Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 25. November 1921 (Heidelberg)


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Heidelberg. 25.XI.21.
Mein liebstes Herz,
Du nennst mich Individualbolschewist, aber ich weiß nicht recht, was Du wohl damit meinst? Jedenfalls aber fühle ich mich durchaus als Kommunist Dir gegenüber u. Du hast allen Grund, Dich in acht zu nehmen. Ich kaufe so munter darauf los, seit Du mich dazu auffordertest, als ob "unser Geld" unerschöpflich wäre. Daß ich zunächst mein Conto auf der Bank dazu nehme, hat seinen Grund darin, daß man da die geringsten Zinsen bekommt. Aber Deine Beschwerde, daß ich "Dir nicht aus der Hand fressen wolle" ist gänzlich unbegründet, wie Du ja auch ganz genau weißt! Ich tue es sogar sehr gern u. ich wollte nur, Du wärst hier, um es Dir zu beweisen. Ja, wärst Du nur wieder in Deinem "Zuhause"! Ich sehne mich unendlich nach Dir u. um so mehr, als ich mir wegen deiner andauernden Schmerzen Sorgen mache. Ich wollte, Du stecktest das Semester ganz auf u. ließest Dich hier erst wirklich auskurieren, wie es doch mit dem linken Arm geglückt ist. Ich hatte Gelegenheit, zwei Ärzte auszuforschen über Deine Leiden u. zwar den Schwiegersohn von Wille, Dr. Szerwinski u. unsern Niedenthal. Beide stimmen darin überein, daß man hauptsächlich von Licht- u. Wärmebehandlung Erfolg erwarten kann: Elektrische Lichtbehandlung, so wie Du es hier mit Gas hattest. Dann Salicyl oder Aspirin, u. zwar solltest Du ja nicht das Gelenk sich versteifen lassen, sonst wird es nie wieder frei beweglich. Das Sanarthrit-Verfahren schienen beide nicht zu schätzen. Es ist ein Serum, das in die Venen gespritzt wird. AberSzerwinski sprach von Eupragin, einer Ameisensäure, die man unter die Haut injiziert, also weniger schwer eingreifend. Auf alle Fälle verschleppe die Sache nicht u. wenn Du meine Hülfe brauchst, laß mich kommen. Ich kann's mir immer einrichten - lieber aber wäre mirs, Du kämst her, denn hier kann ich viel besser für Dich sorgen. Auch ein
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| Katzenfell schicke ich Dir. Denn mit Entsetzen höre ich, daß Du ausgerechnet von Dora Thümmel eins entliehen hast. Bist Du denn solch ein Laie, daß Du nicht weißt, daß das direkt gefährlich ist? Sie selbst sollte es jedenfalls wissen u. so etwas nicht tun. Gegenstände, die man waschen u. kochen kann, darf man ruhig von derartigen Kranken weiter benutzen, denn die sind dann desinfiziert. Aber ein Fell! Ich bin wirklich sehr erschrocken! Du mein liebes Dummerle!
Ob mein Packet diesmal wohlbehalten ankam? Deinen lieben Brief erhielt ich gerade, als ich meinen letzten am Montag früh zur Post brachte. Der Apfelkuchen sollte Dir übrigens Deinen Anteil an dem Landbrot des " Hautfritzen" bringen. - Das Colleg dieses Mannes besuche ich vermutlich jetzt nicht mehr, denn für meine histologischen Zwecke habe ich wenig davon. Ich hatte ihm von vornherein erklärt, daß mir die Sache besonders wegen der Demonstration unangenehm wäre, u. da teilte er mir heute mit, daß er Fälle vorzustellen habe, die mir vermutlich peinlich sein würden. Bei der frivolen Art dieser Juden ist diese Rücksichtnahme von ihm anerkennenswert. Ich zeichne übrigens täglich 2 Stunden u. arbeite mich ganz gut ein. Außerdem werde ich von allen Seiten gehetzt, meine Preise zu erhöhen. Und Dir möchte ich das auch dringend ans Herz legen. Laß Dir von Niemeyer die zweite Auflage gehörig bezahlen. Er hat gewiß sehr schön verdient u. Du mußt doch auch einmal einen finanziellen Nutzen von Deiner großen Arbeit haben. Bekommt man denn als Autor nicht außer dem Honorar noch Anteil an jedem verkauften Buch? - Der Skandal mit der Bezahlung der Staatsexamen ist ja unerhört. Warum laßt Ihr Euch das denn gefallen? - Wieviel Bogen geben denn die 125 Seiten Ms für Teubner?
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Ich weiß nicht, was Du an dem Briefpapier auszusetzen hast. Ich kann famos darauf schreiben. Und wie ist die Probe, die ich neulich mitschickte? (Der Bogen 4 Pf.) Umschlag dazu 4 ½) Und wie bist Du mit den Federn zufrieden? Mir gefallen sie sehr, spitz, elastisch, dauerhaft. Aber ich weiß nicht, ob Du es auch so findest. Dann kann ich Dir nämlich noch viel davon schicken. -
Über meine Bankunternehmung werde ich erst morgen definitiven Bescheid erhalten. Hoffentlich war es nicht töricht. Man sollte jemand kennen, der einem persönlich eingehend raten kann. Denn es gehört doch ständige Erfahrung dazu, in diesen Sachen klug zu handeln. Die Zeitung ist heute voll von dem Protest der englischen Industrie gegen den Reparationsplan. Der Gegenvorschlag macht mir den Eindruck einer dauernden Ausbeutung anstelle der Erdrosselung. Aber vorher werden wir uns wohl gegenseitig auffressen, denn die Teurung steigt mit rasender Geschwindigkeit. - Daß die Wohnungssache keinen Fortgang nimmt, bekümmert mich. Ich denke mir übrigens, daß gegen Ostern mehr Auswahl sein würde. Ist schon irgendwelches Angebot gemacht worden? Kann Dir Susanne dabei behilflich sein? Daß Ihr in Pankow u. Schönhausen wart, darum beneide ich Euch. Ich komme überhaupt nur noch "dienstlich" vor die Tür, d. h. wenn ich zur Klinik oder zu Besorgungen in die Stadt gehe. Aber ich fühle mich im übrigen ganz wohl dabei. Hörte ich das nur endlich auch einmal wieder von Dir! Überlege doch nur mal ernstlich, was Du tun könntest u. ob ich Dir irgendwie dabei helfen kann. Meine Zeichnerei ist eine Sache, die sich über Jahre hinzieht, also nicht eilig. Und die Fürsorgesprechstunde möchte ich je eher je lieber los werden. Der erhoffte Ersatz ist leider nicht zu haben. Es will eben niemand mehr etwas ehrenamtlich leisten.
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Mein Geheimerätinnentee verlief so leidlich. Es wäre hübscher gewesen, wenn Frau Fürbringer gefehlt hätte, sie steht eben garzu sehr unter dem Kleinkram des Daseins. Stattdessen hätte ich mir Frau Clauß gewünscht, die leider ausblieb. Mein Kuchen war aber gut u. alles sehr fein. - Bist Du denn auch mit Butter versehen? Und wie ists überhaupt mit Deiner Versorgung? - Wir bekommen eben von Schlesien Schlachtprodukte u. einen Hasen. Willst Du nicht mithalten?
Wie geht es bei Riehls? Bitte, grüße doch am Sonntag dort von mir, u. auch an Susanne u. Deinen Vater viele Grüße. Erstere muß noch ein wenig auf meine Antwort warten. Ich schreibe eigentlich an niemand; nur an Dich, mein Lieb. Es ist immer von morgens bis abends zu tun, u. doch werde ich nie fertig. Ach - wenn Du doch herkommen könntest! Schreibe die Jugendpsychologie, dann ist die Zeit doch genutzt, u. gebrauche die Kur mit Maßen, daß sie nicht so angreift. Aber keine Thermalbäder mehr! Ich möchte Dich so gern gesundpflegen. Kohlen habe ich auch u.s.w u.s.w. Du hättest es sicher so warm u. wohlig hier, daß es Dich nicht gereuen würde. Auch das Eßzimmer ist jetzt immer geheizt, denn wir bewohnen es ja, u. seit der Kirschbaum keine Blätter mehr hat, ist es viel heller u. sehr gemütlich.
Wir lesen abends weiter in den Schleiermacherbriefen. Seit wir die Brautzeit überwunden haben, ist es wieder viel anziehender. So manche Anklänge im Jahre 13 an heut u. doch, wieviel schrecklicher ist jetzt doch alles! Aber - was sind Stimmungen? Haben sie irgend einen tieferen Grund im Unterbewußtsein? Ich bin eben doch wieder viel zuversichtlicher trotz aller Bedrängnis. -
Ich grüße Dich voller Liebe u. Sehnsucht u. bin trotz alles Bolschewismus
Deine Käthe.

[Kopf S. 2] Hebe mir ja die zerrissenen wollenen Strümpfe auf, schicke mir womöglich bald einmal welche. Ich habe Wolle gekauft zum Anstricken.