Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 12. Mai 1922 (Berlin)


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Berlin, den 12. Mai 1922.
Mein innig Geliebtes!
Am Abend vor dem Beginn der Vorlesungen schrieb ich Dir zuletzt. Seitdem ist nun das Semester mit fester Hand in Gang gebracht; und trotz aller Arbeitsfülle beschwingt mich das Gefühl der ungeheuren, tiefen Resonanz. Mit der "Psychologie" habe ich zweimal umziehen müssen; jetzt sind über 300 Hörer da, anscheinend intelligent und gerade nach dieser Seite verlangensvoll. Die Pädagogik (auch 300 im Aud. Dorotheenstr.) war etwas schwerer zu beleben wegen der Nachmittagsschläfrigkeit. Aber mit Sokrates gestern ist nun schon ein Gipfel erreicht; es war eine Feierstunde. In den Übungen sind nur 50, die jedenfalls nicht mehr in Geschichte wissen als ich. Die Studiengemeinschaft hat viel Mühe im einzelnen gemacht. Aber der Erfolg ist zunächst durchaus befriedigend. Die meisten Dozenten sind mit Eifer und Geschick dabei. Meine Übungen (Mi. 6-7) stecken zunächst noch in den Anfängen. Um so besser verlief der 1. Dozentenabend, bei dem ich über "Ungelöste Probleme der Kinderpsych." sprach. Die Debatte war sehr lebhaft und schmolz den
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| Kreis wirklich zusammen. Die 2 Stunden über Jugendbewegung interessierten sehr, und mehrere Zeitungen brachten Berichte. - Ich habe ein kleines Bücherregal 100 breit, 200 hoch, sonst wie die anderen, für 900 M, ein Laken u. einen Bettbezug für 925 M gekauft. Außerdem habe ich den Rest des Reichsnotopfers mit ca 1500 bezahlt und kleinere Vorräte angeschafft.
Aber meine Gedanken sind doch in einer anderen Richtung konzentriert. Mit meinen Vater geht es schnell rückwärts. Ich war Sonntag Vormittag und - nach einer Sitzung in der Nähe - Dienstag Abend da. Der Eindruck war da noch nicht schlecht. Heut auf der Straße vor dem Kolleg traf ich zufällig Benary (der auch alt und abgeklappert aussieht.) Er sagte, die Leber sei ganz hart und er halte es für eine "maligne Sache". Es wundere ihn nur, daß es so lange daure. Absolut sicher könne er die Diagnose nicht stellen. Eine chronische Leberentzündung sei auch möglich, die komme aber sonst nur bei Trinkern vor, und Gelbsucht fehle. Er sei wieder gerufen und würde im Lauf des Tages hingehen. Ich fuhr daraufhin auch zwischen Kolleg u. Seminar hinaus. Mein Vater war auf, aber seit 2 Tagen nicht mehr ausgegangen. Der Verfall seit Dienstag war aber äußerlich so sichtbar,
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| daß ich nach diesem Eindruck bei gleichem Tempo der Entwicklung mit einem Ende in etwa 4 Wochen rechnen zu müssen glaube.
Wir sind immer sehr lieb miteinander. Alle feineren Seiten in ihm kommen hervor, und mit seinem noch heut unvergleichlichen Gedächtnis zitiert er immer ein paar schöne Verse von Schiller oder Goethe, die ihm Eindruck gemacht haben. Gefahr vermutet er nicht. Er klagt über Schmerzen (merwürdiger Weise in Rücken- u. Kreuzgegend). Seine Stimmung ist aber besser als sonst bei Kleinigkeiten und hat eher etwas Gehalten-Heiteres.
Der Zustand im Hause gefällt mir nicht. Das ist nicht eine alte, sondern eine schlecht gepflegte Wirtschaft. Mit Frl. Schelck habe ich geredet, habe ihr Gehalt auf 200 erhöht, aber auch um intensive Pflege gebeten u. den Reinlichkeitspunkt berührt. Ihr Wesen gefiel mir dabei nicht schlecht. Indessen hat sie wohl eines nicht: Lust und Kraft zu irgend welchen Opfern.
Wenn die Wendung zum Schlimmen eintritt, werde ich Dir schreiben oder telegraphieren. Ich bitte Dich, im Ernstfalle bei mir zu sein. Für die Pflege, wenn sie nicht Monate dauert, kann ich eine Krankenpflegerin
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| nehmen. Aber in dem Letzten müßtest Du mir beistehen. Eine lange Unterbrechung Deiner Arbeit würde es nicht. Denn hinterdrein möchte ich ja wieder in den Dienst steigen, und den August kannst Du ja doch recht frei sein - dort oder hier, oder wie es dem lieben Gott gefällt.
Ich kann im Hinscheiden eines gereiften Lebens nichts Trauriges sehen: der Tod in dieser Gestalt erschien mir selbst bei meiner Mutter heilig und heiter und befreundet. In der eignen Seele freilich heißt es, eine Abschiedsstunde überwinden und lernen, das Leben anders zu sehen. Mein Vater - wie jeder Mensch - besteht aus vielen Wesen. In der Tiefe ist eines, das ganz mein Vater ist. Seit jenem Tage, von dem ich Dir sprach, ist dieses Wesen zum Durchbruch gekommen, und alles tragische und trennende ist nun nur noch schmerzliche Erinnerung. Auch ich bin ein anderer und kann ein anderer sein, seit wir so miteinander leben. Die Klage und Frage: warum nicht immer so - will ich nicht stellen. Ich kann nur sagen: in seinen Tiefen ist alles heilig und rein und ist von Gott; und in ihm ist mein Herz ruhig.
Wenn nichts Besonderes eintritt, werde ich morgen mit Heinrich Maier nach Wannsee fahren. Da bin ich also mit einem Stück Heidelberg zusammen.
Innige Grüße Dein Eduard.

[re. Rand, S.1] Letzten Sonnabend war Tee bei Becker im Ministerium. Wir hatten eine interessante Aussprache mit Heinrich Schulz. Er tat einen Blick in seine schulpolitische Seele: wir stehen uns garnicht so fern, und über den LLV denkt er, wie ich. Auch Becker! Also Isolierung des DLV. Ich habe mich für eine der neu zu bauenden Wohnungen vormerken lassen. - Heute Bogen in der "Wanderseele" - mir gewidmet. Für die Lebensformen habe ich 19500 M bekommen <Kopf> und erhalte im nächsten Jahr das Gleiche.
[li. Rand, S.2] Bist Du mit Deinen Zähnen bald in Ordnung? Herzlichen Dank für die herausgeschriebenen Stellen! Und für Deine lieben Zeilen überhaupt!
[Kopf] Die 1500 M hast Du längst 10 fach für mich ausgegeben, sie müssen auf Deinem Konto bleiben.