Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 23./24. Oktober 1922 (Charlottenburg 4, Pestalozzistr. 9a)


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Charlottenburg 4, Pestalozzistr. 9a.
Den 23. Oktober 22.
Mein innig Geliebtes!
Nach einer Stunde ermüdenden Herumgeturns ist es mir endlich gelungen, Deine Lampe, mit der niemand umzugehn versteht, soweit in Ordnung zu kriegen, daß ich notdürftig sehen kann. Es ist der erste Abend in der neuen Wohnung (denn gestern war ich bei Susanne.) Ich will Dir einiges erzählen. Doch zuvor laß Dir danken für die liebe Sendung, die mich hier empfing, als ich gestern früh "endgiltig" hierhin übersiedelte. Was ich beginne, geschieht in Gemeinschaft mit Dir. Deine Nähe zu fühlen, ist mir Trost in jeder Einsamkeit. Und wo wir auch sind, verbindet uns "unsre Insel", oben am See wie unten
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| am Neckar, wie hier.
Alle Zimmer, mit Ausnahme des Berliner Zimmers, sind jetzt "im ganzen" in Ordnung. Dabei hat sich nun die Merkwürdigkeit herausgestellt, daß mein Arbeitszimmer unsagbar klein ist. Der Schreibtisch steht, wie früher der andere, nur mehr ins Zimmer hinein. Mir gegenüber die ganze Wand ist mit den 4 Regalen in eine große Bücherfront verwandelt, die aber beängstigend nah an den Schreibtisch heranrückt. Rechts unmittelbar neben der ausgezogenen Platte beginnt der Tisch. In s. Fortsetzung steht der große Aktenschrank unter der Uhr. Hinter mir steht das Sofa, in der Fensterecke neben ihm der Turm Kasten, die wir zusammen gekauft haben. Der Bücherschrank u. der kl. Aktenschrank in der Ecke - zwischen beiden Türen. 2 Sessel u. das Büchergestell
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| und 4 Stühle - es bleibt fast gar kein Raum. Dafür hat das Schlafzimmer viel Raum. Ich beschreibe von der Balkontür aus, wenn ich hinaussehe: links erst das helle Vertikeau, dann das Bett längs an der Wand und der Waschtisch. Vor der Tür nach der Treppe, der braune große Schrank, der mit einem Schrubberstiel in einen Kleiderschrank verwandelt ist. Die Kommode vor dem unreparierbaren Loch im Parkett, der alte Kleiderschrank wie bisher und ebenso die Chaiselongue, die durch eine aufgelegte Matratze und 2 Decken ganz brauchbar geworden ist.
Es fehlen: ein Arbeitszimmer Teppich u. Beleuchtung; denn die Krone muß erst gereinigt werden. In jedem Fall hängt sie zwischen beiden Tischen. Keine Uhr ist in Gang zu bringen; will es zunächst mit Petroleum versuchen. Ein Linoleumvorleger für Waschtisch
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| muß gekauft werden.
Die Küche blitzt und ist sehr hübsch, der alte Aufspültisch ist zersägt worden. Dadurch ist mehr Raum. - Badestube - hu! Zimmer v. Frau E. habe ich im Endzustande nicht gesehen, schien aber auch ganz gut. Die Hausklingel funktioniert garnicht; Treppenbeleuchtung auch vor 8 fehlt ganz.
Mit einem Wort: es ist u. bleibt eine Halbheit. Und es ist natürlich gekommen, wie ich wußte: Aus den Wänden u. Möbeln starrt mich etwas "Belastetes" an, das mich, solange ich nicht über u. über in Arbeit stecke, nicht zu dem Gefühl des Heimischseins kommen lassen wird. Ich habe so viel wie möglich von Deinen Bildern aufgehängt. Die Stille ist bedrückend (gegen den Kurfürstendamm) und schon jetzt am 2. Tag plagt mich eine Monotonie, die aber vielleicht im Semester besser wird.
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Der Verlauf war so: Punkt 8 am Mittwoch war ich mit allem Packen fertig. Mit ½ Stde Verspätung kam der Wagen mit - 2 Mann (einschl. Kutscher), von denen der eine sich gleich krank meldete u. durch einen andern ersetzt wurde. Die beiden waren tüchtig, brauchten aber natürlich 3 ½ Stunden zum Aufladen. Um 2 waren sie schon vor mir in der Pstraße u. um 6 endlich waren sie fertig. (6000 + 600 Trinkgelder.) 2 Studenten hinderten mich unter dem Vorwand des Helfens an dem sachgemäßen Einräumen. Donnerstag u. Freitag habe ich die Bücher eingestellt, erschwert, weil das 5. Regal entzweigegangen war. Donnerstag Nachm. las ich 2 Stunden. Freitag Abend bis 1war ich mit Goldbeck bei 1 ½ Fl. Rotwein bis 1 zusammen. Sonnabend vorm wurde mein Zimmer fertig. Abends spielte ich zum 1. Mal Frl. Guttmann Klavier vor u. dann mit ihr 1 Symph. von Mozart u. 1 von Beethoven excellent 4 händig zu beiderseitigem
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| großem Genuß. Gearbeitet habe ich außer der Korrespondenz fast nichts. Sonntag um 10 begleitete mich Frl. G, mit der der Abschied wirklich gut war (ich schenkte ihr für 2000 M Dehio Bd. 1 u. 2.) bis Bhf. Tiergarten. Der Diener des philos. Seminars hängte dann Bilder an u. organisierte das Nötigste sehr geschickt. (362 M.) Die Malerrechnung betrug 12 500. Gestern Nachm. war ich mit Susanne via Heinersdorf in Pankow (Linder), abends bei ihr. Frau Ewert kocht sehr gut u. zeigt überwiegend erfreuliche Eigenschaften. Wir werden uns schon verständigen. Aber das erste Essen im elterlichen Hause mit der alten bürgerlichen Vornehmheit kam mir fast wie ein unerlaubter Luxus vor. Heut vorm. habe ich wegen der katastroph. Preissteigerung für 2500 M Vorräte in der Wirtsch. gem. gekauft. Nachm. hatte ich mit
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| Becker eine mich befriedigende Stunde im Min. Wir sind über die Formen der Lehrerbildung jetzt einig, im Sinne meines Vorschlages (so auch der Minister.) Aber der Finanzminister will unter keinen Umständen an dieses Projekt heran - er will nicht einmal das Abitur für die W.-Sch Lehrer bewilligen. Davon später mehr. Heut Abend wollte ich arbeiten, konnte aber nicht genug sehen.
Elisabeth Lüpke hat sich zu m. Freude nach Offenbach verlobt.
Riehls hatten mich zu gestern abbestellt, während gleichzeitig ich abgesagt hatte. Diese Epoche ist nun also vorbei, und ich komme mir deshalb doppelt vereinsamt vor.
- Eben habe ich ½ Stunde Deinen lieben Brief gesucht, den ich in m. Schreibtisch gestern sorgfältig verschlossen habe. Er ist nicht zu finden, trotz aller Mühen. Natürlich ist er da, aber wer weiß, wo ich er sich zwischen geschoben hat. Heut
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| Abend ist es aussichtslos. Ich kann deshalb nur sagen, daß ich an Euren gemeinsamen Unternehmungen (Busch, Mittelstandsverkauf, bes. Insel, die Du so wunderschön aufgefaßt hast) innigst teilgenommen habe. Wir werden zusammen auch über diesen schweren Winter kommen. Sus. hat eben aus der Kurf. str. das Paket geholt. Ich soll Dich vielmals grüßen. Diesmal war Hilde krank; die beiden älteren sollen gesund sein. Das mit dem Doktor ist ja seltsam. Und die neue Stütze also wandelt sich so schnell! Der Dr. bezahlt doch weiter? Oder entsteht dem Vorstand daraus ein Nachteil?
Frau Lou Andreas habe ich kurz besucht u. fand sie gealtert, mit Zügen starken Leidens, ohne Lebendigkeit, in wenig anziehender Gesellschaft. Vielleicht gehe ich noch mal hin. Für heut muß ich schließen. Ich habe zu allem Zahnschmerzen. Gut Nacht, mein innig Geliebtes! Morgen früh soll dieser Dröselbrief fort.
Stets Dein Eduard.

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24.X.22.
Guten Morgen! Ich habe in der Nacht durch Aspirin m. Zahnschmerzen bekämpft u. bin ziemlich zerschlagen. Wenn ich nur Deinen Brief finden könnte. Ich bin gewiß, ihn im Schreibtisch verschlossen zu haben; er muß da irgendwo hineingerutscht sein. - Ich wollte noch sagen: das Briefmarkenalbum ist noch da, ein Objekt vielleicht von Tausenden. Der Schweizer Vetter v. Gerdes reflektiert drauf. Sollte er von sich aus 5000 bieten, gäbe ich es fort; denn
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| eigentlich ist es ein "Fund". Heut Nachm. 1. Sprechstunde. Muthesius kommt ausgerechnet Donnerstag. Freitag spricht die Montessori. Es wird nun wild hier. Dabei macht die Wirtschaft immer noch Wirtschaft. Die Sonne hier, besonders schon morgens, ist herrlich. Ich muß jetzt nach dem Kurfdamm u. dann zur Bank. Jeden 3. Tage hole ich 10 000 M.
Viele innige Grüße
Dein Eduard.

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Lieber Wehrhan! Eben hat der Brief sich gefunden, ganz dicht bei der ordnungsmäßigen Stelle. Ich war ganz verzweifelt. Nun muß ich eilen.
Dein E.