Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 15. Januar 1922 (Berlin)


[1]
|
Berlin, den 15. Januar 1922.
Mein Liebes!
Ich schreibe bei Susanne, während diese mein "Fell" repariert, d. h. das Katzenfell, was eine dringende Notwendigkeit ist und doch in ½ Stunde erledigt sein muß, weil ich mich an den geliebten Kater so gewöhnt habe. - Zu dem Hinscheiden von Tante Hedwig, die zu den ersten gehörte, die ich von Deinen Verwandten nennen hörte, sage ich Dir herzliche Teilnahme. Es war wohl eine Erlösung von immer beschwerlicher werdendem Alter. Wie schön, daß sie Dir noch vor ihrem Hingang schrieb. Für Tante Grete, unsre alte Schutzpatronin, ist freilich das Allein-Zurückbleiben sehr traurig.
Ich danke Dir, daß Du gleich an meine Wohnungsnöte dachtest. Mein Wunsch, aus den jetzigen Verhältnissen herauszukommen, wird nur immer dringender. Die sonstige Aussicht immer geringer. Auf eine Annonce für 75 M im Lokal- Anzeiger erhielt ich 5 - Angebote von Tauschgesellschaften und Spediteuren, sonst nichts. - Aber wir sind uns darin einig, nicht wahr, daß alles vermieden werden muß, was nach Erbschleicherei (sei es auch nur Wohnungserbe) aussieht oder gar nach dem freundlichen Gedanken: "Nicht wahr, Sie werden doch nun auch nicht mehr lange leben?" - Die Sache ist auch in anderer Hinsicht garnicht einfach. Es ginge eigentlich nur, wenn ich zunächst - sei es auch nur pro forma und auf kurze Zeit, als möbilierter Herr zu Frl. Martins ziehe. Selbst dann würde das Wohnungsamt mir Schwierigkeiten machen bei definitiver Übernahme 1) weil andre viel länger vorgemerkt sind, 2) weil es 6 Zimmer sind. Gelänge es, wäre es mir natürlich höchst angenehm; die Verteilung der Zimmer scheint gut zu passen. Es läßt sich im Augenblick nichts tun, als bitten, daß die Verwandten 1) uns von einer ev. Aufgabe der Wohnung sofort benachrichtigen, 2) Die Wohnung nicht als frei anmelden und unsre Schritte begünstigen. Ich kann versuchen, durch das Ministerium eine Art Vorzugsrecht zu bekommen. Doch ist das heut nicht mehr so unfehlbar wirksam wie früher. - Dies alles macht Deine Anwesenheit, glaube ich, nicht dringend nötig, sondern kann durch Korrespondenz gemacht werden, während ich bei wirklichem Umziehen
[2]
| sehr auf Dich rechnen müßte. Lieb wäre es mir auch nicht, wenn Du jetzt in der Grippezeit nach Deiner IV. Klassen = und Nachtreisemethode führest u. dann bei Ruges wohntest, wo eben noch Grippe war. Wenn Du Tante Grete helfen mußt, ist das etwas anderes. Unser Wiedersehn aber hätte ich gern zu einer Zeit, die für uns auch sonst Freiheit bietet.
Wenn ich als Untermieter einzöge, könnte vielleicht Frau Ewert gleich mitkommen, so daß Tante Grete mit mir garnichts zu tun hätte.
Mit Bezug auf die Frühjahrspläne wollte ich sagen: ich male mir aus, daß ich im April 3 Wochen (mit Heißluftkur) in Heidelberg sein könnte. Vorher vielleicht eine Woche mit Frau Witting an der Bergstraße. Ich muß ihr über innere Krisen, die ich so schnell nicht schildern kann, hinweghelfen. Länger als 4 Wochen kann ich hier kaum fort. Anders wird die Sache natürlich, falls umgezogen werden muß. Dein Mieter wird doch wohl während des Semesters (also wenn ich nicht kann) kommen. Aber lieb ist mir die Sache ohne s. Frau noch weniger, und was die finanzielle Seite betrifft, so laß mich doch Mieter sein. Darüber nächstens mehr.
Ich sende bei Gelegenheit den Neujahrsartikel, der nachweislich in Chemnitz, Nürnberg und Stuttgart erschienen ist. Der Vortrag am Mittwoch hat gut gewirkt; aber das Referat m. Freundes Hildebrandt in der Voß war erbärmlich. Gestern u. vorgestern war ich von 10 - bis 7 im Wohlfahrtsministerium mit kleiner Mittagspause. Mein Referat hat den Damen genutzt. Im ganzen war es ein geistloser Kreis; schauerlich. Frl. Dr. Dietrich - Breslau u. Frau Dr. Sachs waren auch da. - Ich gehe jetzt zu Riehls. Für heute nur dies mit herzlichem Dank für Deine Mitteilungen u. vielen innigen Grüßen Dein Eduard.

<von fremder Hand:> Mein liebes Fräulein Hadlich, heute nur kurz recht herzlichen Dank für Ihren Neujahrsbrief. Bald schreibe ich wieder ordentlich, denn im Februar werde ich wohl ohne Vertretung sein, also Zeit haben. - Ich bin sehr froh über die Grolmanstr.-Aussicht. Das Gelingen des Tausches erscheint mir immer zweifelhafter. Mit vielen herzl. Grüßen Ihre Susanne Conrad.