Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 23. Februar 1922 (Berlin)


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Berlin, den 23. Februar 1922.
Mein innig Geliebtes!
Wie klein kommt mir dieser Briefbogen vor, gemessen an dem, was ich Dir sagen möchte, um Dich zu Deinem Geburtstage zu begrüßen und Dich fühlen zu lassen, daß dieser Tag mir das Höchste und Schönste meines Lebens tief zu Bewußtsein bringt. Jeden Tag zwar zieht der Gedanke durch meine Seele, den ich im stillen den Heimatgedanken nenne. Und dann geht es mir, wie dem Zweijährigen, von dem Preyer berichtet, er habe an seinem "Geburtstag" dieses Wort erlernt und seitdem alles Freudige "burtsa" genannt. Aber "bürgerlich" betrachtet, gibt es doch
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| nun einmal im Jahr einen "richtigen" Geburtstag, und diesmal hat er, wenn ich nicht irre, eine runde Zahl. In unsern Kreisen ist es üblich, solche Lebensabschnitte mit Festschriften zu feiern. Ich sende Dir drei. Zwei davon sind nach außen hin vergeben; aber im Innern gehört doch alles Dir; und die dritte, an die heutige Jugend gerichtet, die gehört in einem Sinne Dir, der dort nicht zum Ausdruck kommen konnte, und der überhaupt nicht ausgesprochen werden kann. Es ist mehr als Eros, was uns bindet. Es ist das Göttliche selbst in seinen unaussprechlichen Tiefen. Deshalb darf ich sagen: jeden Tag empfange ich das ganze Leben von Dir. Denn in Dir und mit Dir erhält es seinen einheitlichen, hohen, unendlich
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| beglückenden Sinn.
Einzelne Bilder und Tage stehen dafür immer als besonders vielsagende Symbole vor der Seele. Diesmal erfüllt mich am stärksten der Nachklang jener stillen Insel am Rhein. Über uns Sturm, herbstlicher Wald um uns, in uns aber die sichere Leitung zum Ziel: diesen großen, still seit Jahrhunderten fließenden Strom, dem Sinnbild deutschen Leidens und deutscher Liebe. So in ruhigen großen Maßen bewegt sich unser gefestigtes Leben gemeinsam: es ist eine Wahrheit, es ist eine Güte, und es ist ein Gott.
Das Bild ist natürlich auch für Dich ganz extra und besonders bestimmt. Aber Du darfst doch nicht denken, daß ich so eitel sei,
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| mich aus freien Stücken schon nach 2 Jahren wieder photographieren zu lassen. Eine große Depeschenagentur trat mit dem Ersuchen an mich heran, mich für ev. öffentliche Verbreitung photogr. zu lassen. Und da dachte ich, daß ich auf diese Weise zu einem Bild für Dich zum 25.II. kommen könnte, und habe es getan. Andre werden es nur für ca 25-30 M haben können. Du bekommst es gratis, weil Geburtstag ist.
Sonst aber habe ich wirklich garnichts für Dich. Und das ist eigentlich nicht meine Absicht gewesen. Aber ehrlich gestanden, es ging mir die letzten Tage nicht gut, so daß ich nur zu dienstlichen Sachen in die Stadt fuhr. Am 14. kam wieder etwas Halsentzündung, dann Schnupfen, zuletzt ein Husten, der noch nicht ganz fort ist. Die Hauptsache war wieder
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| verdächtiges fiebriges Gefühl, dem aber nur erhöhter Puls zugrunde lag, und dieser wieder war wohl nervös. Seit gestern bin ich fast ganz in Ordnung. Das Ganze soll Dich ja nicht besorgt machen. Ich erzähle es nur, um mich dahinter zu verstecken, wenn du eben - nichts geschenkt bekommst. Nur das erlaubst Du mir vielleicht, 10 M zu Deiner Jahresmiete beizusteuern. Der Betrag ist an die Rheinische Creditbank überwiesen, und von der wirst Du Nachricht bekommen. Für 10 M kann man ja nicht viel verlangen. Aber mein Anrecht auf den Platz habe ich mir damit gesichert.
Nun hoffe ich, daß andere Dich besser bedenken, und daß es bei Dir übermorgen innen und außen festlich aussieht. Ich versetze mich an den Kaffeetisch; freilich
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| fehlt diesmal der gute Kaffeekoch. Und ich begrüße Deine Freunde mit Dir. Hoffentlich bist Du recht gesund und "trotz allem" guten Mutes.
Von meiner Tätigkeit will ich nur kurz erzählen. Gott sei Dank hat das Frieren aufgehört. Es ist schon etwas frühlingshaft. Am letzten Donnerstag hatte ich (bei großer Heiserkeit) von ½ 4 - 8 ohne Pause Sprechstunde u. Examen, dann noch Sitzung bis 10. In den Tagen, in denen ich das Ausgehen vermied, habe ich das Kapitel I,6 umgestaltet, mit unsäglicher Mühe (die dann wohl auch auf die Nerven wirkte.) Es mußte ja mit dem Raum furchtbar gespart werden. Niemeyer, der eben hier war, sagte, daß es nicht zu lang sei´, u. befreite
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| mich von diesem Druck. Es ist jetzt alles ratzekahl ausverkauft. - Sonntag war Nieschling da, die alte liebe Flöte; nachm. zu Sus. s. Geburtstag. Abends bei Frau v. Schnitzler, Gesellschaft mit Vortrag, u. allerhand Größen. Montag Abend im Kreise v. 12 Studenten über Max Webers Werturteilstheorie gesprochen. Dienstag kam der (im ganzen befriedigende) Bescheid vom Minister über die Akademie, und es war nun ungeheuer zu tun. Daneben der Fröbelverband, das Seminar. Gestern habe ich im Aud. max. über "Die Aufgaben des päd. Studiums" gesprochen. Heut ist nun um ½ 4 Sprechstunde. Um 5 Beginn einer fachpolitischen Sitzung im Zentralinstitut, und um 8 Fakultätssitzung. Ich habe m. Kopf mit großen und kleinen Dingen zum Brechen voll.
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Gestern kam ein Brief von den Kindern in Stolpe, sehr niedlich. - Oesterreich hat das Extraordinariat. Joh. Wezel hat wieder - Weltanschauungskrämpfe. Die Post bringt mehr statt weniger. Es ist bei mir wie an einem geistigen Eisenbahnknotenpunkt und jeder kommt mit seinen Sachen. 2 Habilitationsarbeiten sind erledigt. Die 3. größte muß bis Montag fertig sein.
Aber ich verliere mich in Kleinigkeiten. Mein Lieb, das alles könnte ich ja nicht, wenn ich nicht den festen Mittelpunkt hätte, und der ruht in Dir. Wenn alles einigermaßen ungestört bleibt, so sind wir spätestens am 1.IV zusammen. Darüber dann das nächste Mal. Mit der Zeichnung bemühe Dich bitte nicht. Es ist wohl kein Raum. Verzeih!
Tausend innige Grüße und Küsse
Dein Eduard.