Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 11. Dezember 1921 (Heidelberg)


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Heidelberg. 11. Dezember. 1921.
Mein Lieb,
eigentlich ist ja wohl der Brief zum Sonntag schon ein Gewohnheitsrecht? Aber diesmal war es ein Ding der Unmöglichkeit u. Du mußt sein Ausbleiben schon verzeihen. Umso mehr muß ich mein Nichtschreiben entschuldigen, als ich ja noch ganz besondere Veranlassung dazu hatte durch die große Freude, die Du mir bereitet hast mit Deiner lieben Sendung. Alles war hochwillkommen bis herab zu dem zuammengeknüllten Papier, das zum Feuermachen half. Wie kannst Du sagen, es sei nichts Schönes für mich dabei? Schon die viele Mühe, die Du Dir mit dem Packen gabst, ist etwas Schönes u. Liebes, dann suchte ich natürlich zuerst nach dem im Innern versteckten Brief! Schon durch den Deckel roch ich die Äpfel, in der Strohhülle fand ich den Honig, in der Diotima Deine lieben Worte, das Cigarrenkistchen ist schon im Gebrauch u. das alte Schirtinghemd, das zu "altem Leinen" werden soll, wird auch Verwendung finden. Für alles aber danke ich Dir viel tausendmal. - Ob wohl Dein Herr v. Zastrow noch kam? Was wolltest Du denn mit ihm? Oder besser wohl: er von Dir!
Auch heute, mein Herz, verlange keinen "Brief" von mir; es ist spät abends am Sonntag u. um ½ 8 Uhr fuhr Walther ab, mit dem wir 2½ Stunden am Nachmittag spazierengingen: Sprunghöhe, Blockhaus, Königstuhlweg, Molkenkur, Schloß. - - Also: Montag kam Dein Packet u. das Schönste daran war die bessere Nachricht über Dein Befinden. Ich lese besonders heraus, daß Du Freude an den Übungen hast, u. das macht mich glücklich. Auch aus dem Aufsatz in der Frankfurter fühle ich den Klang froher Wirkung, spüre die persönlichen Beziehungen, die ihn auslösten, die Seelen, an die er
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| gerichtet ist. Ich bin sehr froh, daß ich ihn bekam; Aenne, die auch ein Exemplar wollte, fand keines mehr! –
Mit Walther war es sehr hübsch. Er kam schon am Freitag abend u. am Samstag waren wir erst zu Haus, wo ich die Zeit nützlich mit dem Aufräumen der Zimmer ausfüllte, wobei wir plauderten, u. dann einen Bummel in die Stadt machten, wobei wir in der Bibliothek endeten. Dort kopierte ich für Lili Scheibe einige Initialen aus der Ottfried Handschrift, wozu ich vermutlich ohne Walthers Besuch mir nicht die Zeit genommen hätte. Sie will es für eine Weihnachtsarbeit. - Nach Tisch schlief ich, denn ich hatte eine recht vielbeschäftigte Woche hinter mir, später gingen wir bei eigenartigem Nebel bis an die Hirschgasse am Neckar, u. zurück durch die Stadt, Buchläden studierend. Abends saßen wir mit Aenne bei Tee u. dem Rest der Küchlein, die ich für Dich gebacken hatte in "unserm" Zimmer, ich kleisternd, die andern rauchend u. stickend. Deine türkischen Cigaretten fanden großen Beifall. Und zum Schluß las ich aus den Lebensformen vor, was sichtlich tiefen Eindruck auf Walther machte. Heute vormittag gingen wir in die städtidschen Sammlungen, aber vorher noch in den Buchladen von Meder, der immer Deine Lebensformen in der Auslage hatte u. Walther kaufte ein Exemplar. (65 M?) Der Buchhändler sagte, es werde viel gekauft, Du hättest doch einen Kreis von Anhängern. Also doch auch hier trotz des Lokalgeistes!
Wie war es mit dem Vortrag bei den Gymnasialfreunden? Ich wäre so gern dabei gewesen! –
Bei dem Felljuden geht die Arbeit glatt weiter. Ich habe jetzt
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| die erste Rechnung geschrieben: 10 Zeichnungen 410 M. Die Leute, die’s nicht zu bezahlen haben, finden es immer wenig. - Was mag ich wohl über die Banksache berichtet haben, was nicht zu verstehen war? Ich habe verkauft: 4200 M Kriegsanleihe zu 77% macht mit Zinsen 3265 M u. 2000 M Darmstädter Bankaktien zu 450% macht mit Unkosten 8829, zusammen 12094 M = u. ich habe gekauft: 1000 M Rhein. Hyp. Bank Pfandbriefe zu 110 = 1100 M u. 10 000 M Badenwerke Obl. zu 103% = 10300 M - zusammen (mit Unkosten) etwa 11600 M. Zinsen bekam ich 210 u. Dividende etwa 240 von dem Geld, in Zukunft nur Zinsen, also feste Einnahme 540 M. Das ist ja eine geringe Verbesserung, aber immerhin! Vielleicht hätte ich gut getan, noch mehr so umzuwandeln. Was in Cassel geschehen oder nicht geschehen ist, hörte ich noch nicht.
Mit dem Katzenfell habe ich Dich wohl unnötig inkommodiert. Du magst recht haben, daß ich durch den Laboratoriumsumgang etwas vor Bazillen scheue. Aber siehst Du, mit Dir bin ich nun mal sehr ängstlich u. möchte Dich auch vor dem Schatten einer Schädlichkeit behüten können. - Ob Du die braunen Handschuh wiederfandest, hast Du leider nicht geschrieben. –
Heute war ganz leidliches Wetter u. hübsche Beleuchtung. Gestern hat es stellenweis gegossen, sodaß der Neckar wieder aufgetaut ist. Vor acht Tagen war es ein buntes Leben darauf u. man genoß es sehr, ohne Brücke u. Überfahrt von einem Ufer zum andern zu kommen. Ich hatte keine Zeit, so kam ich garnicht zu dem seltenen Genuß. - Hat die Familie Ruge noch außer Arnold sich in abschreckender Weise deutschnational geäußert?
Doch ade, ade für heute. Ich muß schlafen, damit ich morgen frische
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| Augen zum Zeichnen habe. Sei mir gesund u. sei mir gegrüßt.
Deine
Käthe.