Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 6. Juli 1922 (Berlin)


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Berlin, den 6. Juli 1922.
Mein innig Geliebtes! Es sind wirklich mehr als 8 Tage vergangen, ehe Ich Dir einen Brief schreiben konnte. Aber es wird bei Dir ja wie bei mir gewesen sein: trotz täglichen Gedenkens keine freie Stunde, weil so viel liegen Gebliebenes zu erledigen ist. Möge das für Dich ohne Hast und ohne Schwüle abgegangen sein. Ist niemand außer Dir da, der das Haus hütet? Was macht Herr Dr. Gans? Was hörst Du vom Vorstand? Ist der Natorp angekommen? Und die überwiesenen 1000 M? Vor allem aber wünsche ich, daß nicht etwa wieder eine Halskampagne der Anfang war.
Meiner Karte von neulich ist nur nachzutragen, daß der Dienstag wider allgemeines Erwarten hier ruhig verlaufen ist. Aber die Stimmung hat sich doch geändert, dank der ungeschickten Taktik der Sozialdemokratie. Der Bruch ging vor 14 Tagen zwischen einigen Ultras von rechts und der Masse anständiger, friedlicher Bürger. Heute geht er zwischen Arbeiterschaft und Bürgertum. Man behauptet auch, die lange vorausgesagte Wirtschaftskrise sei da, die Banken hätten für 3 Wochen den Kredit gesperrt, die Weltmarktpreise seien erreicht u.s.w. Wie es aus diesem Zustande – Dollar 450 – für Deutschland ein Emportauchen geben soll, ist mir unerfindlich, es sei denn, daß einmal die feste Hand komme, die auch gegen die Masse etwas durchsetzen kann.
Vom Geburtstag will ich die Liste der Geschenke nachtragen: 4 Kuchen, Draeger, Rauhut, Guttm. immense Riehl. Blumen, darunter ein Fuchsiebaum vom Seminar. Witting: 2 Bände Dehio! Heyse: Binding, Unsterblichkeit, Guttmann Lou Andreas Salomé, Wallner: Trenck, Umdichtung der Divina comedia, Kiehm, Lou Andreas Salomé. Riehl Briefpapier, ein Tischtuch, Lore: eine kl. Eierpfanne u.s.w. u.s.w. Unter den vielen schönen Briefen ragte, wie ich Dir schon gesagt habe, die poetische Gabe v. Frl. Koch hervor. Ach ja: Susanne: Eierkognac mit Pfropfen u. Blumen.
Am Montag habe ich von 3–10 an Prüfungen gearbeitet Dienstag war ich von ½ 10 – ½ 9 unterwegs. Gestern von 11–11 (abends Dozentenversamml. mit neuem Stundenplan u. Vortrag von mir.) Wichtig war die Sitzung beim Universitätsrichter über die neuen Wohnungen. Ich habe die Zusage, daß ich bestimmt berücksichtigt werde. Aber es stellte sich heraus, daß die Wohnungen für "richtige" Professoren, d. h. mit vielen Büchern u. vielen Kindern, absolut unbrauchbar seien. Heinrich Maier hätte sie beinahe noch einmal umgerissen. Für seine
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| Ansprüche wird das nie etwas werden. Sein Lamento hatte aber die Folge, daß Umbau u. Ausbau des Dachgeschosses beantragt werden soll. Wahrscheinlich eine neue Verzögerung. Es heißt ohnehin: beziehbar zum 1. Oktober oder 1. November. 3 Leute, die mit dem Vorhandenen zufrieden sind (darunter ich) drängten dann darauf, daß ein Haus im geplanten Stil baldigst fertig gemacht werde. Dies ist nun leider in der Konstanzerstr. (also Westseite) geplant. Das dort links stehende Haus wird zuerst fertig, das am Hohenzollerndamm zuletzt. Lieber wäre mir ja, wenn ich in den Hohenzollerndamm käme. Denn der Westwind auf den freiliegenden Fenstern wird unerträglich sein. Am Montag ist noch einmal eine Sitzung.
Herr Steinkrauß war vorgestern da u. brachte die Mietsquittung; außerdem den gedruckten Zettel (Rechtsvorbehalt), daß vom 1. Juli an die gesetzliche Miete gelten solle. Es soll auch jemand "wegen der Wohnung" dagewesen sein. Näheres erfahre ich erst heute durch Susanne. Deren Schwester hat andauernd gegen 40° Fieber. Susanne reist Sonnabend ab. Ich fürchte nach Deinen Mitteilungen, daß das traurige Ferien für sie werden.
Am Montag rede ich 2 Stunden im Zentralinstitut vor Ausländern über "Zur Charakteristik der geistigen Lage in Dtschld". Dazu lese ich eben F. v. Unruh, "Ein Geschlecht" – gegen das die "Räuber" Jungfrauendichtung sind. Morgen Abend 9 Uhr nach dem Seminar ist Empfang bei Shepherds – hoffentlich hat dies Bild dann ein Ende.
Ich will jetzt – bei furchtbarer Schwüle – vorm. in die Stadt, um einer Diesterwegausgabe nachzujagen, und dann auf den Kirchhof wegen des Hügels. Hoffentlich höre ich bald Gutes von Dir. Durch das Fehlen der Zeitungen – hier erscheint nur ein "Arbeiterblatt" – hat man das Gefühl des völligen Abgeschnittenseins.
Kein Briefbogen würde groß genug und kein Wort inhaltvoll genug sein, um Dir zu danken, – was Du in den letzten Wochen wieder für mich gewesen bist u. getan hast. Ich nehme alles mit innigem Dank gegen die gütige Macht der Welt an, die mich so reich gemacht hat. Leb wohl. Auf Wiedersehen Anfang August, wenn nichts dazwischen kommt. Dein Dich liebender Eduard
[re. Rand] War Hermann bei Dir? Wohin kann man gratulieren?