Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 1. Mai 1922 (Berlin)


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Berlin, den 1. Mai 22.
Mein Liebes!
Es ist schon nach 11. Aber da jetzt schwere Tage kommen, so muß ich Dir doch für Deine beiden lieben Briefe wenigstens mit einem Zeichen danken und auf Deine Frage antworten. Es tut mir innig leid, daß Du auf eine Karte wartetest. Aber ich hatte keine bei mir, und dann wollte ich die Postkontrolle umgehen. Dein Fleiß ist der gleiche geblieben, nur jetzt auf anderem Gebiet. Laß Dich nur von der Rösel recht liebevoll behandeln und - schneide keine Schlehenzweige wieder ab.
Ich bin ganz Deiner Meinung, daß es jetzt nicht zu verantworten wäre, einen sich anbahnenden geordneten Beruf zu verlassen. Du würdest im Krankheitsfalle gewiß ebenso zu Ruges eilen,
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| wie ich im Ernstfall auf Dich zählen darf. Das würde ich aussprechen; schon deshalb, damit es keine Verstimmung erweckt, wenn ich Dich etwa zu Hilfe rufen müßte - was doch übrigens auch nur auf eine begrenzte Zeit gedacht wäre. Suche doch nun von Ruges zu erfahren, was für eine Art von Hilfe sie brauchen. Ich könnte dann bei Frl. Friedberg versuchen, durch den Wilmersdorfer Arbeitsnachweis eine hoffentlich zuverlässige Kraft zu bekommen. Am leichtesten kann sie eine Anfängerin beschaffen. Ich muß m. Bitte etwas vorsichtig vortragen, da sie schon Riehls sehr erfolgreich geholfen hat, und da man s. Freunde doch nicht ausnützen soll. In etwa 14 Tagen gehe ich abends zu ihr. Bis dahin bitte ich um Nachricht über Dich oder direkt.
Morgen beginnen die Vorlesungen. Aber wann beginnt der Frühling? Es ist seit unsrem
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| Zusammensein eher schlechter als besser geworden. Bei Riehls war der Geburtstag schön u. stimmungsvoll; der Tag für mich etwas anstrengend, da ich vom Mittag gleich zum Zentralinstitut mußte. Die Gegenaktion gegen die Studiengemeinschaft in ihrer "Gesinnung" erinnert ein bißchen an Leipziger Methoden. Aber wir werden ja diese Anfänge überwinden, wenn nur die Leitung des Z. nicht so ungeschickt wäre. Sonnabend war ich bei gutem Wetter noch einmal mit Susanne fort, zur Belohnung: Sedow, Ravensteiner Mühle (Lebensformenweg) Hoppegarten. Neu entdeckter Weg: beim Frühlingsabendschein recht schön. Sonntag strömender Regen. Mein Vater unverändert. Also auch nicht gebessert. Aber Stimmung ganz passabel. Heut Maifeier. Soeben Unterredung mit Frl. Guttmann. Nachzahlung f. 1 Quartal 225 M. Miete, vom 1.IV an 600 M. Natürlich
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| auch Pensionserhöhung. Beratung über Verhalten am 1.VII, zunächst ohne greifbaren Erfolg. Denke Dir, Herr Gunkel will ein Stockwerk aufsetzen. Ich deutete meinen Plan an: Boden ausbauen (Unterschied!); aber Frl. G. hat keine Initiative.
Heinrich Maier traf ich heut. Er rechnet jetzt auf eine der Wohnungen, die das Min. am Fehrbelliner Platz bauen will. Ich denke, mich danach auch gelegentlich zu erkundigen. Erkundigt habe ich mich heut, um meiner Geldfülle einen gesunden Abgang zu schaffen, nach einem Bücherregal. Was ich sah, war zu vornehm, kostete aber auch (mit Rolladen) 6000 M! H. Maier empfiehlt dringend, jetzt Deutsche Bankaktien zu kaufen.
Aber ich muß ins Bett. Die 4 nächsten Tage bar! Brief v. Felizitas. Sobald ich kann, mehr. Du fühlst das Unausgesprochene. Mit Gruß und Kuß - Schluß.
Dein Eduard.

Schoenichen behauptet, v. Hermann Briefe gelesen zu haben, <Kopf> die an Grobheit alles dagewesene übersteigen.