Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 2. Juni 1922 (Berlin)


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2. Juni 1922.
Mein Liebes!
Morgen ist ein Gedenktag für uns, den ich im stillen mit Dir begehen werde. Darf ich Dich nun bitten, vielleicht am 2. Feiertag früh hierher abzureisen? Da am 2. Feiertag keine Post bestellt wird, erwarte ich Dich zu dem Abendzug (Dzug), der über Frankfurt nach 10 Uhr am Anhalter Bhf eintrifft, an der Sperre. Den Hausschlüssel werde ich vorher durch Susanne bei Ruges erbitten lassen.
Es kann sich nur noch um Tage, vielleicht auch nur um Stunden handeln. Das kräftige Herz leistet viel Widerstand, aber die Nahrungsaufnahme ist fast gleich Null; Schmerzen
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| werden wohl kaum empfunden. Oft Bewußtseinstrübung und meist Apathie. Aber er erkennt mich noch und bezeugt mir jedesmal seine Liebe, indem er planvoll jede Hand küßt. Sprechen kann er nur schwer, und es ist meist nicht zu verstehen.
Ich habe bisher alles tapfer bewältigt: jeden Tag um 3 im Krankenhaus, und dabei vollen Dienst bis in die Nacht. Aber nun sind Knoten aufgetreten, deren ich allein nicht mehr Herr werde. Es muß über die Wohnungsfrage beraten und beschlossen werden. Vorgestern ist der Student freudig eingezogen und hat sich auf den neu gekauften Bettüchern (925 M.) gebettet. Gleich in der ersten Nacht aber haben sich im Vorderzimmer Wanzen gezeigt. Daß sie
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| hinten noch waren, ist - mindestens kein Wunder. Abgesehen davon, daß ich nun den Studenten wahrscheinlich mit Entschädigung und Entschuldigung wieder hinauskomplementieren muß, fällt der Plan fort, selbst in die Wohnung zu ziehen. Heute aber ging mir der Kontrakt zu, für das nächste Jahr, unter den Bedingungen des Reichsmietengesetzes. Wie die Dinge liegen, empfiehlt sich wohl, die Möbel auf den Speicher zu stellen und eine Professorenwohnung abzuwarten oder zu Oktober* [Ende der Zeile] * (d. h. mit dem Suchen anzufangen.) eine andre zu suchen. Das Projekt Tante Grete könnte jetzt ev. unter anderen Voraussetzungen neu aufgenommen werden.
Jedenfalls brauche ich zu alledem Deine Nähe und Deinen Rat. Ich denke, daß
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| wir in 14 Tagen alles provisorisch eingerichtet haben, so daß Du Deine Arbeit nicht länger zu unterbrechen brauchst.*) [li. Rand] *) Es geht dir gewiß jetzt recht schlecht. Wenn Du aber jetzt nicht gut unterbrechen kannst, so werde ich Dir unmittelbar nach dem Ableben telegraphieren. Es kann ja immerhin auch noch einige Tage dauern, die Du dann gewännest.
Bring nicht zu schweres Gepäck mit. Und reise ohne zu große Anstrengung. Es kommt auf ein paar M nicht entfernt an. Hier fliegen seit 10 Tagen die Tausendmarkscheine.
Für heute nur dies. Viele Grüße an unsre Freundin. Und innigen Dank für alle neuen Opfer.
Beruflich geht alles gut.
Innigst
Dein
Eduard.