Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 4. November 1922 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, den 4. November 22.
Mein Geliebtes!
Deine beiden großen Packete, Deine beiden Briefe und soeben noch Deine Karte sind bei mir angekommen. Am meisten von allem hat mich natürlich der Gral und sein Inhalt beschäftigt. Ich habe Tagelang darüber nachgedacht, aber ich habe – nach den ganz dunklen Andeutungen, die Du machst – nicht zur Klarheit kommen können, was Du meinst. Am allerwenigsten verstehe ich, wo ich irgend etwas von Schuld in Dir suchen sollte. Ich sehe davon nichts. Wäre aber eine Schuld jemals in Dir gewesen, so weiß ich, ohne Fragen und Forschen, daß Deine Seele rein ist bis in die letzte Tiefe und daß durch Leid und Kampf längst geläutert ist, was einst stürmisch und dunkel war. Für mich gibt es in Dir nichts zu klären, nichts zu entsühnen, – ich kenne Dich.
Daß ich nicht jede äußere und innere Wendung Deines früheren Lebens kenne, habe ich nie als ein Nichtkennen empfunden. Ein "Neues" könnte mir da nicht entgegentreten. Und so bitte ich Dich, halte es auch mit dem, was Dich gequält hat, so: schweige
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| davon, wenn Du nicht mehr sagen kannst – ich meine dies können hier einfach als "sich durch Worte verständlich machen" – als jenes symbolische Fläschchen enthielt. Kann es Dich aber befreien, Dich auszusprechen und alles noch einmal in Klarheit vor Dir selbst und dem Stück Deiner Seele, das "ich" bin, zu durchleben, so sage mir mehr, sage mir so viel, daß ich antworten kann, ohne Dich durch Mißverstehen vielleicht neu zu verwunden.
Waren es Deine religiösen Kämpfe, so sehe ich darin allerdings nur des Lebens Los. Ich würde als "Reifer" (wer aber darf sich so nennen?), einem jungen Menschen eher die alten Wahrheiten überliefern, als es wagen, mein Persönlichstes, oder eine unerprobte Zeitwahrheit zu geben. "Man" hat getan, was gut und recht war. Denn man hat Dir das alles nicht gegeben, damit Du es so verbrauchtest, wie Du es empfingest, sondern damit Du daran wüchsest.
Du bist nun gewachsen. Denke, wo Du 1903 noch standest. Damals war eben das Deine Wahrheit. Es lag kein Grund vor, unversöhnlich zu empfinden, daß man den letzten Schleier nicht vor Dir fortnahm, den
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| "man" doch selbst nicht fortzunehmen wußte. Es blieb Verbitterung und Entfremdung in Dir. Es ist vielleicht unser Schicksal, daß wir das, was wir Menschen Unrecht tun, an ihnen selbst nicht wieder gut machen können. Aber wir können es an andern, oder, da es ja diese "Stellvertretung" nicht gibt, wir können das Unrecht, das wir uns selbst durch Härte und Zürnen tun, an uns selbst wieder gut machen. Ich bin gewiß, daß Du das getan hast, – auch wenn ich nicht gerade derjenige wäre, der Deine Reinheit und Deinen Reichtum so tief erfuhr. Ich weiß, es ist in Dir nichts Dunkles, – außer jenen Schatten, die in jeder Seele vorüberhuschen; aber indem wir sie als Schatten erkennen, wird schon die Kraft gegen sie wach.
Ob ich Dich nun in all diesem verstanden habe? Ich wiederhole: Tatsachen zum Verstehen können mir fehlen. Neues an Dir sehen zu lernen, wird mir unmöglich sein.
Der "Gral" steht vor mir. Leide nicht mehr. Nur fruchtbares Leiden sollen wir "pflegen", und Deines hat längst seine Früchte getragen.
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Für allen andren Inhalt Deiner Sendungen kann ich nicht so danken, wie ich möchte; sonst wird dieser Brief nie fertig. An allem ist so viel liebevolle Arbeit, daß auch mein Dank nicht fertig werden könnte. Die bunten Bezüge habe ich zunächst zurückgelegt; denn in der Kurf-straße waren ja so viele, daß ich keinen Mangel habe. Das weiße Große dabei – sind das 2 Laken?
Es geht mit Deutschland jetzt schnell bergab – hoffen wir doch zu einer Lösung. Für den Fall eines kommunistischen Umsturzes ist weder die Bank noch der Privatort sicher. In diesem Fall verlieren aber die Papiere auch ihren Wert. Anders wäre es mit der Aufhebung von den Wertsachen auf der Bank: das heißt natürlich das "Suchen" bequem machen. Aber ich glaube an einen solchen Umsturz für Heidelberg nicht; auch ich habe alles noch auf der Bank. Beaufsichtige Deine Wohnung gut, das ist viel wichtiger. Die Mäntel sind ja durch Aufrufverfahren im Notfall wiederzugewinnen.
Von meiner Existenz wäre viel zu erzählen. Das Semester hat mit einem starken Ansturm von Menschen begonnen. Beide Vorlesungen sind besetzt wie nie. Im Seminar habe ich mit Mühe bei 70 Leuten abgebremst. Die Studiengemeinschaft ist wieder arbeitslustig beisammen.
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| Sehr gestört haben mich Zahnschmerzen, die eigentlich seit H. nie ganz fort waren. Als ich Heinrich u. Elisabeth Scholz besuchte, wurden sie unerträglich. Heut vor 8 Tagen erreichte ich Lubowski, der erklärte: chronische Wurzelentzündung [re. Rand] hat das <unleserl. Wort> als freiliegenden Zahnhals behandelt mit Gefahr der Kiefervereiterung. Er zog sofort, übrigens meisterhaft; kein Tropfen Blut floß. Dies war um ¼ 11 um 11 war ich dann im Seminar, um einen chines. Prinzen etc. zu empfangen. Nachm. Sprechstunde, abends Staatswiss. Gesellschaft mit ungeheuren Nachschmerzen absolviert. Am Sonntag tat es immer noch weh. Ein neuer Zahn (Augenzahn) war empfindlich. Am Dienstag stellt L. dort auch eine chron. Wurzelentzündung fest, die er aber erst am nächsten Dienstag durch Anbohren der Füllung behandeln will, um mich nicht zu sehr anzugreifen.
Soeben habe ich Deine beiden Teppiche gelegt. Das Zimmer ist nun fertig u. ganz nett. Heut Abend soll Gas probiert werden, zum ersten Mal (s. Beilage), und dann muß noch die Tischdecke heraus. Frau Ewert glaube ich inzwischen auch kennen gelernt zu haben. Ruhiges, fast gemächliches Temperament u. für die laufenden Dinge tüchtig u. ordentlich. Aber ihre Kräfte sind mit Kochen (immer Fleisch) u. Sauberhalten erschöpft. Es bleibt zu viel auf mir liegen. Verbrauch vom 9.X. bis 31.X. mit 13000 M scheint mir nicht unnormal, da doch ein Grundstock dabei ist. Die Vorräte für 2500 M von der Konsumgemsch. habe ich allein herausschleppen müssen (übrigens Stadtbahn Monat II. 360 M sehr billig.
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| Sie ruft immer gleich nach "Teppichklopfinstitut", "Uhrmacher" u.s.w. was sich z. T. einfacher machen läßt. 3 Uhren habe ich mit Feder u. Petroleum auf die Minute zum Gehen gebracht. Ein andres Beispiel s. Beilage. Was Du von der Lampe schreibst, verstehe ich schon; übhpt bin ich auch technisch nicht ungeschickt, aber es kostet Zeit. Die Dochte waren nicht abgeschnitten. Das mit dem Briefmarkenalbum will ich beachten. Vorläufig habe ich noch mit Wohnungsamt u. der Testamentssache für m. Vetter viel zu tun. Kein Nachm. außer Sonnabend ist frei. Bei Riehls war ich noch nicht wieder, auch sonst bei niemand. Das Schlafzimmer ist eigentlich das Schönste. Die "Gedanken" sind jetzt überwunden u. auch die Ungeziefersucht.
Gestern habe ich für 8500 M ein fertiges Beinkleid gekauft, das ich dringend brauchte. Außerdem für 900 M 100 Folibogen, 100 Briefbogen u. 25 Couverts. Steuern von ca 11 000 M sind fällig. Aber zu machen oder kaufen ist dann im Augenblick nichts. Das nächste wäre Aufarbeitung der Chaiselongue u. einer Anzahl jetzt nicht gebrauchter Stühle.
Die L.er Hochschule für Frauen ist wieder in einer Krisis. Ich las einen scharfen Artikel von R. Schmidt gegen Prüfer. Hier war die Montessori, die ich ebenso wie den Tee beim Minister geschwänzt habe. Für 1 Jahr Doktorprüfungen, 3 Diss. u. 3 Habilitationen erhielt ich – 320 M. Littmann als Assistent sehr gut. Wallner in Familienkrisis, verändert. Birkemeier unter Entbehrungen hervorragend tüchtig. – Aufsatz über Jugendbewegung für Handbuch geschrieben. Demnächst Sondervorträge. Aber ich muß heut noch sehr viele Briefe schreiben u. morgen zu Riehls. Das übrige daher das nächste Mal. Sei mir tausendmal gegrüßt. Ich lasse demnächst wieder überweisen. Dank für die Cakes.
<li. Rand> Wo haben wir s. Z. die Leuchter v. Schreibtisch u. die übrige Garnitur gelassen?
Mit Muthesius war ich zusammen, fein u. warm, aber ohne Kraft.
Grüße den Vorstand
Dein
Eduard.

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| <oben erwähnte Beilage>
Frau E: Die Krone ist schwarz u. verrostet, muß gemacht werden.
Ich:Wir müssen Herrn Koloscizik hören.
22.X:         Koloscizik: Die Krone wird Herr Prof. in die Fabrik schicken müssen, der Zug ist verrostet, muß neu galvanisiert werden.
23.X: Ich: Frau E., fragen Sie meinen Installateur.
25.X: Der 1. Installateur: wenn ich komme, mir das anzusehen, das kann niemand bezahlen.
27.X: Der 2. Installateur verspricht zu kommen u. bleibt aus
28.X:2 nette Universitätsleute machen in 20 Minuten die Sonderklingel mit 2 Elementen. (650 M.) Gutachten: Herrliche Krone, muß geputzt werden!
29.X:Frau E: was haben die Leute gesagt?
Ich: "muß geputzt werden"
Frau E. "muß geputzt werden?"
31.X.Professor Spranger kauft Sidol (43 M.)
1.XI. Prof. Spr. beginnt aus päd. Gründen zu putzen. Hat in 10 Minuten mit etwas Petroleum die Krone wieder zum Ziehen gebracht. In 1 Stde kommt oben heller Glanz heraus.
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| Frau E: Ich kann so hoch nicht rauftürmen.
(ist mit Tritt zu machen.)
2.XI. Prof. Spr. fährt 1 Stunde fort zu putzen. Ich: Sone Arbeit habe ich auch noch nicht gemacht.
Frau E: das ist auch ein großer Ehrgeiz von Ihnen. "Für Geld" wäre schon eine Frau zu haben gewesen.
Ich stumm.
4.XI.Prof. Sp. vollendet das Putzen (zusammen 3 Stunden.) Frau E. hat die losen Teile gereinigt. Die Krone glänzt.

Preis   43 M
Talent zum Einkaufen übersteigt den Durchschnitt nicht. Manche "feinere" Dinge sind unbekannt. Abends sehr früh Stille. Für größeren Betrieb reicht Intellekt anscheinend nicht aus.
Dank für die Kinderbriefe. Dieter ist intelligenter. Heinz doch noch sehr primitiv.
[li. Rand] Bis zum 1.XI keinerlei Treppenlicht!