habe ich nun mit der meinigen getan, natürlich mit Verlust u. lasse Rhein. Hypoth. Pfandbriefe dafür kaufen. Das sei das Sicherste, das es jetzt überhaupt gibt. Ich hatte schon welche. - Was sie in Cassel machen werden, weiß ich nicht. Ich habe dem Onkel mein Für u. Wider geschrieben u. ihn gebeten, nach eignem Ermessen zu handeln.
Mein Kleidchen für die kleine Lili ist angekommen u. Aenne beschreibt zu nett die Freude der Kinder. Inge bekam ein Korallenkreuzchen u. möchte es am liebsten auch nachts tragen. Sie sagt: mein Kettchen u. ich weiß nicht recht, ob sie damit mich oder das Kreuz meint!
Also das Kolleg von dem Hautdoktor besuche ich jetzt, da es mir beim Zeichnen nützt, Histologie zu kennen. Das ist Freitags von 9-10 früh. Und abends ist ein unentgeltlicher Kurs für mikroskopische Photographie. Das kann mir auch recht nützlich sein, jedenfalls nehme ich gern alles mit, was ich lernen kann. Der Dr. - Gans, für den ich zeichne, ist sehr befriedigt von meinen Arbeiten u. ich vertrage mich ganz gut mit ihm. Neulich allerdings hatte ich ein sonderbares Erlebnis mit ihm. Er zeigte mir in seinem Zimmer, wo ich das Mikroskop einschließen solle u. dann machte er die Tür zum Laboratorium zu, (wo die Laborantin Frl. v. Hofmann, eine sehr mundfertige Norddeutsche, saß) u. erklärte, ich möchte ihm nicht übel nehmen, er hätte da von einem Patienten ein Landbrot bekommen, das wolle er
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| gern mir geben. Ich sträubte mich erst, aber es wäre zu unhöflich gewesen, wenn ich es nicht getan hätte. Da erfuhr ich dann von Frl. v. H., daß er 2 kleinere Kinder hat u. so brachte ich ihm andern Tages für die eine Tafel Schokolade. Das Landbrot ist übrigens sehr gut. Aber ist das nicht komisch bei der kurzen Bekanntschaft? Ich überlege mir immer, wie er nur dazu kommt, denn ich bin doch immer so steifleinen.
Schrieb ich Dir, daß die Schweizerin Betty Ernst hier war, die Schwester des Pathologen? Sie hat mir einen Brief an Frau v. Donop mitgenommen, die sie auch kennt u. ich freute mich des Wiedersehens. - Dr. Schneider, der Assistent von Ernst, hat mir heute einen Separatabzug seiner Arbeit in Virchows Archiv verehrt, wo meine Zeichnungen drin sind. Es ist recht hübsch reproduziert. Schneider nimmt auch den Kurs mit. - Und habe ich Dir neulich mitgteilt, daß ein Oberlehrer von Hermanns Schule hier war, der beim Vorstand sehr begeistert das Loblied seines Direktorssang? Es freut mich so, denn es scheint danach, als ob Hermannns Wirksamkeit sehr warm u. lebendig u. befriedigend sein muß.
Nun sage mal, warum kann ich nur auf dem Papier so ohne Schwierigkeit schreiben? Bitte, gib mir doch auch den andern Block, u. den Honig, u. die Diotima u. - was war es doch noch?
Schreiben Dir auch die Stahlfedern nicht? Mir gefallen sie so gut, wie ich lange keine hatte.
Aenne war in Ludwigshafen. Die Herren von der Fabrik sprachen von Oppau, u. Dr. Winter erklärte, er wolle sich jederzeit dazu stellen, wenn das bewußte Mischsalz gesprengt würde: "ja", meinte Erich Meyer "wenn es unter meiner Aufsicht hergestellt ist." Also - - -
Der Bogen ist zu Ende. Der Wunsch der Mitteilung nie. Aber es ist Zeit zum Schlafen, drum für heute ade, mein Lieb. Sei mir gegrüßt u. schreibe mir bald mal wieder!
Deine Käthe.

[Kopf] Der Vorstand sitzt am Tisch u. näht. Er läßt Dich vielmals grüßen.