Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 20. November 1921 (Heidelberg)


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Heidelberg. 20. November 1921.
Mein Lieb, ist es denn möglich, daß Du mir seit dem 2. November keine Nachricht gabst? Du schriebst damals, Du würdest wohl bald wieder zu berichten haben u. nun fange ich doch an, mich täglich mehr zu beunruhigen. Hoffentlich ist es ohne Grund. - Schnell genug ist mir die Zeit ja vergangen, erst in Frankfurt, wovon Dir mein Brief vor 8 Tagen berichtete u. dann hier bei steter Arbeit. Aber allmählich bekomme ich doch das Gefühl, daß das Pensum geringer wird u. das ist tröstlich. Denn ich möchte doch einmal in Ordnung kommen mit der Arbeit u. der Korrespondenz. Seit es nicht mehr so kalt ist, geht es mir vorzüglich, u. ich bin recht tätig. Meist schwänze ich sogar die Nachmittagsruhe u. ich vermisse sie garnicht so sehr, oder aber ich stelle mir den Wecker, sodaß ich nur ½ Stunde ruhe u. das genügt vollkommen. Manchmal kommt es mir ganz unsinnig vor, daß ich so eifrig bemüht bin, Ordnung in meinen Sachen zu stiften, denn wer weiß, ob nicht in kurzer Zeit doch alles verloren ist. Aber man kann nun einmal nicht anders. - Gestern ging nun auch mal wieder an Dich ein kleines Packet ab. Hoffentlich habe ich es besser gepackt, als das vorige. Die letzten Aepfel aus Ziegelhausen habe ich zum sonst so beliebten Kuchen verarbeitet, u. die Haferplätzen u. weißen Regenwürmer gefallen Dir hoffentlich auch. Die dicken Handschuhe u. die Socken sind gestopft, bis auf weiteres. Das Päckchen mit dem roten Band soll womöglich für Weihnachten bleiben, aber das Apfelmus ist für jetzt. Die kleine Schachtel bringst Du vielleicht gelegentlich mal in die Kurfürstenstraße. Es eilt nicht. Denke Dir, Hermann war schon wieder mal in Berlin zu einer Direktorentagung mit vielen Sitzungen. Drum sei er leider nicht zu Dir gekommen. Er hatte Dieter mit. Wie schade, daß sie Dich nicht besuchten, es hätte mich so gefreut, Dein Urteil über den Jungen zu hören.
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Die Rezensionen habe ich Dir noch immer nicht wieder mitgeschickt, vergaß sie leider beim Packet. Auch ein Briefchen von Johanna Wezel wollte ich beilegen. Wenn möglich lege ichs in diesen Brief. Du kannst es dann aufheben oder forttun, wie Du willst. Ich möchte nur, daß Du siehst, sie hat ja guten Willen, aber sie kann nicht mit sich fertig werden. - Ich habe für ihr ganzes Benehmen nur die eine Erklärung, daß sie hoffte, s. Z. über Heidelberg zu einer intimeren Beziehung mit Dir zu kommen u. daß sie darin enttäuscht wurde. Scheint Dir das auch so? - Mit Adele Henning vertrage ich mich eben sehr gut. Ich schustere bei ihr nach der Möglichkeit. Leider ist nur der Leisten für meinen Fuß eine Nummer zu groß, sodaß ich den Erfolg nicht so elegant finde, wie ich hoffte. Am nächsten Donnerstag denke ich einen Kaffeeklatsch zu geben mit ihr, Aenne, Frau Clauß, Frau Ewald u. Frau Fürbringer. Ich kann mich doch nicht immer nur einladen lassen. Es wird mir aber ganz einfach gemacht. - Mit Frau Clauß, der Vorsitzenden vom Verein zur Bekämpfung der Tbc. hatte ich neulich eine Aussprache, auf die hin man für den Schriftführerposten einen Ersatz suchen will. Ich eigne mich für dies Vereinswesen garzu wenig u. es wäre mir lieb, davon los zu kommen. Hältst Du das für unrecht?
Allerlei Einkäufe habe ich gemacht, aber ich weiß nicht, ob es wohl viel Sinn hat. Es ist ja noch so lange hin bis Du kommst! - Aus der Vermietung an das junge Ehepaar (via Halle) wird für den Winter nichts. Ich muß sagen, daß mich die Einnahme gefreut hätte. Statt dessen kam eine Mietssteigerung von 80 M, rückwirkend vom 1. April 1920! Na, noch haben wir es ja! - Auch habe ich nun doch noch den Versuch einer Finanzoperation
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| gemacht, u. zwar verkaufe ich 2 Aktien der Darmstädter Bank à 1000 M, die jetzt 455 stehen u. bekomme dafür Badenwerk* [am Ende des Absatzes] *(Murgtal-Elektrizitätswerke) Obligationen für 8000 M zu 103%, die 5% Zinsen bringen sollen, sodaß ich statt 200 M Zinsen im Vorjahr 400 haben soll. - Dagegen habe ich Kriegsanleihe mit Verlust verkauft.
Was der Onkel in Cassel getan hat, hörte ich noch nicht. –
Zu meiner Beruhigung war Aenne nun endlich mal beim Arzt. Sie hat doch so einen verdickten Rückwirbel bekommen u. da wird jetzt mit Jod gepinselt. Hoffentlich hilft es. - Vorige Woche war sie bei Anna Hasenfuß (man sollte sagen Hosenfuchs!) jetzigen Frau Schneider zum Kaffee. Ich konnte zum Glück nicht, da ich Kurs hatte. Es widerstrebt mit durchaus, mich von dieser Person einladen zu lassen, von der wir so üble Dinge denken. Alle Tage freuen wir uns, daß sie aus dem Hause ist. –
Von Dr. Schneider, für den ich im Frühjahr zeichnete, habe ich nun einen Separatabzug mit den Abbildungen meiner Zeichnungen bekommen. Es ist die Arbeit in Virchows Archiv, Band 234, Heft 2/3. Die Reproduktionen sind ziemlich gut u. er hat auch dabei meinen Namen als Autor genannt. - -
So - das sind die kleinen Dinge des Tages. Draußen in der Welt sieht es trübe aus, wie nur je. Drum möchte Dir auch mein Packet gern ein bissel das Leben versüßen. Hoffentlich schützt das alte Taschentüchlein, das Du als Rasierlappen nehmen sollst, das Apfelmus vor dem Auslaufen! Es ist mir nachträglich etwas bange geworden. - In der Zeitung steht von Plünderungen in Berlin O. Wie soll das nur werden, wenn die Not erst noch größer wird! Ich käme am liebsten recht bald nach Berlin, aber der äußere Grund
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| der Vermietung fällt ja nun fort. Das Zeichnen in der Klinik ist kein Hindernis. Das sind Sachen, die sich über Jahr u. Tag hinziehen werden, u. die man jederzeit machen kann, denn die Präparate verderben nicht. –
Vorgestern kam Aenne sehr aufgeregt von Frau Ruge zurück. Dort ist ein Herr Schmidt im Haus, der so eine Art Assistent von ihm war, u. der in den ganzen Betrieb sehr eingeweiht ist u. wie ein Familienglied aus u. eingeht. Der ist nun ein furchtbar heftiger Mensch, der nicht normal scheint u. der der Frau die schrecklichsten Scenen macht. Er soll schon mit einer Schere auf sie los gegangen sein, er haut den Jungen u. bedroht die Mutter, hat sie schon eingeschlossen u. die Klingeln abgestellt, daß sie keine Hülfe holen soll. Da kam Aenne gerade zu einer Scene, u. fand die Frau u. das Kind zitternd vor Aufregung. Der Junge hätte nur immer gesagt: meine Mutter! - - Es ist ein Leben wie in einem Schauerroman das diese Leute führen.- Schließlich fuhr Frau Ruge mit dem Jungen zu ihren Eltern nach Karlsruhe. Sie scheint jetzt zu wissen, wo ihr Mann ist. -
Für heut will ich schlafen gehen. Du bist wahrscheinlich schon dabei u. ich wünsche Dir eine recht gute Nacht. Hoffentlich höre ich bald Gutes von Dir, mein geliebtes Sorgenkind. Was mag Deine Schulter machen? Ist die Sanarthrit-Kur, von der Du mal schriebst, eine Serumbehandlung? Wenn es garnicht besser wird, wäre es gewiß gut, nicht lange zu warten, ehe man etwas dagegen tut.
Leb wohl, mein Einziger, u. denke mein.
In Treuen
Deine Käthe.

[Kopf] Vergiß nicht, daß Du mir das wässrige Briefpapier, die Diotima u. den geschenkten Honig versprochen hast. Es eilt aber nicht!
[Fuß S. 1] Sollte ich Dir nicht besser bei der Wohnungssuche helfen?