Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 27./29. Dezember 1921 (Heidelberg)


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Heidelberg. 27. Dez. 1921.
Mein geliebtes Herz.
Wie sehr hatte ich gehofft, in diesen Tagen viele, lange schon notwendige Briefe zu schreiben, denn nach dem 1. Januar muß das ja natürlich ein Ende haben. Statt dessen komme ich heute erst dazu, wenigstens Dir, mein Lieb, ein Lebenszeichen zu geben. Wir waren beieinander in dieser Festzeit mit all der Innigkeit, die uns für immer verbindet! Es war so hübsch, wie Du schriebst von dem Reichtum, den uns das verflossene Jahr schenkte durch die vielen Wochen gemeinsamen Lebens. Ich hatte dasselbe gedacht, aber mit dem Zusatz, daß eben doch Dein Kranksein uns diese Freude verschaffte u. daß es deshalb "wüscht" von mir sei, mich so glücklich darüber zu fühlen. - Deine lieben Gaben waren wie immer das Schönste - u. ganz besonders Brief u. Kalenderchen. Auf die Schönhauser Bilder freue ich mich, u. es tut mir um Deinetwillen sehr leid, daß sie nicht rechtzeitig eintrafen. Aber Du kannst ganz ruhig darüber sein, ich habe ja nun die doppelte Freude: erst die Aussicht u. dann den Besitz.
Daß Du nicht gerade sehr weihnachtlich froh sein konntest, das verstehe ich wohl. Hätte ich doch wenigstens für ein paar Stunden zu Dir kommen können, mit Dir in liebevollem Gespräch die Weihe des Tages zu fühlen. Kam denn mein Brief mit den Handschuhen noch zur Zeit? - Es geht niemals ohne Hetzerei um Weihnachten u. so wurde ich auch diesmal nur mit genauer Not fertig. Am 24. um 2 Uhr 30 schon mußten wir zur Eisenbahn u. ich fiel so zu sagen nur gerade noch halb zugeknöpft in den Zug. Du weißt, ich spare gern u. aus diesem Grunde hatte ich für jedes der Winterkinder eine kleine Handarbeit - die wurden erst in letzter Minute fertig.
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| Vormittags war ich bei einem speziellen Schützling von mir aus der Tuberkulose-Fürsorge u. brachte allerlei Nahrungsmittel hin. Ich traf nur die Frau, die offenbar die Grippe hatte. Und da werde ich sie mir wohl, übermüdet wie ich war, auch mitgenommen haben. Denn schon in Ludwigshafen wurde ich erst zum Ausruhen in ein Zimmer allein gesperrt u. seitdem blüht bei mir ein Katarrh täglich auf. Meine Taschentücher erinnern schon nach den ersten zehn Minuten an dasjenige, das in Alpirsbach als Fahne benutzt wurde, sodaß ich also auch ohne das Büchlein, das zu lesen ich sehr begierig bin, lebhaft an den guten Kerschensteiner denken muß. - In der Nacht hatte ich schon Fieber, das auch heute noch nicht vorbei ist. Aber es scheint mir im ganzen ein leichter Fall. –
Jedenfalls habe ich mir den heiligen Abend nicht davon verderben lassen. Schon am 23. hatten Aenne u. ich mit dem Mädchen die eigentliche Weihnachtsfeier. Erst nach dem Abendbrot konnten wir das Bäumchen schmücken: wie immer goldene Nüsse, Tannenzäpfchen u. kleine leuchtend rote Aepfel. Vor dem Spiegel schräg in der Ecke im Eßzimmer steht es u. seine 16 Lichter verdoppeln ihren Schein im Glase. Die 3 bildhübschen roten Primeln, die Du der Aenne geschenkt hast, (18 M) erfreuten sie sehr. Es ist ein Luxus, den sie sehr liebt u. den man sich sonst nicht mehr gestatten kann. Jetzt stehen die Töpfe zwischen den Doppelfenstern an ihrem Nähtischplatz. Denn das Eßzimmer ist ja jetzt völlig zum Wohnen eingerichtet u. heizt sich fein. Da die Bäume draußen laubfrei sind, ist es auch garnicht dunkel, sondern hat Morgensonne, während hinten die Nachbarhäuser jeden Sonnenstrahl abfangen. - Von mir bekam Aenne allerlei Nützlichkeiten: einen
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| Kamm, eine Kohlenschaufel, Kalender, Bleistift, ein Bröschchen - u.s.w. - Ich freute mich sehr über Schuhleisten, ein paar Gläser Gelee!, ein Büchlein vom Inselverlag: Fichtes Wesen d. Gelehrten, u.s.w. Es sieht sehr festlich auf unserm Tisch aus.
In Ludwigshafen war vor allem natürlich die Freude der Kinder anziehend. Ganz besonders reizend war die Jüngste, 4 ½jährige. Erst die Andacht, mit der sie laut u. falsch Weihnachtslieder sang. Dann das Glück über den Baum u. die Krippe darunter, vor der sie lange ganz versunken stehen blieb. Und an ihrem Platz rief sie nur jubelnd:"Da sind sie ja!" Was wars? Ein kleines vergoldetes Schlüsselbund, das sie sich gewünscht hatte: goldene Schlüssel. "Ich wußte es ja, daß ich sie bekommen würde!" Im übrigen wurde noch sehr viel u. Kostbares geschenkt, alles lief immer durcheinander u. war sehr beschäftigt, u. nur die Kleine war es wieder, die bemerkte: „wie schade, nun ist der schöne Baum schon aus!" Immer wieder fragte sie auch, wo denn nur die Glocke an dem Baum wäre, denn damit müßte doch das Christkind geläutet haben. - Um ¼ 12 Uhr kamen wir todmüde wieder hier an.
Am ersten Feiertag hatten wir zu unser schlesischen Gans eine Freundin von Aenne zu Tisch - Du kennst sie ja: die Adolphine von Moers aus Ludwigshafen. Das ist ein tapferes Menschenkind, das sich immer wieder mit Energie durchringt. Augenblicklich erhält sie durch ihre Malerei, die ihr gute Menschen abkaufen, sich u. den Bruder. - Gestern habe ich mich mit meinem Katarrh mühsam hingequält, heute sind wenigstens die Augenschmerzen nicht mehr so arg, sodaß ich doch schreiben kann. Seltsam ist mir so eine Hyper
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|ästhesie der Hautnerven in der ganzen Rippengegend, die mich ein wenig an Gürtelrose mahnt. - Wie mag es nur Frau Riehl gehen? Ich denke ihrer soviel mit Sorge. Es war noch vor kurzem, daß Du mir schriebst, es gehe allen gut u. man sei in günstiger Stimmung u. nun solch Umschwung bei allen. Das ist ja auch greulich, mit diesen ansteckenden Furunkeln. Da sind sie gewiß nicht vorsichtig gewesen. Die wenigsten Leute haben eine Vorstellung, wie gewissenhaft man sein muß, um aseptisch vorzugehen.
Von den Kurfürstensträßlern hatte ich nur eine Briefkarte. Sie stecken sehr drin mit ihrer ständigen Mädchenlosigkeit. Vielleicht siehst ja Du, mein Lieb, mal etwas von ihnen in diesen Tagen. Entrüstet bin ich über das Verfahren von Frl. Guttmann. So etwas brächte Aenne Knaps niemals fertig, obgleich uns doch der Doktor recht wenig sympathisch ist. Wir freuen uns ja mächtig, wenn er, wie jetzt, verreist ist; aber ist er hier, dann wird unbedingt für ihn gesorgt. - Heute morgen kamen nun noch Honigkuchen aus Tübingen u. ein reizendes Mäppchen, das Cilli mir gemacht hat. Die arme Kleine muß immer an zwei Adressen denken bei unsrem Weihnachtsgeschenk für sie! Konntest Du wohl Oesterreichs schon zum Fest Nachricht geben von dem günstigen Stand der Angelegenheit? - Onkel Hermann schickte eine kleine Schrift von Haman, Marburg, Kunst u. Kultur d. Gegenwart, die er auf eine Besprechung von Zergiebel hin gekauft hat, die ihm aber nicht ganz zu entsprechen scheint. Er schreibt von Annchen Malcus, daß sie noch immer leidend sei. Mir scheint es sehr ernst, aber eine bestimmte Diagnose ist nicht gestellt. Sie kam von Nauheim krank zurück. Und schon einmal hatte sie während des Krieges im Seebade
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| ernste Nervenstörungen, die Verdacht für ein Gehirnleiden boten. Hoffentlich ist es doch nicht so schlimm. Es ist solch glückliches Familienleben dort. - An Onkels Brief hat auch die liebe Ida ein paar freundliche Worte angefügt u. Ila meldet, daß sie mit dem deutschen Konsul in Madrid wegen einer Stelle verhandelt, da dem Spanischen jetzt die Zukunft gehört. In Bremen soll es an den Schulen eingeführt werden!! - Rudi schließt das Schreiben mit einem Scherz u. Weihnachtsgrüßen. - Der arme Onkel hat wieder einen Hexenschuß.
Meine Gedanken sind lahm, mein Liebling, u. in meine Einsamkeit kommt kein frischer Hauch von außen. - Soll ich es beklagen, daß ich nicht einmal dazu kam, die Zeitung zu lesen? Es ist ja nichts Gutes darin zu finden. Ein seltsames Zeichen unsrer Zeit ist der enorme Reichtum unsres Bauernstandes. Dürfen wir dies als gutes Omen betrachten oder ist dieses Anwachsen des Besitzes auf Kosten der Übrigen ein Verfallsymptom? Wir beobachten das hier an unsrer Bertha, die aus wohlhabendem Hause ist. Zu Weihnachten bekam sie von den Eltern einen Mantel für 850 M, einen Pelzkragen für 450 u. unglaublich viel zu essen. Der Bruder, der gestern mit seiner Braut hier bei ihr war, brachte ihr für ihre goldene Uhr, zu der sie eine Kette hat, ein goldenes Gliederarmband, in das man die Uhr einfassen kann. Du kannst Dir denken, wie sich der feine Schmuckring auf dem dicken, roten Arm ausnimmt, in den er förmlich einschneidet. Dieser Bruder arbeitet im Sommer beim Vater in der Landwirtschaft u. im Winter verdient er mit Waldarbeit ungeheuer viel Geld. Es ist verständig, daß die Leute es in guten Sachen anlegen, aber ein Mißverhältnis ist es doch,
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| wenn ein Gegenstand so garnicht zum Träger paßt.
In den Festtagen habe ich die schöne Uhr von Dir getragen, die ja eigentlich erst mal geölt werden soll, um nicht vom Gehen zu leiden. Es ist mir immer ein heiliges, liebes Symbol, wenn ich die feine goldene Kette umlege. - Und wenn ich erst wieder gesunde Augen habe, dann lese ich in dem Bismarckjahrbuch, das viel Interessantes verspricht. In die Klinik gehe ich in den nächsten 2 Tagen noch nicht. - Morgen, Mttwoch, will Gertrud Winter mit den Kindern kommen. Ich werde aber vermutlich nicht dazu gehen wegen der Ansteckung.
Seit heute sitzen nun auch meine "Lebensformen" im blauen Einband u. es freut mich, daß nun von all den vielen Exemplaren nur unsre beiden gleich gebunden sind. Ob Dirs denn aber auch gefällt? Für mich ist dieses reine Blau von wohltuender Schönheit. Jetzt fehlt mir nur noch eine Inschrift von Deiner lieben Hand darin.

Am 29. - Siehst Du, da hat mein Warten doch genützt: Eben kamen als Päckchen die zwei entzückenden Bilder aus Schönhausen. Wie poetisch u. stimmungsvoll die grüne Wildnis, u. wie treulich das liebe alte Haus! Ich sehe im Geist die Fenster wieder geöffnet u. drinnen all das geschmackvolle Hausgerät einer vornehmen Lebensführung, wie wir es dort noch um 1900 benutzten. Und dann kehre ich wieder auf den verschwiegenen, dicht umwachsenen Weg zurück, der unser Schönhausen ist, so wie es mir neu u. reich mit Dir lebendig wurde. Habe Dank, mein Herz, für dies u. alles Liebe, was Du mir zu Weihnachten wieder gabst. Ich grüße Dich u. gehe mit Dir ins neue Jahr, so wie wir zusammen auf jenem stillen Wege gingen: in tiefinnerstem Einssein. -
Deine
Käthe.