Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 7. Oktober 1922 (Berlin)


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Kurfürstendamm 262, den 7.X.22.
Mein innig Geliebtes!
Deine beiden lieben Briefe zu beantworten und die Fülle des Berichtenswerten nachzuholen - das wird nur allmählich gehn. Es ist heut schon spät, aber ich fange doch noch an, und zwar mit dem Dank für Dein liebes Geleit mit Worten und Taten. Das Packet ist auch schon da.
Das Schönste, und stellenweise ja das allein Schöne der Reise war das Zusammensein mit Dir. Nächstdem aber kommen die Casseler Tage, die einen seltenen Glanz hinterlassen haben. Sie waren zugleich erhebend und poetisch. Dies konzentrierte Leben mit Kerschensteiner und Litt war wie eine Erweckung. Wir alle 3, besonders auch Litt, waren ganz selig.
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| Übrigens hat es mit Ausnahme des Dienstag immer geregnet.
Bis Montag Nachm. bist Du orientiert. Um 5 war ich mit Kersch. bei Oberschulrat Bär zum offiziellen Tee, bei dem wir beide sehr gefeiert wurden. Ganz neu waren mir für Cassel die Töne des Oberregierungsrates: wir lassen uns von Berlin nicht dreinreden! Kersch. sprach u. schloß mit Tränen. - Abends waren wir in unsrer nahrhaften und gemütlichen Villa bei billigem Dürkheimer trotz Ziertmann recht lustig. Im Bett von ½ 10 bis 10 bereitete ich mich noch vor. Am nächsten Morgen waren wir alle um 8 im Rg, - im Vorbeifahren blickte ich immer gedankenreich in unsre Straße -, Kersch. hielt s. Schlußrede, anscheinend nicht die packendste. Dann kam Litt, der meisterhaft, aber ein wenig zu formal gewandt und kühl sprach. Dann meine beiden Stunden.
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| Der gute Onkel hatte sich wie zur ersten (und wie zur 4.) eingefunden. Ich mutete den Hörern viel zu, hatte aber ungeteilte Aufmerksamkeit und den ungeteilten Beifall von Ziertmann. Zu Mittag waren wir noch einmal alle vereint, wieder sehr heiter, besonders als ich Haeberlin in Basel eine Dementia postcox andichtete. Gleich nach dem Essen ging ich mit Litt in reichem Gespräch über Möllers Ruhe, Asch, Haus in der Sonne, Herkules, Fuchshöfer, Mulang. Es war sonnig u. farbenprächtig. Von ½ 6-7 bereitete ich mich vor. Inzwischen war der Sozialdemokrat Woldt aus dem Berliner Kultusm. angekommen. Er hielt einen schwach besuchten u. sehr mäßigen Vortrag über Arbeiterbildung, den wir mitanhörten. Um ½ 10 bildete sich ein Zug der "Päd. Arbeitsgem." zum Ev. Hospiz. Dort gemütliches Beisammensein. Ich entging den I. u. bei recht guter Laune blieben wir dort
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| bis zur letzten Elektrischen. K. u. Litt sprachen. Ich schwieg. Um 1 kamen wir 4 - denn Ziertmann war weggeschnorchelt - nach Hause. Litt mußte am Mittwoch 2 Stunden von 8 - 10 sprechen. Auch K. stand so früh auf, während ich bis 8 liegen blieb u. dann noch m. Kolleg machte. Um 10 mußte Kerschensteiner fort. Ich hielt den letzten Vortrag übhpt u. schloß mit allgemeinen Abschiedsworten (die Glocken, die den Kursus ausläuteten, seien auf das reine K gestimmt: Kursusteilnehmer, Kersch. Küster. Als ich alle gefeiert u. geschlossen hatte, wollte der Beifall nicht enden.
Ich aß noch mit Litt u. dem Sozi. Dann reiste auch Litt, der wünschte, daß wir 3 uns nur noch als Ensemble verdingen sollten. Auf m. Zimmer lagen herzliche Abschiedsworte von Kersch. - Ich schrieb mehrere Briefe. Um ½ 5 holten mich Bär u. Muthesius zum Spaziergang
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| ab. Wir gingen kreuz u. quer in dem schwülen, regenschweren Park, schulpolitische Reden führend. Leider habe ich dabei den guten Muthesius auch angegriffen, weil ich glaubte, s. finstere Stimmung gelte mir. Endlich unten in Wahlershausen kam er mit bitteren Worten heraus. Er hat s. Amt aufgegeben, anscheinend im Kampf mit der radikalen thür. Regierung, und ich habe dem ehrlichen, aufrechten Freunde mit Wort und Gedanken schweres Unrecht getan.
Um ½ 8 war ich beim Onkel, wie verabredet. Rudi empfing mich, ein hübscher, etwas klotzig wirkender junger Herr. Dann kam der Onkel, dann das I, und dann die Ida. Es war so lieb von ihm, mich einzuladen trotz der schweren Hausnöte u. Hofgeismarer Sorgen. Wenn ich ihn im Hörsaal vor mir sitzen sah, fühlte ich in diesem feinen, leidenden, greisen Gesicht die ganze Tragik des Lebens, seines Lebens.
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| Aber eine gemütliche Unterhaltung über Familiendinge war ganz unmöglich. Drüben quatschte das Ih seine Reden, die es nie logisch zusammenbringen konnte, neben mir schwieg teilnahmlos die stechend-blickende Tante. Der Junge war nett, - aber trotz aller Lebhaftigkeit des Gespräches haben wir von nichts gesprochen. Die Ida verdirbt die Atmosphäre durch ihr bloßes Dasein - vielleicht kann sie nicht dafür.
Überhaupt hat mir in Cassel die Stille gefehlt, unsren lieben Erinnerungen an die unvergeßliche Tante nachzugehen. Aber im Eßzimmer stand der Wasserkrug aus meinem Zimmer und erzählte so viel.
Um 12 kam ich nach Haus, fand im Dunkeln kaum die Tür. Ich schlief gut u. lange, konnte kaum noch packen u. fuhr nachdem ich für 4 Tage - 150 M bezahlt (u. 4000 bar erhalten) hatte, mit dem Sozi in
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| strömendem Regen zur Bahn. Bis Halle, wo er ausstieg, haben wir uns friedlich und gut unterhalten. Bis Berlin las ich Korrekturen. Um ½ 6 war ich da, von Susanne empfangen.
Wir fuhren nach der Ansbacher Str. u. aßen dort, das Nötigste beratend. Um 8 ½ war ich zu Hause. Frl. Guttmann, ohne Mädchen, empfing. Ich sah am gleichen Abend noch den ungeheuren Stoß von Sachen durch, der mich erwartete. Dringendes war kaum dabei. Am Freitag 9 - 12 erledigte ich einiges, besonders Korrekturen. Nachm. besah ich mit Susanne die neuen Häuser, die sich um 3 vermehrt haben, aber nicht nennenswert weiter gekommen sind. Um ½ 6 war ich bei Frau Ewert. Die Unterredung befriedigte mich nicht ganz. Sie war nur zögernd mit 1000 M einverstanden, meinte, man könne dabei nicht reich werden etc. Aber am Montag wird sie kommen. Ich habe ihr als Miete für die Bezüge
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| ihres Bettes 100 M versprochen (bis die bunten kommen, wenn es Dir recht ist), habe ihr also 1100 M Gehalt gegeben und 2000 für Einkäufe, da es Montag schon wieder teurer ist. Abends aß ich mit Tante Wally, die viel von Ihrem Neffen erzählte (soll nach Davos) und las von ½ 11 bis 12 Korrekturen. Heut bei schöner Sonne mit Susanne nach der Pestalozzistr. Wir fanden (als zweiten) einen recht vertrauensweckenden Maler. Er riet selbst zur Sparsamkeit. Mit ca 15000 M aber bekomme ich das Nötigste gestrichen. Den Rest muß ich dann für andere Reparaturen zahlen. Dienstag wird angefangen. Gegen 6 Stunden haben wir altes Papier zusammengekramt, viele Kilos. Dabei habe ich gefunden, was ich Dir hier beilege. - Es ist nun aber sehr spät, u. ich muß schließen. Morgen ist Ferienschluß mit Tagestour mit Susanne. Denn m. Zimmer ist ungeheizt, u. zu essen bekomme ich hier auch nichts. Also noch ein herbstlicher Blick ins Freie. Ich will nur noch <Kopf> sagen, daß m. Zähne nicht in Ordnung sind. Links ist noch geschwollen, <li. Rand> anscheinend steht eine neue Kieferspitze heraus, die ungeheuer temperaturempfindlich ist. Hab Nachsicht, <re. Rand S. 5> wenn ich auf Deine lieben Zeilen heut nicht eingehe. Du weißt, wie ich sie innerlich mitlebe. Innigst <Kopf > Dein Eduard.
[Fuß] Unsrer Freundin 1000 Grüße
[re. Rand S. 1] Lebensformen kosten jetzt - 750 M; ein ganzer Stoß soll verkauft gewesen sein, ehe ich nach Cassel kam.