Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 23. Juli 1922 (Berlin)


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Berlin, den 23. Juli 1922.
Mein innig Geliebtes!
Auf Deine beiden lieben Brief würde ich gern recht eingehend antworten. Aber Du kennst ja die Semesterabschlußsturme, und so laß Dir nur danken u. das Dringendste erzählen. Ich bin in Sorge, ob die Frau Ohnet kam, oder ob nun wirklich beide Wohnungen ganz Dir zur Last liegen. Und Dein Katarrh, die mangelnde Erholung, vielmehr forcierte Arbeit – das alles mißbillige ich. Aber que faire? Was soll man vor allem mit Dir machen, da Du unverbesserlich bist? Und der Vorstand, der kommt mir seltsam vor; oder sagen wir: er wird alt und schrullig.
Seit jenem beispiellos schwülem Donnerstag, an dem Du mit Hermann im Neckartal warst, bin ich mit meinen Kräften fertig; es wird täglich weniger. Ein paar verkürzte Nächte, das ewige Schwitzen, die mangelhafte Ernährung wegen der Hast beim Essen – es ist beinahe so, wie vorm Jahr. Nun will ich vorsichtiger sein u. die letzten Tage hier mich nicht so furchtbar abjagen. Die paar Vorlesungen bis zum 3.VIII. werde ich ja noch schaffen. Aber meine geistige Spannkraft ist verbraucht. Ich halte eben 12 Wochen hintereinander niemals aus. Bestimmtes fehlt mir übrigens nicht.
Am 14. war ich auf dem Kirchhof (wo ich übrigens zufällig Ludwig traf) und pflanzte auf jeden Hügel eine Fuxia. Der Kies, den ich 10 Tage vorher bestellt hatte, war noch nicht gestreut, doch sollte es am 15. früh geschehen. (470 M zusammen) Frau Preßler hat ihre 800 M auch "kassieren" lassen. Ferner habe ich noch für ca 3000 M Wäsche gekauft, auch für die Küche.
Bei strömendem Regen habe ich mir das neue Haus neulich angesehen. Das am weitesten vorgeschrittene (in der Konstanzerstr. Nr. 1) <Skizze der Straße mit anliegendem Hohenzollerndamm, incl. Hausnummern 1–4> hatte bereits das Dachgebälk, Nr. 2 war bis zur Mitte des oberen Geschosses, Nr. 3 bis zur Decke des unteren, Nr. 4 bis zur Kellerdecke. Es wird also wohl für mich Nr. 2 am vorteilhaftesten sein. Wenigstens hat es ein wenig Schutz. Nr. 1 links paterre wäre schauderhaft, wegen offener Nordwand! Wahrscheinlich bekomme ich paterre. Und das ist ziemlich unheimlich. Denn wie ich festgestellt habe, sind gegenüber Fuchslöcher u. in der Nähe verwilderte Plantagen. Wer schippt uns im Winter raus? Ich habe eine ungefähre Zeichnung der unteren Wohnung links gemacht.
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| Ich reflektiere aber mehr auf rechts.
In der Pestalozzistr. war ich seit Deiner Abreise nicht. Aber es hat sich etwas gerührt. Das Ministerium schickte mir als Reflektanten den neuen Universitätsturnlehrer (Studienassessor), netten Menschen, jung verheiratet. Ich machte ihm zur Bedingung 1) durch s. Bemühungen beim Wohnungsamt mein Anrecht auf keine Weise zu gefährden (also Vorsicht!) 2) mir unbedingtes Vorzugsrecht zu lassen, bis ich in d. andre W. einziehen könne u. wolle. 2 Tage später bat er mich, doch schon ein paar Sachen einstellen zu können u. dort als garcon wohnen zu können. Dies war mir natürlich sehr recht. Aber ich muß ihn mir noch erziehen. Ich gab ihm an dem Tage alle Schlüssel; er zog vergnügt ab. Eine Woche lang hörte ich nichts von Ob u. Wie. Schießlich hinterließ er bei Frl. G. die Schlüssel mit frdl. Gruß: er sei auf ein paar Tage verreist, habe aber die Wohnungsschlüssel mitgenommen. Zur Zeit habe ich also keinen Wohnungsschlüssel. Das muß natürlich geklärt werden. Er muß sich verpflichten, ab 1.VIII. jede Nacht wie Steinkrauß die Wohnung zu bewohnen u. natürlich auch einen bescheidenen Beitrag Miete zu zahlen.
Heut vorm. waren Adelheyser bei mir. Ich soll Trauzeuge sein. Die Hochzeit ist am 7. Vor dem 8. wäre ich ohnehin nicht reisefertig gewesen. Nun wird es der 9. Dann möchte ich mich gern ein paar Tage in H. erholen, u. dann auf die Suche für uns beide gehen, falls wir noch nichts Festes haben. Aber wenn Du Zeit finden solltest, so schreibe doch mal: 1) nach Bernau (Schwarzwald) Goldner Löwe. Dort bezahlt Pfarrer Herbrechtsmier 120 M Pension. Platz soll sein. Ich fürchte nur die Zimmer. Ev. <unleserl. Wort> Ausquartierung. 2) an den Mohren auf der Reichenau. 3) nach Langenargen. Frl. Ella Schwarz schreibt heute aus St. Blasien. Monalili ist in Albbruck. Wir dürfen zusammen [über der Zeile] für alles! pro Tag 450 M ausgeben. Mehr wäre vor dem Umzug nicht ratsam.   NB. Ende September habe ich in Cassel Vorträge zugesagt. Oktober will ich noch mal reisen, weil ich keine Wohnung haben werde. Näheres läßt sich noch nicht sagen.
Für m. Dispositionen wüßte ich gern 1) wo die von Deiner Frau H gewaschene Wäsche aus der Pestalozzistr. jetzt ist. 2) wo der Vorhangstoff ist. Wahrscheinlich kaufe ich Morgen noch Stores. Und Frau Ewert soll Brennmaterial hamstern.
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Susannes Schwester befindet sich nach Embolie, Lungenabsceß, Trombose [über der Zeile] <Bogen von Embolie nach Trombose, Fragezeichen über beiden Wörtern> angeblich fieberlos aus dem Wege der Besserung. Die Schule hat doch leider für sie mit einer rechten Niederlage geendet.
Die Studiengemeinschaft hat gut geschlossen. Am Donnerstag waren wir noch bei dem Vertreter des Ministers u. fanden viel Anerkennung u. Wohlwollen. Der Eifer der Hauptteilnehmer ist geradezu ergreifend; selbst bei den alten Herren! Und ein paar beweisen durch ihre spontane Themenwahl, daß sie die rechten sind.
Die "philosophische Fachschaft" hat mir von Jena aus in einem Brief, unter den Vertreter der verschiedensten Universitäten (d. h. Studenten) unterschrieben waren, ihre Zustimmung zu dem "Aufruf an d. Philologie" erklärt, der als Schluß vorgelesen worden sei.
Troeltsch kommt für die Dekanatswahl in Betracht. Ich fürchte nur, daß er keine Majorität bekommt u. daß man, da ich beliebter bin, mich doch noch als Gegenkandidaten aufstellt.
Gestern war ich mit Gusti, Prof. d. Soziologie in Bukarest, altem Freund u. wirklich lieben Menschen, und mit Ludwig in Potsdam (Meierei, Sanssouci.) Es war sehr nett u. harmonisch.) Frau Shepherd plagt der Ehrgeizteufel. – In einem Notendissens beim Dr. rer. pol. über eine Diss. bin ich als Schiedsrichter angerufen u. habe in stundenlanger Arbeit bis jetzt 3 Bücher festgestellt, aus denen der Vf. der Arbeit, die der 1. Referent laude valde laudabile genannt hat, wörtlich große Partien abgeschrieben hat. Am 16. war ich – unangemeldet – bei Frau Paulsen zu Mittag (76. Geburtstag.) – Joh. Wezel geht nach Hellwangen bei Freudenstadt. Für die Ferien habe ich einen fruchtbaren philos. Gedanken. – Kannst Du mir nicht die losen Blätter der Rousseaueinteilung schicken?
Es geht mir wie Dir: ich fühle mich – verwöhnt wie ich bin, jetzt recht einsam hier. Aber es sind ja nur noch 2 ½ Wochen. Nimm mit diesem ungeordneten Brief vorlieb. Du weißt ja, auch was nicht drinsteht. In täglichem Gedenken innigst
Dein Eduard

[re. Rand] Soll ich Geld schicken, oder kommst Du bis 10.III aus?

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|<Beilage: auf S. 2 erwähnte Skizze der Wohnung>