Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 27. Mai 1922 (Berlin W62)


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Berlin W62, den 27. Mai 22.
Mein Liebes!
Dein lieber Brief hat mir wohlgetan. Ich habe selbstverständlich Sehnsucht, Dich hier zu haben. Aber man muß auch in solchen Dingen vernünftig handeln und die entscheidende Hilfe für den Ernstfall aufsparen. Damit Du die Lage einigermaßen beurteilen kannst, schreibe ich alle Einzelheiten genau.
Seit der Einlieferung ins Krankenhaus ist der Gesamtrückgang eher über Erwarten schnell als das Gegenteil. Doch scheint das Herz noch sehr kräftig. Aufgestanden ist mein Vater nicht mehr. Abmagerung der Glieder fürchterlich; Leib eher aufgetrieben. Sprache so leise, daß ich die größte Mühe habe zu verstehen. Und gestern, wohl unter dem Einfluß der Narcotica und der Hitze schon Bewußtseinsverwirrung.
Am Dienstag Abend habe ich noch alle eigentlichen Wertsachen aus der Pstraße geholt u. am Mittwoch
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| früh (zur Kenntnisnahme!) Schließfach 596 "Kant" in der Dresdner Bank genommen. Was dort liegt, reicht wohl für ½ Jahr Krankenhaus. Vorher war ich bei Benary. Anscheinend dachte er an "Leberkrebs", las mir aus Strümpell vor: dauert höchstens ein Jahr, verläuft unter Erscheinungen des schwersten Marasmus.
Gleich nach Tisch war ich im Kh; dann Vorlesung u. Dienst bis ½ 8. Donnerstag war ein sehr schwerer Tag. Ich besuchte Herrn Reuther, um etwas über das Kh zu hören, war bald nach 3 dort, fuhr dann nach der Pstr. und kramte mit Susanne alle staubfangenden Nippsachen u. Kissen etc. in die Schränke. Ein bergehoher Schmutz allenthalben. Vom Schreibtisch konnte man ihn mit den Händen wegschaufeln. Frl. Schelck erhält Gehalt bis 1. Juli, geht am 1. Juni zu ihren Eltern. Dies ging bisher glatt, ohne Erregung. Ehrlich scheint sie. - Den unsäglichen Schmerz, den mir das Wühlen in dieser absolut verlungten Wirtschaft machte, können keine Worte schildern. Da ist kein Taschentuch, kein Hemd, das den Namen verdient, kein Bezug. Alle Fächer u. Schränke leer. Aber genug davon. Spät Abends Vorberei
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|tung aufs Kolleg. Gestern früh Dienst. Um 4 im Kh. mit Frl. Hilgenfeld u. S. C. ½ Stunde strengte schon zu sehr an. Er wußte nicht wo er war und war nur in Sorge (halb delirierend) um die Zukunft der Schelck. Dann kaufte ich 1 Bettbezug u. Laken u. 3 Hemden (Taghemden für die Nacht) für 1600 M. (NB: daß ich früher nicht zu wenig Geld gegeben habe, möchte ich trotz des Befundes der Wirtsch. behaupten. In der letzten Monaten rechnete ich für jeden Tag 90 M.) Den Bezug soll der Student haben. - Seminar. - Abends habe ich die Verwandten benachrichtigt u. die Liste vorbereitet für alle Fälle. Auf dem Schreibtisch lag eine Adresse ohne Namen, die mir zu denken gibt. Heut vor 9 ging ich zum Chefarzt Prof. Burkhardt, um durch persönl. Vorstellung Fühlung zu nehmen. Mußte ¾ Stden warten, ehe der Herr kam; fand mich denn lebhaft an den Ton der Oberstabsärzte erinnert, oder an die Auskunft auf den Eisenbahnbüreaus. - "Inoperables Karzinom des Magens und des Rectums." Dauer, zumal bei so kurzer Kenntnis des Patienten, nicht vorauszusehen. Für Schmerzlinderung geschehe alles. Ich könne nichts weiter tun. - Aber gern würde ich eine etwas
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| menschlichere Beziehung zwischen dem Herrn u. mir herstellen. Wie?
Gestern um 11 hatte ich einen leichten Schwächeanfall. Ich werde etwas vorsichtiger mit den Kräften umgehen. Von Freitag bis Dienstag den 13. Juni sind ja keine Vorlesungen. Ich werde Dich erst dann bitten zu kommen, wenn das Ende sichtlich bevorsteht oder geschäftliche Komplikationen eintreten, deren wir hier nicht Herr werden. (Eben war ein christlicher stud. rer. merc. hier, der mir einen guten Eindruck machte, allerdings kein bedürftigen. Nach dem Reinemachen soll er einziehen.) Wenn Du Zeit hast, erkundige Dich doch nach dem Fahrplan des beschleunigten Personenzuges zw. Frankf. u. Berlin. Im eiligen Falle aber fahre ja mit dem Dzug, am besten früh via Würzburg.
Das Paket halte ich zurück; aber den " Natorp" muß ich schicken. Anf. nächster Woche. Alle Deine lieben Nachrichten habe ich mit herzl. Interesse gelesen, auch wenn ich heut nicht darauf eingehe. Riehls nehmen an den Ereignissen sehr aus der Entfernung teil [über der Zeile] d. h. sie wohnen in Berlin.. Er liest, ist aber wieder von Furunkeln geplagt.
Hab tausend Dank u. innigste Grüße. Auch an unsre Freundin.
Stets Dein Eduard.

Deinen schönen Kuchen haben wir Himmelfahrt in der Pstr. gegessen.
[re. Rand, S.1] Ev. Joh. 14, 18-20 schlug ich zufällig auf.