Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 4. August 1922 (Berlin)


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Berlin, den 4. August 1922.
Mein innig Geliebtes!
Dein letzter lieber Brief hat mich durch die Nachricht von manchen Überanstrengungen und Unpäßlichkeiten recht bekümmert. Die dreitägige Ruhe hätte ich Dir schon gewünscht, aber nicht mit Hexenschuß. Es tat meinem Herzen innig leid. Mein Verstand allerdings meinte dazu, wunderbar sei es nicht, wenn Du ihn hättest, sondern mehr, daß Du ihn bei den regelmäßig offenen 3 Luken nicht schon längst hattest. Und nicht einmal von Besserung ist etwas zu spüren, wenn Du schreibst, daß Dir wenige Tage darauf der kühle Nachtwind beim Schreiben die Lampe auslöschte. Man sieht sich etwas mehr vor.
Bei den "Gänsen" mußt Du einen Sonntag - vormittag - Besuch machen. Dabei aber würde ich sehr freundlich sagen, es sei - dieses Jahr oder dauernd - Dein Grundsatz, keinerlei Gesellschaft zu besuchen, weil Du angegriffen wärest oder überlastet oder zu viel eingeladen oder u.s.w. Aber der Besuch ist unumgänglich.
Ich will heut nur kurz das Nötigste berichten. Dies wäre schon längst geschehen. Aber ich war physisch und moralisch ganz unten. Nahm alles sehr schwer und fühlte mich abnorm vereinsamt. Alle Energie fehlt mir noch heut, und es wird wieder werden wie voriges Jahr, daß Du eines Tages mit mir die Geduld verlierst. Aber ich habe alle Kraft, die ich hatte, in dies schwere Semester gesteckt. Große Sorge hat mir bis heute früh die Pestalozzistr. gemacht. Ich dachte schon, daß sich meine Reise dadurch verzögern würde. Aber nun war heute der Gerdes da u. hat versichert daß er nachts immer dort schlafen werde etc. Wo ich meine vielen Einkäufe hinbringe, die hier sind (auch Aluminiumgeschirr) weiß ich noch nicht. Schade, daß Susanne erst am 13. kommt. Sonst könnte ich ihr die Sachen geben.
Es steht nun fest, daß ich nicht vor dem 1.XI einziehen kann (Wenn! cf. politische Lage!!) Und vorläufig bleibt es bei parterre in der Konstanzerstr.
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| 1. Haus v. Hohenzollerndamm
, rechte Seite!) Ich denke, daß ich am Kurfdamm bis 1.XI. bleibe. Es wird nicht teuerer als zweimal umziehen.
Am Mittwoch war ich mit "dem" deutschen Admiral Trauzeuge bei Heyses. Bergstr. 3. Natürlich muß ich sonst noch viel erledigen. Ich will es nicht übertreiben, kann mich aber auch nicht so abhetzen, wie voriges Jahr. Geht es nach m. Wunsch, so komme ich mit dem Früh Dzug über Frkft. am Mittwoch Abend an. Handelt es sich um eine Kleinigkeit, schreibe ich rechtzeitig eine Karte, daß ich erst mit dem Nachtzug fahre, oder später. Hoffentlich aber nicht. Wird es wieder etwas warm, so können wir wohl noch in die Berge. (Es gibt im Auskunftbüreau einen badischen Hotelführer mit den Julipreisen! für 5M.) Andernfalls bin ich für den Bodensee, der unsrer Seele wohltun wird. Wie steht es mit Langenargen?
Mit Hermann war ich kurz zusammen. Freute mich herzlich über ihn u. über seine beiden wirklich prächtigen Jungen. Er hörte das letzte Psychologiekolleg. Seine Mutter ist ein bißchen älter geworden. Dieter hatte ein bißchen geschwollene Mandeln.
Brauche ich bestimmt keine Hemden außer 1 Nachthemd u. 1 Taghemd im Koffer? Zucker ist besorgt. Wann kommt A. Knaps zurück, die seltsame? wird immer schraubiger.
Beinahe hätten sie mich zum Prokonzillar für den Dr. rer. pol. gemacht. Habe abgelehnt. Troeltsch ist Dekan. Weitere Einzelheiten lieber mündlich. Ich will jetzt in die Stadt. Frl. Guttmann reist heut Abend. Sorge so viel Du kannst für Deine Gesundheit, dann sorgst Du auch für mich. Du weißt, daß m. Anwesenheit immer besondere Anstrengungen für Dich bringt. Ich bin sehr ungeduldig, Dich zu haben, und grüße Dich innigst.
Stets Dein
Eduard.

[] Heut 5800 M Steuern Rest für 1921 bezahlt.
Codizill noch nicht erhalten.