Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 23. Januar 1922 (Berlin)


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Berlin, den 23. Januar 1922.
Mein Liebes!
Sehr lange habe ich Dir nicht "wirklich" geschrieben. Aber selbst wenn ich heute anfange, kann ich kein rechtes Bild geben, weil eigentlich meine Existenz sich jetzt in lauter belanglose Einzelheiten zersplittert, die mich scher in Anspruch nehmen, ohne mich zur Freude des Schaffens kommen zu lassen. In der vorletzten Woche vergingen 2 Tage, wie ich wohl schon schrieb, ganz im Wohlfahrtsministerium; in der letzten war ich am Donnerstag in Oberschönweide bei der AEG zur Besichtigung einer Werkschule, und am Sonnabend - auf der Hochzeit von Frl. Lubowski . Ich wollte ihr einen Beweis m. Dankbarkeit und Auszeichnung geben. Für mich waren natürlich diese 8 Stunden im Kreise fremdester, z. T. jüdischer Leute
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| eine rechte Strapaze, und in der Nacht hatte ich so starke Nervenzustände und Wadenkrämpfe, daß ich meine völlige Gesellschaftsunfähigkeit für die nächsten Monate einmal wieder genügend erprobt habe.
Ernste Sorge u. schwere Stunden hat mir die Habilitationsarbeit v. Heyse gemacht. Ich habe fast 15 Stunden gebraucht, um mich durch diese 250 Seiten durchzuquälen, und das Ergebnis ist doch fast gleich Null. Troeltsch, mit dem ich neulich zusammen Mittag aß (in der Dtsch. Gesellschaft) hatte schon sein Votum so abgefaßt, daß es nur lautet: nicht gegen die Habilitation. Der Erfolg ist also garnicht einmal sicher, und ich bin im schwierigsten Konflikt zwischen Freundschaft und Sachlichkeit. Ein Mißglücken der Habilitation wäre übrigens ein noch viel geringeres Unglück als eine im voraus zum Mißglücken prädestinierte
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| akademische Carriere.
Damit es auch sonst an langweiliger Lektüre nicht fehle, mußte ich große Partien aus Rickert, Grenzen der nat. Begriffsbildung lesen. Wir haben uns in der Tat in vielem sehr angenähert, wie er in den Anmerkungen wiederholt konstatiert. Ich muß ihm nun heut eingehend schreiben. Außerdem noch 2 Habilitationen, 1 Dissertation, 3 Staatsexamensarbeiten u.s.w. Ich wüßte wirklich nicht, wie ich es machen sollte, noch eine Vorlesung zu halten.
Die von Dir so fürsorglich eröffnete Wohnungsperspektive ist in der Tat die einzige, die noch Aussichten bietet. Meine Annonce, wie ich schon schrieb, war ohne jeden Erfolg. Aber die Studenten und Studentinnen lasen sie mit fragendem Interesse (an m. bevorstehende Heirat) und Frl. Guttmann führte mit mir ein 10 Minuten dauerndes Gespräch über die Chancen des
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| Wohnungstausches. Ich habe nichts von m. Plänen gesagt, aber da sie sie kennt, ist es nicht ausgeschlossen, daß sie zum 1.IV. andere Beschlüsse fast. Das wäre dann das Resultat meiner kostspieligen u. zeitraubenden Bemühungen. Frau Ewert habe ich noch einmal besucht, weil Riehls sie aushilfsweise haben möchten. Sie ist noch immer ganz frei.
Beide Broschüren u. alle Aufsätze bis auf einen sind korrigiert, aber es erscheint noch nichts. Wenn ich jetzt im Laufe der nächsten Wochen Drucksachen etc. sende, so ist das alles schon mit für den 25.II bestimmt, der ja diesmal eine besonders feierliche Zahl rundet. Du brauchst es aber nicht zurückzulegen, sondern kannst es ansehen.
Am Heidelberg Prozeß fehlt mir der Schluß, und für den Täter alles Verständnis.
Ich fürchte, daß ich, falls ich trotz Preisen etc. nach Heidelberg kommen kann, da auch mein ganzes Zahnelend (außer den sich gleichbleibenden Resten von Rheumatismus) kurieren
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| muß. Es geht so nicht mehr mit dem Plombenspucken. Das mit Frau Witting ist eigen. Fast fürchte ich, das unsre Beziehung sich allmählich auflöst. Wie sie durch Felizitas zustande kam, so auch durch Felizitas. Sie hat auf m. Brief u. mein Weihnachtsgeschenk keine Zeile geantwortet. Ohnehin aber kommt für dies Jahr P. nicht in Betracht (Oberammergau!) Nun will ich versuchen, ob ich der Mutter durch eine Begegnung am 3. Ort aus dem Versinken ins Alter noch einmal aufhelfen kann. Ich glaube kaum.- Ähnlich liegt es bei Riehls: ein Niedergang der Kräfte, u. so ein Niedergang vor allem. Sie hat immer noch Nachwehen der Influenza u. kl. Anfälle, er seit 1 Woche Bronchialkatarrh, so daß er nicht lesen kann. Lore, auch schwer erkältet, ist tapfer u. tut Dienst. Sie wächst mir sehr ans Herz. Wir spielen jeden Sonntag eine Beethovensche Symphonie 4 händig.
Susanne ist sehr tätig. Auch für mich tut sie sehr viel, und ich kann anders garnicht durchkommen. Eben deshalb schmerzt es mich, daß ich ihr so wenig zurückgeben kann. Sie ist wie eine Melodie ohne Begleitung u. Variationen.
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Morgen gehe ich vielleicht zu Gertr. Bäumer in Sachen des verflixten Fröbelverbandes. Übermorgen ist Sitzung betr. der Päd. Akademie. Sonnabend Zentrale für Jugendfürsorge. Donnerstag 2 Japaner u.s.w.
Hoffentlich ist Dein Zimmer warm. Mein Ofen raucht jeden Tag fürchterlich, u. heut habe ich nicht mehr als 10 ½ R. Meine Sehnsucht nach Dir steigt täglich. Aber wenn die Wohnungsfrage nicht akut wird, dann ist es am gescheitesten, auf Heidelberg zu warten, wo wir uns wirklich haben, während hier alles mögliche uns hemmt. Es sind auch ungefähr nur noch 2 Monate. Und schön ist es, wenn man sich auf den Frühling freuen kann nicht nur wegen der Blüten.
Ich muß jetzt bemüht sein, möglichst bald die 3. Aufl. zu machen, damit das Buch nicht zu lange fehlt. Aber ich habe dazu einige schwere Sachen zu lesen, u. m. Zeit ist immer so zerstückt. Korrespondenz schränke ich ungeheuer ein; aber ich selbst bekomme nicht 1 Brief weniger.
Willst Du eine Kleinigkeit zum 2.II. kaufen in m. Namen? Du weißt ja besser, was richtig ist. Unsrer Freundin viele Grüße!
Denkst Du an den Tag am Rhein? Der Kiesel liegt auf m. Nachttisch. Innigst Dein Eduard.
[re. Rand, S.1] Bist du auch vorsichtig mit dem Spekulieren?