Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 22. November 1922 (Charlottenburg 4)


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Charlottenburg 4, den 22. Novbr. 22.
Mein Liebes!
Dein lieber Brief vom 14. und die beiden Packete vom gleichen Tage sind glücklich eingetroffen. Es ist in keiner Deiner Sendungen irgendetwas zerbrochen gewesen. Ich habe alles in Dankbarkeit empfangen und alles dient zum Aufbau meiner sich ergänzenden Wirtschaft. Apfelgelee und das Gebäck habe ich heute bereits erprobt. Die 2 Gläser für die Kurfürstenstr. - waren es nur 2[über der Zeile] ? - werde ich gern abliefern - wann, das ist freilich eine Kalenderfrage. Und der Kalender ist so ziemlich bis zum 22.XII voll besetzt. Im Rechnen bin ich nun recht tüchtig gewesen. Bitte mach es nicht nur vom Porto abhängig, sondern laß auch ohne dies in dieser liebevollen Selbstausplünderung mal eine längere Pause eintreten.
Dein Plan mit Springer spricht aus,
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| was ich auch schon im stillen ins Auge gefaßt habe. Am Sonntag kommt ein "junger Mann" von ihm zu mir, den ich, wenn es paßt, einmal befragen werde. Aber er müßte doch Aufträge auch künftig auf die Entfernung geben. Denn eine Trennung von Deinen Sachen wäre doch zu traurig, und ein Umzug nach Berlin würde weit über Dein Vermögen gehen. Wir haben längst beschlossen, "unser" Heidelberg so lange zu erhalten, wie es geht. Du mußt nur immer schreiben, wenn Du Geld brauchst. Wenn Du nicht schreibst, schicke ich erst wieder Mitte Dezember. Der Mittelstandsverkauf war ja ganz günstig; aber man kann das nicht zuoft machen. Allgemein: in 3 Monaten sind wir mit oder ohne großen Krach über den Berg und münden in wirtschaftliche Gesundung ein. Das Steigen der Mark auf die bloße Anbahnung des Cunoschen Kabinetts hin scheint mir zu beweisen, daß auch ihr Fallen ein Trick
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| war und daß man - auf diese Art,die vielen Tausenden das Leben kostet - uns eben helfen wollte. Die Not des Mittelstandes wurde mir neulich im Wohlfahrtsministerium in Farben geschildert, die mich tief ergriffen haben.
Mein arbeitsreiches Leben fließt in Gleichförmigkeit dahin. Der Strom geistiger Kräfte, für den ich den Induktor bedeute, wird fühlbar immer größer. Privatleben geht nur durch die Post. Manchmal auch jetzt wieder recht eigenartig. Eine geistvolle Frau, die ich im ganzen 7 oder 8 mal gesprochen habe, macht z. B. folgenden Vorschlag: Sie liebe einen anderen und werde von ihm geliebt, könne ihn aber nicht heiraten, weil er - wennschon ganz äußerlich - verheiratet ist. Ob ich vielleicht geneigt wäre, sie zu heiraten, da sie ein Kind zu haben wünsche; nach kurzer Zeit könne dann die Trennung erfolgen, wobei sie die Schuld auf sich nehmen werde.*)[Fuß] *) will dann dem anderen in freier Bindung angehören! - Daß dies ein Knäuel von Gefühlswirrungen ist, ist mir nicht
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| gelungen, ihr klar zu machen. Auch eine Bereicherung meines Herbariums.
Am vorigen Mittwoch habe ich im Aud. max. über "Idee u. Aufgaben einer Kulturphilosophie" gesprochen (nachdem ich schon von 4-7 zu sprechen hatte.) Es ist garnicht nach meinem Wunsch herausgekommen. Angeblich aber soll die Wirkung sehr gut gewesen sein. Im ganzen habe ich in der vorigen Woche 15 Stunden geredet. Von den fast täglichen Einladungen nach auswärts habe ich auch eine solche der Züricher Studentenschaft für 150 frcs abgelehnt. Montag war ich bei Dora Thümmel; heut Nachm. bei Imhülsens, wo über die Berufswahl m. Patenkindes Werner gesprochen wurde. Morgen früh will ich bei geeignetem Wetter auf den Kirchhof, dann aufs Ministerium. Freitag nach dem Seminar ist Staatswiss. Gesellschaft. Sonnabend kommt der Jugendrichter, nachm. Fröbelverband, abends Friedberg. Sonntag wird Bauch bei mir vielleicht zu Mittag essen. Dienstag Konferenz im Staatsmin. über Mädchenschulen, Mittwoch Dozentenversammlung der Studiengemeinschaft.
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Mein häusliches Leben ist nur halb geregelt. Frau E. ist zuverlässig, ruhig, sauber (bis auf Lüften) und kocht gut. Aber gerade die Eigenschaft, die wir an ihr mit Scheu behandeln sollten, hat sie nicht: Selbständigkeit. Es bleibt mir zu viel zu tun. Jeden Tag ist ein neuer Knoten, gegenüber dem sie versagt. Und am Sonntag sah es in allem Frieden so aus, als ob unser Verhältnis nicht von Dauer sein werde. Sie will sich partout nicht bei mir anmelden lassen, weil sie dann ihre eigne Wohnung verlieren könnte. Das geht natürlich nicht. Ich habe ihr alles genau geraten, wie es mit Polizei u. Wohnungsamt gemacht werden soll. Aber sie besorgt nicht einmal ihre Kleberei richtig. Ich muß hinter allem mit Fragen u. Treiben hinterher sein. Ein - jenseits von Kochen und Schrubbern - trauriges Temperament, das auch stimmungsmäßig schlecht wirkt, da sie überall unerträgliche Schwierigkeiten sieht.
Auf meinen Rat ist für diese Wohnung das Selbstwaschen abgeblasen worden. Hauptgrund:
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| Diebstahlsgefahr auf dem Boden. Außerdem: es ist nur 1 Rolltuch da u. 2 weitere mit 6700 M waren mir im Augenblick zu teuer. 2 Plätteisen (einfachst) à 300 M sind gekauft worden.
Am Montag Mittag 1 Uhr hat ein längere Zeit klingelnder und klopfender Bettler während ich vorn Besuch hatte u. Frau E. natürlich das Klingeln nicht hörte, den Metallbeschlag des Schlosses an der Eingangstür gestohlen. Als ich fortging, sah es so aus, als sei schon eingebrochen. Ich nahm das als Warnung u. kaufte gestern für 2850 M ein sehr gutes Sicherheitsschloß, das Kolozcisik für 230 M sofort befestigte. Morgen kommt für ca. 1500 M Gasbeleuchtung in Frau Es Stube, da jeder Liter Petroleum jetzt 320 M kostet. Bei all diesen Sachen stellt sie sich wie ein Kind an. Für eine Zeit mag das gehen. Lebt sie sich nicht ein, so muß ich wohl mal auf den Arbeitsnehmers des Mittelstandes gehen. Denn es ist besser, 1-2 mal eine Reinemachefrau zu nehmen; als dauernd
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| jemanden zu haben, der nicht weiß, was er machen soll. E. Bahr war da doch 10mal so intelligent. Billiger haben wir diese Woche gewirtschaftet. Ich glaube aber, daß ichzu nahrhaft lebe. Es sei denn, daß das abendliche Magendrücken von schlechten Zigarren kommt.
Da hier in Berlin selbst für 30 M nur spärliches Zeug zu haben war, habe ich 300 Stück passable aus Waldheim für 7635 M kommen lassen - das 1. Mal in m. Leben, daß ich einen so großen Ankauf mache. Ob ich das "kann" ist ganz dunkel. Niemand von uns weiß, wie viel Gehalt er jetzt hat.
Birkemeier hoffe ich durch Beschäftigung an der Pestalozzisache für den Winter über Wasser halten zu können. Im übrigen habe ich ihn an die Techn. Hochschule in Darmstadt warm empfohlen.
Die Übungen über Scheler sind maßlos schwer u. anstrengend. Ein unangenehmer Jude, William Sterns durch die gedruckten Tagebücher berühmter Sohn Günther, verstimmt mich etwas. Aber wir lernen immens viel dabei, ich eingeschlossen.
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| Der Scheler hat doch ein fabelhaftes Niveau.
Für mich habe ich angefangen, Fröbel durchzuarbeiten, damit der Plan eines kleinen verständlichen Buches über ihn möglicherweise nebenbei gefördert werde. Ich sehe schon: schwer ist es garnicht, aber so umfangreich, daß ich ohne Sekretär es nicht schaffen werde.
Die bodenlose Verwahrlosung durch Frau D. im Seminar haben Littmann und ich mit energischem Zugreifen beseitigt. Schröbler hat mir eine große Freude gemacht, indem er mir Pestalozzis Werke in der Cottaschen Originalausgabe (15 Bde.) schenkte. Die Gastkommission macht enorm viel Arbeit und wenig Freude. Einen Kandidaten im Staatsexamen habe ich wegen Abschreibens der schriftl. Arbeit, eine gute Dame im Doktor Hauptfach wegen Unwissenheit "gesenkt". - Bei Riehls war ich vor 10 Tagen mit Susanne. Sie sollen jetzt ein Mädchen haben (Abiturientin!)
"Oberlin" wäre für mich wohl erst recht zu lang. Ich hätte es sonst gern gelesen. Ina Seidels Roman über Georg Forster würde mich auch interessieren. Aber es ist sehr spät. Ich muß diesen Bericht schließen u. fasse alles Ungesagte zusammen in ein herzliches Gute Nacht. Tausendfachen Dank u. innige Grüße <li. Rand> auch an unsre Freundin. Stets Dein Eduard.
[Kopf] Einladung für Weihnachten nach H. scheint mir nicht annehmbar.