Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 31. August 1922 (Reichenau)


Zum 31. August 1922.
Spätsommernacht. In sanftem Mondlicht ruht
Die Insel, die wir lieben. Fern erglimmen
Von Radolfzell die Lichter; späte Stimmen
Verklingen leis', und silbern schweigt die Flut.
Uns trennen Jahre voller Schmerz und Blut
Von jenem Blütenfrühling; wir erklimmen
Gealtert diese Höhe. Nun verschwimmen
Die Zeiten uns, als wär' noch alles gut.
Noch strömt der Rhein, noch glüht der Rebensaft,
Noch reift die Frucht, noch klingt das deutsche Lied,
Noch lebt die Sehnsucht. Wohl! auch unsre Kraft
Drängt noch zum Wirken; durch die Seele zieht
Ein neuer Glaube, alte Leidenschaft:
Noch hab' ich Dich, Dich, bis das Leben flieht.
Reichenau-Hochwart, 27. August 22.
Eduard.