Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 3. Dezember 1921 (Heidelberg)


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Heidelberg. 3. Dezember 1921.
Mein Lieb, es ist eigentlich ein Unsinn, daß ich Dir heute noch schreibe, denn es ist schon unvernünftig spät u. der Ofen ist bereits am Ausgehen. Aber ich habe Sehnsucht nach Dir u. das ist doch wohl ein genügender Grund zum Schreiben? Außerdem möchte ich Dir zum Sonntag einen Gruß senden u. Dir sagen, wie gern ich morgen zu dem Vortrag käme! Aber ich bin ja weit fort u. werde schlecht behandelt! Ich komme mir richtig vor, wie "in den Graben gesetzt" - u. da sitze ich denn u. futtere tüchtig Schokolade u. denke: das geschieht ihm ganz recht, wenn ich mirs so auf seine Kosten wohl sein lasse. Denn Du weißt ja: wenn ich einmal anfange, dann bin ich unvernünftig. Und Du hast mich ja dazu verleitet, mir Schokolade zu eigenem Gebrauch anzuschaffen.
Nach Deinem letzten lieben Briefe hatte ich mich recht gesorgt über Deine chronischen Schmerzen. Die Karte aus Potsdam beruhigt mich etwas, wennschon sie etwas müde klingt. Alles in allem aber habe ich den Verdacht, daß Du meine Äußerung: ich wolle erst an die Sparkassengelder gehen, wenn mein Conto auf der Bank zu Ende ist, als Ablehnung Deines lieben Anerbietens aufgefaßt haben wirst u. mich durch Gekränktsein strafen willst? Ist es so? Ehrlicherweise freilich ist ja dazu kein Grund, denn in Wahrheit ist mir ja doch alles, was ich habe nur für Dich u. von Dir, daß ich da garkeine Trennung machen kann. –
Ich bin sehr fleißig eben, täglich morgens 2 Stunden am Mikroskop u. voraussichtlich 3x in der Woche auch [über der Zeile] nach-mittags. Das Colleg habe ich aufgegeben u. auch den photographischen Kurs werde ich nicht fortsetzen, denn dazu müßte ich einen Hörerschein haben, der mit allen Nebenkosten jetzt etwa 100 M betragen soll. Das ist
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| mir die Sache dann doch nicht wert. –
Sonst hat sich aber auch rein garnichts ereignet. - Walther wird morgen kommen, das freut mich. Aber ich wollte, Du wärst es! Daß auch Berlin so entsetzlich weit ist. Und der Fahrpreis wird wieder u. wieder erhöht. Wer soll das noch erschwingen!
Ist denn das Katzenfell zu gebrauchen? Es gab in dem Laden nur noch ganz wenige u. wie es heißt, ist der Schwanz besonders elektrisch; ich nahm deshalb dieses.
Gestern war auch mal wieder die kleine Italienerin da, die ein ganz reizendes, liebenswürdiges Mädel ist. Sie hat viel deutsche Verwandte, ist also keine "feindliche Ausländerin" u. ich habe den Gedanken, ob ich nicht ihr, falls ich nach Berlin kommen sollte, meine Wohnung vermieten könnte*? [li. Rand] * - Daß die Leipziger Freunde von Lili nicht kommen, schrieb ich wohl? - Es wäre eine angenehme Einnahme u. auch Aenne hätte Vorteil davon. Denn sie bezahlt in der Pension, in der sie nicht satt wird, ohne Licht, Heizung Bedienung u. Wäsche 50 M pro Tag. Da könnte sie hier für die Zimmer 10 und das Essen 40 M geben u. hätte es besser. Was meinst Du dazu? Ich will nicht davon reden, ehe ich Deine Meinung weiß. Drum, bitte antworte mir bald. Sie bleibt in Deutschland bis zum 1. April, also fragt es sich, ob das nicht etwa mit Deinem Kommen störend zusammentreffen würde? Eventuell könnte sie ja im März in den Seltenleer, aber vielleicht ist Dir ja der ganze Plan unlieb.
Für heute gute Nacht, mein einzig Lieb. Ich hoffe, Du schläfst schon lange u. ruhst Dich für den anstrengenden Tag. Möchte der Vortrag eine rechte Freude für Dich sein.
In Liebe u. Innigkeit
Deine Käthe.

[Kopf] Hast Du die braunen Handschuhe wieder gefunden? Ich mache mir Vorwürfe, daß ich Dir den grauen Pelzkragen wieder abgenommen habe. In diesem kalten Winter wäre er Dir gewiß nötig. – Eben schreibt Walther ab. –
Viele, viele Grüße! Denke mein, Du liebster Mann!