Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 25./26. April 1922 (Berlin)


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Berlin, den 25. April 1922.
Mein innig Geliebtes!
Der Abend endlich bringt mir – um ½ 11 – die Ruhe, Dir meine Ankunft etwas ausführlicher zu melden. Ich mußte nicht nur in Friedrichsfeld, sondern auch in Frankfurt umsteigen. Der Berliner Zug war stark besetzt, überwiegend von gräßlichen Juden. Joh. Wezel war an der Bahn. In Fröttstadt erhielt ich sogar einen Eckplatz. Infolge Fahrplanänderung wurden wir in Erfurt mit dem Zug von Würzburg her vereinigt u. kamen 50 Min. später an. Susanne holte mich ab. Um 12 war ich zu Hause, und bis 1 beschäftigte mich noch der Stoß von Eingängen, der einem kleinen Berge glich, aber großenteils schon Montag Vorm. erledigt werden konnte.
Obwohl es auch hier kühl und regnerisch ist, bleibt diese Fahrt, wie jedesmal, ein Klima
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|wechsel. Du verwöhnst mich so sehr, daß ich notwendig überall anderwärts unzufrieden sein muß. Nur ist das Materielle dabei das Wenigste. In Deiner Nähe allein ist mir heimatlich zu Mute, und so bin ich dann also, in Wahrheit, jetzt wieder draußen und wieder auf Reisen. Und ich bin es nur mit dem Kopf und dem Körper. Mein Herz bleibt bei Dir. Ich müßte unaufhörlich danken, allein schon für die maßlosen Anstrengungen, die Du gerade diesmal gehabt hast. Wenn ich es nur in einem Worte tue, so liegt doch in diesem einen Worte eben Unaussprechliches. Selbstverständlich ist mir unser tiefer Zusammenklang; nur in ihm fühle ich das Recht, so viel von Dir zu erbitten und anzunehmen. Die Gemeinschaft unsres Tiefsten darf dahin ausstrahlen; sie aber ist es, für die ich der Gottheit und dem Leben mit jedem Atemzug danke.
Möge nun, trotz dem Herrn Gans, etwas
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| weniger anstrengende Tage für dich kommen. Und wenn wir auch beide immer viel zu schaffen haben, so wandern doch unsre Gedanken in jeder Stunde zu einander: jede Unterbrechung dieses gemeinamen Lebens ist ja nur scheinbar.
Am Montag war ich noch nicht aufgestanden, als sich schon der Kollege Pichler aus Greifswald, früher Graz, für 11 bei mir anmeldete. Nach ihm kam Karlchen Pütter, der am Abend s. Doktor machen wollte, und während er da war, telephonierte das Zentralinstitut, daß die "Studiengemeinschaft" am Nachm. schon anfinge. Es geht damit ein bißchen formlos her. Sehr vieles habe ich noch in den nächsten Tagen zu regeln. Vormittags war ich noch auf der Bank. 1500 M sind an Dich überwiesen – "einstweilen" –, für mehr bin ich gut.
Vor 5 war ich bei meinem Vater. Aussehen, Beweglichkeit, Stimmung nicht schlecht. Es ist eine Leberschwellung, mit Verdauungsstörungen. An den Beinen sehr auffallende Abmagerung. Seit
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| einiger Zeit hat er bei Martin, wo er ein Glas Wein trinkt, für Berlin und Klause Ersatz gefunden. Der ungünstigste Eindruck war nur der geradezu maßlose Schmutz in der Wohnung. Anscheinend wird überhaupt nicht mehr rein gemacht. Mein Vater wischt auf seine Art Staub, wie er es seit Jahren tut, d. h. ganz ohne Wirkung. Anscheinend aber sieht er auch nicht mehr gut genug. Der ganze Schreibtisch ist ein Miststall. Diesmal habe ich nur still betrachtet. Tun läßt sich wenig. Mademoiselle Schelck hat keinen Sinn für Reinlichkeit, aber sehr viel für Bequemlichkeit.
Susanne kam dazu. Die Stimmung war ganz gut u. friedlich. Ich mußte dann in die Stadt. Die Prüfungen u. die Sitzung (schwach besucht) verliefen reizlos. Abends vertiefte ich mich in die Kantdissertation, die mir wenig gefällt u. die ich noch einmal gründlich durcharbeiten muß. Heut früh begann ich mit der Diss d. Oberkonsistorialrats, die ich vor ¼ Stunde erledigt habe. In der Stadt
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| regelte ich zunächst Quästurangelegenheiten u. erfuhr (so nebenbei), daß ich 5100 M zu wenig bekommen hatte, die ich dann gleich mitnahm. Einige der Besorgungen konnte ich auf der Wirtsch. nach Auftrag erledigen, leider nicht Zucker, u. auch nicht Kaffee. Ich bekam statt 60 M für rechne 1 Pfd. gebrannt zu – 110 M. Davon schicke ich dann die Hälfte mit, die Ihr teilen könnt als "Morgengabe", oder als Nachmittagsgabe.
Im Seminar habe ich über 4 Stunden ohne Heizung gehaust u. fühle mich etwas schnupfig infolgedessen. Frau Draeger hatte alles geordnet. So ging es ohne Verstimmung. Herr Littmann aber trat auch gleich in Funktion. Der Besuch der Sprechstunde war schwach wie nie. Bisher nur 11 Anmeldungen. Offenbar nicht nur der frühe Termin, sondern Rückgang der Studierendenzahl. Wer soll das auch durchführen? Wallner u. Birkemeier fehlten nicht. Sonst keine Bekannten bis jetzt.
Mit Susanne, die mein Schatten wird, ging
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| ich dann zum Schneider und bestellte ich einen dunklen Sommerüberzieher für – 2800 M. Er ist 800 M teurer. Aber wenn er 4 Jahre statt 3 hält, so kommt das heraus.
Eben fand ich einen lieben Brief von Hermann, der mich in einige Verlegenheit setzt. Er möchte an der Studiengemeinschaft im Sommertrimester 23 dozieren (u. als Beurlaubter bei s. Mutter wohnen.) Herzlich gerne ging ich auf den Gedanken ein. Er würde es gewiß mindestens so gut machen wie die von ihm charakterisierten Herrn. Das Schwierige ist nur 1) daß dann sehr viele Direktoren aus Berlin u. von auswärts den gleichen Wunsch äußern werden. 2) daß man vom kleinen Humboldt her gerade seine Wahl leicht als "Verwandtschaftssache" auffassen wird. Ich muß mal mit Pallat und Schoenichen reden, ob u. wie man das machen kann.
In der Voss. Zeitung lese ich in einem auch sonst sehr delikat empfundenen Artikel "Poli
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|tische Professoren" von heut Abend, daß ich zu den Linksstehenden gehöre (anscheinend ebenso sehr, wie viele andere, von denen mir das ebenso neu ist.) Eigentlich müßte man dieser Manier mit einem würdigen, deutlichen Artikel heimleuchten. Aber mir tun schon die 4 Stunden leid, die ein solches Elaborat doch fordern würde, u. die man besser für anderes verwendet. Nachdem Henning nach D. gekommen ist, schlägt Kö. gleich 3 ausschließlich experimentelle Päd. vor, darunter an 1. Stelle den, für den ich nach dem Tübinger Kuhhandel eintreten soll. Ich werde aber im Ministerium, das mich fragt, mindestens mündlich erklären: wenn das so weiterginge, müßte ich öffentlich dagegen Stellung nehmen.
Seit der Bahnfahrt habe ich wissenschaftlich nichts mehr tun können. Auf wie lange? – Do. wollen Riehls nach Potsdam; ich habe 4 Fl. Rotwein für – 250 M! gekauft. Am gleichen Tage feiert Dietr.
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| Schäfer
das goldene Doktorjubiläum.
Hier mein Stundenplan für d. nächste Woche. Das Regelmäßige ist zweimal, das relativ Regelmäßige 1mal unterstrichen.
Mo.Di.Mi.Do.Fr.So.
10–11Psych.Psych.
11–12
3–4}Sprechst
4–5}}Päd.Päd.
5–6}Staats-Päd.
6–7}examen.}Jugendbe-}Fakul-}Seminar
7–8.}wegung.}tät.}
8 ff.Dozentenversamml.}
Genug, nicht wahr? – Vergiß nicht, daß ich den Natorp noch habe. – Jetzt muß ich schlafen gehen. Ich denke unsrer Abende u. unsrer Morgen. Gute Nacht, mein Lieb, und tausend innige Grüße.
Dein Eduard.

26.IV. Heute morgen kam das gefaltete Ex. der 3. Aufl. für Riehl, mit dem Rechenfehler oben drauf. Innen ist es nach Deinem Rezept gemacht worden. So merkt kein Mensch etwas. Der Brief soll fort. Noch einmal viel Liebes stets Dein Eduard.
Vergiß nicht, den Vorstand und den Dr. zu grüßen.
[Kopf] Marg. Borries auch verlobt.